Gesellschaft

10 Milliarden in den Miesen: Erasmus vor dem Aus?

Artikel veröffentlicht am 3. Oktober 2012
Artikel veröffentlicht am 3. Oktober 2012
Der Etat für Erasmus ist ausgeschöpft. Ab diesem Monat können einige Projekte, die durch den Sozialfonds der Europäischen Union finanziert werden, nicht mehr gedeckt werden. Auch wenn ein nachträglicher Haushaltsplan, der für den 23. Oktober erwartet wird, das Programm retten dürfte, so bleibt das Schicksal von Erasmus unsicherer denn je.
In Zeiten des Sparzwangs könnte es nur eine klare Bestimmung der Ziele sowie des tatsächlichen Einflusses auf die Karriere der Studierenden vor den geplanten Kürzungen bewahren.

Laut einer Mitteilung Alain Lamassoures, eines Abgeordneten des Europäischen Parlaments,„sind die Mittel des Erasmus-Programms ab der nächsten Woche ausgeschöpft“. Die Nachricht kommt zu einem Zeitpunkt, als die Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag des europäischen Austauschprogramms gerade einen Wendepunkt markiert hatten. „Der europäische Sozialfonds, so die Erklärung des EU-Abgeordneten, hat Schulden in Höhe von zehn Milliarden angehäuft, und seit Beginn des Monats kann er die Rechnungen für einige Projekte nicht mehr begleichen. Nächste Woche wird es dem Erasmus-Programm an den Kragen gehen und ab dem Monatsende werden die Streichungen das Programm für Forschung und Innovation betreffen.“

„Jegliche Hoffnung ruht nun auf dem für den 23. Oktober zu erwartenden Vorschlag zur Korrektur des Etats.“

Ein harter Schlag für all diejenigen, die sich gerade anschicken, in den nächsten Monaten ihre Koffer zu packen  und damit in die Fußstapfen ihrer älteren Geschwister treten. Die gegenseitigen Vorwürfe zwischen europäischen Institutionen und nationalen Regierungen, die sich eines Verhaltens, das sich am Rande der „Absurdität“ bewege, schuldig gemacht hätten, führen in Lamassoures Augen nicht weiter. Es bleibt nichts anderes übrig, als auf den 23. Oktober 2012 zu warten. Dann nämlich wird der EU-Kommissar Janusz Lewandowski einen Vorschlag zur Korrektur des Budgets 2013 vorlegen. 

Auch „Erasmus for all“, das neue Programm, das 2014 anlaufen sollte, ist davon bedroht, dem Rotstift zum Opfer zu fallen. Die anfangs 3244 Pioniere, die sich im akademischen Jahr 1987/88 für das Austausch-Programm entschieden, mauserten sich 2010/11 zu 2310408 Erasmus-Willigen (Quelle: DG EAC). Beeindruckende Zahlen, die die letzten sein könnten, die veröffentlicht werden. 

Die Party ist aus

„Ich weiß sehr wohl, dass Erasmus auch eine Zeit der Partys ist, räumt Leonarda Vanicelli, Verantwortliche der Human Ressources-Abteilung Human bei Doxee (Modena, Italien) ein. Ich habe die jungen Leute bei Vorstellungsgesprächen immer „geneckt“, wenn sich Bewerber in ihrem Lebenslauf auf Erasmus berufen haben. Diejenigen, denen es gelang, im Vorstellungsgespräch gut abzuschneiden, waren diejenigen, die mir erzählten, wie viel sie gelernt haben und wie sie das geschafft haben.“

Das Erasmus-Programm - ein Auslaufmodell?

In der für das Erasmus-Programm schwierigsten Stunde haben wir einige Human Ressources-Verantwortliche sowie Studierende um ihre detaillierte Meinung gebeten. Die Zahlen sprechen für sich. Die Zahl der Studierenden, die im letzten Jahr nach Europa aufgebrochen sind, hat sich um 8,9% gesteigert. Aber worin besteht eigentlich der praktische Nutzen des Programms? Darin, die Generation Europa zu formen? In den Augen der Politik, die in diesen Tagen Europa prägt, zählt einzig und allein das Geld. Und solange sich die Investitionen in das Austausch-Programm für die jungen Menschen nicht auszahlen, sondern sich weiter auf die angeschlagenen Staatshaushalte auswirken, wird es immer möglich sein, den Rotstift anzusetzen. 

„Die Vorgänger-Generation der Unternehmer und Human-Ressources-Verantwortlichen, glaubte, so Vanicelli weiter, dass Erasmus nur eine Zeit der Partys sei. Die nachfolgende Generation (wie mein 43-jähriger Vorgesetzter) weiß hingegen, dass neben Spaß die Ausbildung nicht zu kurz kommt, und deshalb ist es von Bedeutung, im Lebenslauf hervorzuheben, was man gelernt hat.“ Dieser Empfehlung sind viele Studierende schon gefolgt. Ohne jemanden zu finden, der bereit gewesen wäre, ihnen Gehör zu schenken. 

Erasmus und Karriere

„Erasmus ist nach wie vor eine sehr qualifizierende Erfahrung, aber es kommt darauf an, wie man ihm begegnet“, erzählt der 26-jährige Spanier Enric-sol Brinesi Gomez, der nach Erasmus in Paris und anderen akademischen Auslandsaufenthalten in Brasilien und den USA unterwegs auf die Philippinen ist. Nach seinem Studienabschluss hatte Enric ausschließlich Vorstellungsgespräche bei nichteuropäischen multinationalen Konzernen. „Meiner Ansicht nach wertschätzen die Unternehmen heutzutage die Erfahrungen außerhalb der EU“, tut er seine Meinung kund, bevor er für einen Flug nach Manila eincheckt, wo er für die Containerschiffsreederei Maersk tätig sein wird.

Auch die 25-jährige Italienerin Chiara Tampieri war Erasmus-Studentin in Paris, auch sie ist auf der Suche nach Arbeit. „Ich habe ein Praktikum in der Nähe von Nizza absolviert, kurz bevor ich meinen Hochschulabschluss erworben habe. Wollt ihr es wirklich wissen? Niemand hat mich jemals nach meinem Erasmusjahr befragt. Ausschlaggebend war, dass ich Französisch spreche und ein einschlägiges Studium absolviert habe.“

Das Vorstellungsgespräch

Jarlath Dillon, Direktor für Internationale Angelegenheiten innerhalb der IGS-Gruppe in Paris, ist davon überzeugt, dass „Erasmus eine echte finanzielle, körperliche und geistige Investition ist und sich das Beste nur dann erschließt, wenn man sich über die Ziele klar wird, bevor man aufbricht.“ IGS, seit 35 Jahren eine der besten französischen Kaderschmieden für die Ausbildung von Human-Ressources-Managern, gibt ihren Studierenden vor der Abfahrt Fragebögen an die Hand. 

„47% unserer Studierenden wollen in englischsprachige Länder gehen. Ich sage ihnen: Hebt euch von der Masse ab, geht anderswo hin, wenn ihr einen Job sucht", rät Dillon. "Vorausgesetzt, ihr versteht es, eure Beweggründe zu erklären: Zum Beispiel, dass ihr nach Polen gegangen seid, weil euch ein bestimmtes Geschäftsmodell interessierte, ein kulturelles Projekt, das ihr vertiefen wolltet…“

Laut einer Umfrage (Heublein, 2009) glauben 85% der deutschen Studierenden noch, dass Erasmus dazu beitrage, die eigenen Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Wie das Projekt Valera (Bracht e al., 2006) bewies, betrachten die Hälfte der Studierenden und ein Drittel der Arbeitgeber Erasmus noch immer als wichtige Erfahrung in der Einstellungsphase.

Die Argumente für die Rettung von Erasmus bieten seit jeher einem Stipendium, das sich pro Person auf durchschnittlich 250€ beläuft und sich damit an der Grenze zur Mittellosigkeit bewegt, sowie dem Gefühl eines Sprungs ins kalte Wasser, das die wenigen Ausgewählten begleitet, die Stirn. Erasmus, um es in wenige, ausschließlich wirtschaftliche Worte zu fassen, ist eine Investition fürs Leben. Wird seine Bedeutung für die berufliche Karriere nicht präzise bestimmt, läuft man in Zeiten, in denen das Sparen zum kollektiven Wettbewerb avanciert ist, Gefahr, jenen, die auch die letzten Subventionen kürzen wollen, keine Argumente mehr entgegensetzen zu können.

Illustrationen: Teaserbild (cc) Mait Juriado/flickr