Brüssel

Salman Rushdies Autobiographie: Ein Plädoyer für freie Meinungsäußerung

Artikel veröffentlicht am 4. Dezember 2012
Artikel veröffentlicht am 4. Dezember 2012
Von Florent Verfaillie / Übersetzt von Patricia Fridrich Salman Rushdie war am 13. November in Brüssel, um seine Autobiographie „Joseph Anton“ vorzustellen. Eine Gelegenheit für den Autor, seinen Kampf für die Redefreiheit zu bekräftigen – kennt er doch die damit verbundenen Schwierigkeiten und Verantwortlichkeiten. Ein Treffen mit einem unterhaltsamen Redner, der nicht den Mund hält.

Salman Rushdie war am vergangenen Mittwoch in Brüssel, um seine Autobiographie „Joseph Anton“ vorzustellen. Im prunkvollen und ausverkauften Henry Le Boeuf Saal des BOZAR-Kunstzentrums wurde der in Indien geborene britische Schriftsteller mit viel Applaus von seinem Publikum empfangen. Es war eine jener Veranstaltungen, bei der sich französischsprachige und niederländisch sprachige Belgier mit Expats vermischen und es notwendig ist, die Zuhörer in allen drei Sprachen willkommen zu heißen. Französisch, Niederländisch und Englisch im Wechsel – und natürlich nur wenige oder überhaupt keine Wiederholungen in den jeweils anderen Sprachen. Typisch belgisch!

Der herzliche Empfang, der Rushdie bereitet wurde, ließ erwahnen, welch ein Privileg dem Publikum zuteilwurde, an einem seiner vor einigen Jahren noch seltenen öffentlichen Auftritte teilzunehmen. Die Zahl der Zuschauer kommentierend, lobte der Autor spöttisch: „Habt ihr nichts besseres zu tun?”

Das erste Lachen folgt und gibt den weiteren Ton der Veranstaltung an. Im Verlauf der Diskussion mit der Interviewerin wird schnell klar, dass Rushdies Sinn für Humor nicht nur eine Charaktersache ist: es ist eine Lebenseinstellung. Offensichtlich hat sie ihm sehr dabei geholfen, die harten Lebensbedingungen der letzten Jahrzehnte zu meistern.

1989 wurde Salman Rushdie wegen seines Buches „Die satanischen Verse” durch eine Fatwa des iranischen Ayatollah Khomeini zum Tode verurteilt. Das Buch sei, so lautete der Vorwurf, gegen den Islam, den Propheten und den Koran gerichtet. Die Drohung war extrem ernst zu nehmen: Rushdies japanischer Übersetzer wurde ermordet, und auch Angriffe auf seinen italienischen Übersetzer und seinen norwegischen Verleger endeten fast tödlich. Geschützt durch den britischen Geheimdienst, musste Rushdie fortan versteckt leben und konnte sich nur unter ständiger polizeilicher Überwachung von einem Ort zum anderen bewegen. Ein alles andere als glamouröses Leben. Als er sich einen Decknamen zulegen sollte, kam er auf „Joseph Anton”, eine Zusammenfügung seiner beiden Lieblingsschriftsteller Joseph Conrad und Anton Tschechow. Sie sollten ihm eine Zeitlang eine neue Identität verschaffen. Und machten Rushdie damit selbst zu einer Art fiktivem Charakter.

„Joseph Anton“ ist eine Geschichte darüber, wie ein Schriftsteller mit seiner Familie über ein Jahrzehnt andauernder Gefahr ausgesetzt ist und wie sehr dieses Leben an die Substanz geht. Es handelt davon, wie er ein enges Verhältnis zu seinen Bodyguards aufbaut, wie er weiter arbeitet, sich der Kritik stellt und um Unterstützung kämpft, wie er sich verliebt und wieder entliebt, wie er stolpert und lernt, sich zu wehren. Das Buch ist wie ein Roman aufgebaut, als Prosatext und in der dritten Person geschrieben. Auch wenn dieses “Er” merkwürdig wirkt, trägt diese Erzählweise doch dazu bei, Rushdie geistigen Freiraum zu geben und eine kritische Distanz zu sich aufzubauen. Im Buch entspricht diese Wahl der Aufteilung in mehrere Persönlichkeiten seiner selbst:Rushdie versus Anton, der private gegenüber dem öffentlichen Mann, der Schriftsteller gegenüber dem Charakter.

aber auch mit rohen Gefühlen und voreiligen Urteile geschrieben. Dennoch ist es ein wesentlicher Beitrag zur Selbstbehauptung. Rushdie will damit die von der “Boulevardpresse konstruierten” Missverständnisse über seine Position und Rolle beseitigen: ein immigrierter Schriftsteller mit muslimischem Hintergrund, der aus einer ehemaligen Kolonie kam, um im Westen als Atheist sesshaft zu werden. Diese Reise lehrte ihn, wer er war und was er sein wollte. Das Buch macht deutlich, warum es Rushdie wichtig war, seine Ehre als Schriftsteller zu verteidigen, und es stellt seine Entscheidungen und seinen Standpunkt in umfassender und erzählerischer Weise dar.

Salman Rushdie spricht sanft und abwägend, seine Wortwahl ist präzise und angenehm. Er ruht in sich selbst. Doch Rushdie ist ein Kämpfer und genießt es offensichtlich auch, anderen auf dem intellektuellen Schlachtfeld gegenüberzutreten. Er lehnt Angst und Wut entschieden ab und plädiert für Spaß und Entdramatisierung als entscheidende Notwendigkeiten in einer offenen und toleranten Gesellschaft. Auf die Frage hin, ob er bedauernswerte gewaltsame Reaktionen hervorgerufen habe, antwortet er: „Es bedeutet nicht, dass wir die Vorstellung aufgeben müssen, dass Menschen in einer offenen Gesellschaft anderer Meinung sind. Und das muss in Ordnung sein."

Wie er ironisch bemerkt, hat ein Leben in Gefangenschaft zur Verteidigung der Freiheit etwas absolut Groteskes an sich. Aber er besteht darauf: „Die Literatur ist die Stimme der Freiheit." Nach den jüngsten Protesten in muslimischen Ländern gegen einen diffamierenden Film, wird „Joseph Anton” sicher auf das eine oder andere Echo stoßen und die Debatte über Redefreiheit vorantreiben.

Trotz seiner tiefen Abneigung für eindeutige Interpretationen, versucht der Autor doch ganz bewusst, seine eigenen als Wahrheit zu verkaufen. Insbesondere im Bezug auf das, was seine eigene Version seiner Lebensgeschichte bleibt. Aus dem Herzen heraus zu schreiben kann kaum genug sein. Diese Anregung sollten unsere Leser als einen offenen Aufruf zur Kritik nehmen. Als einen Appell für neue, lebhafte Debatten. Video der Buchvorstellung