Brüssel

Junge Leute in der Krise: Kinder, Kinder

Artikel veröffentlicht am 6. März 2015
Artikel veröffentlicht am 6. März 2015

Im Rahmen der Kampagne #YouthinMotion leiht Cafébabel jungen Menschen seine Stimme. Diese lassen uns teilhaben an ihren Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche oder auch ihren Tipps um trotz Krise erfolgreich zu sein. 

Für den zweiten Artikel über junge Leute angesichts der Krise hat Cafébabel Stéphanie getroffen, eine Kinderkrankenschwester, die sich vor allem für den frühkindlichen Bereich begeistern kann. Um am Ende des Monats über die Runden zu kommen, ergänzt sie ihr Einkommen durch die Einnahmen aus einer Vielzahl von Babysitting-Stunden.

cafébabel: Stéphanie, könntest du dich vielleicht kurz vorstellen?

Stéphanie: Ich bin 25 Jahre alt. Mein Studium als Volksschullehrerin am ISPG in Brüssel konnte ich aus familiären Gründen nicht beenden, habe aber parallel dazu eine Ausbildung in der Säuglingspflege und Betriebspsychologie absolviert. Im Moment arbeite ich als Erzieherin in einer Kita.

cafébabel: Um am Monatsende über die Runden zu kommen, machst du also viel Babysitting...

Stéphanie: Ja, ich passe auf Kinder auf, die ich durch die Arbeit kenne oder über Familie oder Freunde. Ich babysitte seit ich 16 Jahre alt bin. Ich bin selbst die Älteste aus einer großen Familie, also hab ich schon lange Routine damit, mich um jüngere zu kümmern.

cafébabel: Wieso gehst du gerade Babysitten?

Stéphanie: Schon allein weil ich Kinder liebe aber auch weil ich dadurch ein bisschen Geld dazuverdienen und gleichzeitig in meinem Bereich bleiben kann. Aber vor allem macht es mir Freude. Es kommt oft vor, dass ich babysitten gehe obwohl ich sehr müde bin oder schon etwas anderes vorhatte, weil ich das Kind oder die Familie liebe und weil ich weiß, dass ich eine tolle Zeit mit ihnen verbringen werde !

cafébabel:  Wie viele Stunden arbeitest du normalerweise? Bist du flexiblel?

Stéphanie: Ich arbeite 19 Stunden in der Woche in der Krippe und mache rund 15 Stunden Babysitting. Es ist flexibel, weil ich untertags arbeiten und dann mein Einkommen am Abend nach den Eltern richten kann.

cafébabel: Gibt es viel Konkurrenz in diesem Bereich? Wieviel Geld verdienst du?

Stéphanie: Ich arbeite gemeinsam mit Kolleginnen von mir, unter uns gibt es kein Konkurrenzdenken. Wir vertreten uns manchmal gegenseitig. Wie viel man verdient hängt von der Ausbildung und der Erfahrung als Babysitter hab. Der geringste Betrag den ich je bekommen habe waren 8 Euro in der Stunde. Dadurch dass ich auch bei den Hausaufgaben helfe und viel mit den Kindern unternehme, verdiene ich bis zu 13 Euro in der Stunde. Ich möchte keinen fixen Preis verlangen und frage immer wieviel die Eltern mir vorschlagen würden und passe mich der Familie und der Anzahl der Kinder an. Normalerweise bleiben es um die 10 Euro.

cafébabel: Wie würdest du den Arbeitsmarkt für Pädagogen in Brüssel beschreiben ? Findet man leicht Arbeit?

Stéphanie: Nein, überhaupt nicht ! In Brüssel ist es sehr sehr schwierig. Schon oft hat man mich weggeschickt, als ich eine Vollzeitstelle als Kinderkrankenschwester gesucht habe weil ich das Studium als Volksschullehrerin gemacht habe und daher überqualifiziert war für die Stelle. Manchmal muss man perfekt Niederländisch sprechen, ich spreche aber Französisch und Englisch, das passt also auch nicht.  Wenn man zwei Teilzeitstellen kombiniert verliert man viel Geld an die Steuer und oft lassen sich die beiden Stellen dann auch zeitlich schlecht miteinander vereinbaren. Und wenn ich eine Vollzeitstelle in einer Krippe bekomme, muss ich mit einem sechsmonatigen befristeten Arbeitsvertrag beginnen und daher meinen unbefristeten Teilzeit-Vertrag kündigen, mit dem Risiko, dass man mich am Ende doch nicht behält. Ich suche jetzt seit vier Jahren eine Stelle in einer anderen Krippe um meine Stunden hier zu ergänzen, aber jedes Mal passt irgendetwas nicht. Auch aus diesem Grund mache ich Babysitting, so muss ich mich finanziell nicht auf meine Eltern verlassen.

cafébabel: Ist es deine freie Entscheidung bei deinen Eltern zu wohnen oder ist das nur aus finanziellen Gründen?

Stephanie: Ich könnte alleine leben, aber mit meinem Teilzeiteinkommen von 900 bis 1000 Euro im Monat müsste ich den Gürtel wirklich eng schnallen und könnte mir gar nichts für später auf die Seite legen wie zum Beispiel für eine eigene Wohnung. Statt mir etwas zu mieten, bleibe ich also so lange es geht bei meinen Eltern um mir einiges Tages vielleicht eine schöne Wohnung zu kaufen. Aber es ist kompliziert als junger Mensch ein Darlehen für eine Wohnung aufzunehmen: Man muss Lohnzettel vorlegen, beweisen dass man Sicherheiten hat und außerdem sind die Zinsen höher in einem jungen Alter. Meiner Meinung nach wird viel zu wenig gemacht um junge Leute dabei zu unterstützen unabhängig zu werden. 

cafébabel: Was erwartest du von der Politik um die Situation von jungen Leuten zu verbessern?

Stéphanie: Mehr Unterstützung und eine besseres Gefühl für die jeweiligen persönlichen Umstände. Zum Beispiel gibt es ein anteiliges Arbeitslosengeld für Personen die Teilzeit arbeiten, aber ich habe kein Anrecht darauf weil ich bei meinen Eltern wohne. Mein Vater hat ein anscheinend zu hohes Einkommen, aber in Wirklichkeit reicht es nicht für die Bedürfnisse der ganzen Familie. Eine meiner besten Freundinnen war Studentin als ihre Eltern sich scheiden haben lassen. Ihr Vater ist Zahnarzt und ihre Mutter Anwältin aber sie hat Studienbeihilfe bekommen, weil ihre Eltern sich getrennt hat. Ich hatte nie ein Recht auf Beihilfe. Was ich verlange ist einen faireren Ausgleich. Die Politik muss auch etwas tun für junge Leute die ihr Studium beenden und ein Jahr lang kein Arbeitslosengeld bekommen. Es braucht seine Zeit aber oft ist es extrem schwierig einen ersten Job zu finden, weil oftmals zu viel Erfahrung verlangt wird. Das führt zu komplizierten Situationen für junge Akademiker. 

Dieser Artikel ist als Teil der Kampagne #YouthinMotion von cafébabel Bruxelles veröffentlicht und leiht jungen Leuten seine Stimme. Diese lassen uns teilhaben an ihren Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche oder auch ihren Tipps um trotz Krise erfolgreich zu sein. 

Korrekturleserin im Original : Clémence Burkel