Brüssel

Indien-Bangladesch: die Mauer, die Angst und ein mutiger Fotograf

Artikel veröffentlicht am 14. Oktober 2014
Artikel veröffentlicht am 14. Oktober 2014

Zwei Jahre lang hat der belgische Fotograf Gaël Turine die Region um die Mauer, die Indien von Bangladesch trennt, erkundet. Das Ergebnis seines fotografischen Werks kann man momentan in Brüssels Le Botanique anschauen. Die Ausstellung, die manch einem die dortigen Verhältnisse klarmachen wird, trägt den Namen Die Mauer und die Angst.

Wusstet ihr, dass zwischen Indien und Bangladesch entlang der 3200 km langen gemeinsamen Grenze eine ebenso lange Mauer steht? Eine kurze Befragung in meinem Umfeld zeigt, dass das Projekt von Gaël Turine eine Realität aufzeigt, die vielen von uns unbekannt ist.

Ein kostspieliger Grenzwall

Der Grenzwall, der ab 1993 gebaut wurde, stellt eine unendliche Anreihung von Stacheldrahtzaun, Beton und Backsteinen dar. Er ist genau so lang wie die Grenze zwischen Indien und Bangladesch. Um die Mauer herum stellt ein Gebiet von ungefähr 150 Metern ein Niemandsland dar. Um die Sicherheit und Dichtung der längsten geopolitischen Schranke auf der Welt zu gewähren patrouillieren 220 000 Soldaten der indischen Border Security Force (BSF) sowie 70 000 Amtskollegen der Border Guard Bangladesh (BGB) Tag und Nacht. 4 Milliarden Dollar hat die Errichtung dieser Mauer gekostet. Die Instandhaltungskosten der Anlage schlagen seit 1993 nochmal mit mehr als einer Milliarde zu Buche.

So viel zu den Fakten. Vor Ort hat dieses Bauwerk sowohl soziale, wirtschaftliche, ökologische als auch religiöse Auswirkungen. Es hat dem traditionellen Handelssystem ein jähes Ende gesetzt. Auch ist die Mauer der Ursprung einer gewaltvollen Repression gegen die lokalen Bevölkerungen, insbesondere die Bangladeschi sind davon betroffen.

Um den Ursprung dieser militarisierten Grenze zu verstehen muss man zweifelsohne in die Geschichte dieser Region eintauchen. 1947 hatte das britische Kolonialreich Indien nach religiösen Kriterien geteilt: auf der einen Seite, das mehrheitlich muslimisch-geprägte Dominion Pakistan (heute: Pakistan und Bangladesch), auf der anderen, die hauptsächlich hinduistisch-geprägte indische Union. 1971 erklärte Bangladesch seine Unabhängigkeit. Lange Zeit sind Tausende von Bangladeschis nach Indien geströmt, ohne dass die indischen Behörden sie daran gehindert haben. Doch im Zuge der 1980er wurde der Protest gegen die Einwanderungsströme immer lauter, so dass die zentrale Regierung 1986 den Bau einer Grenze zwischen der indischen Region des Assams und des benachbarten Bangladeschs entschieden hat. Zwölf Jahre später entscheiden die indischen Behörden den Wall entlang der gesamten Grenze zu Bangladesch auszuweiten. Dies wurde mit verschiedenen Argumenten begründet: um die illegale Einwanderung der Bangladeschis zu stoppen, um jede Form illegalen Handels einzudämmen und um islamischen Terror zu verhindern.

Alle fünf Tage stirbt ein Mensch an der Grenze

Es war ein furchtbares" Video, das Gaël Turine im Internet entdeckt hat und das ihn auf das Schicksal der Anwohner auf beiden Seiten der indisch-bangladeschi Grenze aufmerksam gemacht hat. Gewappnet mit einer Fotokamera macht er sich auf die Reise, um diejenigen kennenzulernen, die von den internationalen Medien vergessen" werden. Gaël Turine wurde 1972 geboren. Er hat in Brüssel Fotografie studiert. Seine bereits mehrfach ausgezeichnete Arbeit wird regelmäßig ausgestellt und in internationalen Medien veröffentlicht.

Die Ausstellung präsentiert Schwarzweißfotografien und ein sehr informatives Video-Interview von Gaël Turine selbst. Alle Bilder sind mit einem Titel bezeichnet, manche sogar mit längerem Text. So entfalten sich die kontextualisierten Fotos vollständig in ihren Dimensionen.

Die Mauer zwischen Indien und Bangladesh hat den traurigen Ruf die Grenze auf der Erde zu sein, an der die meisten gewalttätigen Übergriffe stattfinden. Den Statistiken von Neu Delhi zufolge stirbt alle fünf Tage ein Mensch, der versucht die Grenze zu passieren.  Zu diesen offiziellen Zahlen - von denen man sich leicht denken kann, dass sie zu niedrig gesetzt sind - kommen noch die häufigen Foltervorkommnisse hinzu und die Vergewaltigungen, die durch Soldaten der BSF und in geringerem Maße durch die BGB begangen werden. 

Die große Mehrheit dieser Opfer sind Bangladeshi. Während sie in einem der ärmsten und meist bevölkerten Länder der Welt leben, sehen sie im benachbarten Indien eine Art Eldorado.

Wie die Fotos von Gaël Turine zeigen, sind es zahlreiche Menschen, die tagtäglich versuchen illegal über die Grenze nach Indien zu gelangen, trotz der Risiken, die sie dabei eingehen.

Man sieht diese Frauen, die entlang der Mauer in der Grenzstadt Hili laufen. Sie sind nach Indien gegangen, um Gewürze, Schönheitsprodukte, Medikamente oder Schmuck zu kaufen, den sie zuhause weiter verkaufen werden. Sie laufen dicht hintereinander, um in besserer Position zu sein, wenn sie das Pech hätten Nase an Nase indischen Militärs zu begegnen.

Es gibt Bangladeshikinder, die für einen lächerlichen Lohn, Waren von einem Ort zum anderen tragen.

Gaël Turine erzählt durch individuelle Geschichten von dem Grenzwall und den umrandenden Gebieten. Seine Foto-Serie, die Porträts von Opfern oder von Mitgliedern ihrer Familie zeigt, ist besonders ergreifend. Wir entdecken z.B. Roksana, deren Bruder und Vater von Grenzschutzsoldaten getötet wurden. Unter dieser Gruppe von Fotografien sind die Bildunterschriften ausführlicher und drei Fotos werden sogar von Erzählungen in der Ich-Form begleitet.

Kein Interesse - weder an der Mauer, noch an den Fotografien

Die Mauer und die Angst ist ein Projekt mit langer Laufzeit. Zwei Jahre lang hat sich Gaël Turine mehrfach in die Grenzgebiete von Indien und Bangladesch begeben. Der belgische Fotograf hat sich den Luxus gegönnt, sich Zeit zu nehmen, zuzuhören, sich auszutauschen, um die Geschichte des Walls und der Menschen, die im Grenzgebiet, in Städten und Slums leben, besser wiedergeben zu können. Er weist außerdem darauf hin, dass jede Aufnahme für sich nur ein Zwanzigstel der Zeit darstellt, die er mit den lokalen Bevölkerungen verbracht hat.

Vor Ort war die Arbeit des Fotografen nicht leicht. Die Soldaten der BSF und der BGB verfügen nämlich über ein Netzwerk von Informanten in den Dörfern. Alle drei Tage mussten der Fotograf und sein Dolmetscher den Ort, an dem sie sich aufhielten verlassen, damit sie keinen Verdacht erweckten und von den Grenzsoldaten nicht ausfindig gemacht wurden. Weder die indischen Behörden, noch ihre pakistanisches Kollegen, haben natürlich Interesse daran, dass man von der Mauer erzählt. Die Behörden haben ein stillschweigendes Abkommen: Übergriffe an der Grenze werden gedeckt, wodurch verhindert werden soll, dass Journalisten in das Gebiet kommen.

Die Reportage von Gaël Turine hätte, ohne die höchst wertvolle Hilfe der Nichtregierungsorganisation der Bangladeshi für die Verteidigung der Menschenrechte, Odhikar, nicht den Tag erblicken können. Seine Mitglieder haben den belgischen Fotografen und seinen Dolmetscher in jedes Gebiet begleitet. In ihrer Vermittlerrolle haben die Aktivisten von Odhikar Gaël Turine in Kontakt mit Grenzgängern gebracht, und ihnen sein Projekt erklärt. Letztendlich wurde keine der Familien wirklich belästigt, wenn auch mehrere Einwohner nach dem Besuch des Fotografens befragt wurden. Einer der Aktivisten von Odhikar hat es hingegen anders getroffen: Er wurde für drei Monate von dem Blatt, für das er arbeitet, beurlaubt.

Um seine Arbeit zu finanzieren konnte Gaël Turine nicht auf die Unterstützung der Presse zählen. Weil sie das Thema nicht ausreichend kennen oder schlicht weil zu wenig Geld da war, hat keine der Presseorgane diese Geschichte geglaubt". So war der belgische Fotograf bei der Realisierung seines Projekts auf  Stipendien angewiesen

Trotz dieser Schwierigkeiten hat das Projekt Die Mauer und die Angst das Licht gesehen. Turines Reportage nimmt die Form einer Ausstellung an - die nach Brüssel in Paris gezeigt werden wird, in der Galerie Fait & Cause – und aber auch die eines Buches, das in der Sammlung Photo Poche" des Verlags Actes Sud veröffentlicht wird. Er hat ebenfalls den Preis für die beste Fotoreportage der französischen Agentur für Entwicklung erhalten.

Nichtsdestotrotz: Licht über eine verabscheuungswürdige Realität zu bringen, bedeutet nicht notwendigerweise mehr mediale Aufmerksamkeit. Gaël Turine bedauert, dass seine Arbeit ein relativ geringes Medienecho findet und dass er, wie er in eigenen Worten berichtet, sich einen abstrampeln muss", um die an der Wand ausgestellten Fotos in Zeitschriften unterzubringen.