Brüssel

Ich bin Charlie - und was dann?

Artikel veröffentlicht am 29. Januar 2015
Artikel veröffentlicht am 29. Januar 2015

Die Attentate vom 7. Januar zwingen uns, über die soziale Dynamik in Frankreich nachzudenken. Ohne einen direkten Zusammenhang herzustellen und ohne diese tragischen und abscheulichen Ereignisse zu entschuldigen, möchten wir hier die richtigen Fragen stellen. Wie konnte es zu diesen Ereignissen kommen?

Nach den Attentaten berufen sich Frankreich und Europa verstärkt auf freiheitliche Werte. Diese Dynamik könnte zu einer zündenden Idee werden, um Gesellschaftsthemen anders zu diskutieren und wenn nötig neu zu definieren. Können die tradierten gemeinschaftlichen und wirtschaftlichen Werte, die unsere Gesellschaften im 20. Jahrhundert gespeist haben, heutige Erwartungen erfüllen? 

Sind wir alle Charlie?

Seit der Befreiung von der deutschen Besatzung hatte Frankreich keinen derartigen Menschenauflauf und keine derartige Solidarität des gesamten Volks mit ein und derselben Sache erlebt. Die Ausgabe Nummer 1178 der Satirezeitschrift Charlie Hebdo wird für Frankreich und gleichzeitig für die westliche internationale Gemeinschaft immer ein Symbol für Solidarität und Toleranz bleiben. Die historische Ausgabe, die schon nach ein paar Stunden ausverkauft war, steht für ein neues Aufleben des Laizismus, für ein Zusammenrücken. 

Eine derartige Welle der Begeisterung ist positiv, aber gleichzeitig zu kritisieren, da sie sich nur in Übersteigerung äußern kann. Für einige war das Ganze eine Goldgrube, im Internet wurden Exemplare mit Gewinn weiterverkauft. Doch was bleibt, wenn die "Mode" vorbei ist? Haben wir hier nicht eine einzigartige Gelegenheit, die Prioritäten der Republik mit dem nötigen Abstand gemeinsam neu zu definieren?

Gleichzeitig gab es in der muslimischen Welt mit Pakistan, dem Iran und Afghanistan an der Spitze heftige Reaktionen auf den neuesten Titel der Satirezeitung. In der Türkei wurde das Titelblatt der Ausgabe 1178 verboten. Diese Gegenbewegungen, die höchst real sind, aber je nach Region unterschiedlich aussehen, bestätigen, dass die Ausrichtung von Charlie Hebdo in der Lage ist, für Spaltungen zu sorgen und manchmal zu schockieren. Die Herausforderung dieses Jahrhunderts bestehe laut dem umstrittenen Philosophen Tariq Ramadan darin, eine Lesart des Islams zu finden, die mit laizistischen, demokratischen Gesellschaften kompatibel ist und heutige Fragestellungen berücksichtigt.

Sicherheitsmaßnahmen - und zwar?

Dieses Drama wird uns die Verstärkung europäischer Anti-Terror-Zellen vor Augen führen. Je mehr Sicherheitsmaßnahmen verschärft werden, desto mehr werden Freiheiten eingeschränkt werden. Dass eine Aktion für die Freiheit zur Einschränkung dieser Freiheit führt, scheint paradox. Die Internationale Liga für Menschenrechte hat uns erst kürzlich vor den Risiken einer strengeren Gesetzgebung gewarnt: "Das französische Volk ist auf die Straße gegangen, um dem Terrorismus die Stirn zu bieten und die Freiheit zu verteidigen. Aber es ist eine Lüge zu behaupten, dass diese dramatischen Ereignisse aus mangelhaften Gesetzen hervorgegangen sind."

Doch regelt oder verschleiert dies das Problem? Können wir nicht mehr Lehren aus der Tatsache ziehen, dass Kinder der Republik sich gegen sie gewandt haben? Es ist so schwer vorstellbar, dass wir noch heute mit unserem Steuersystem die extreme soziale Armut nicht dauerhaft bekämpfen können. Die derzeitige französische Politik klebt an Gesetzbüchern und institutionellen Strukturen aus dem 20. Jahrhundert fest und kann heutige Erwartungen an eine Demokratie nicht mehr erfüllen. Nochmals: Es geht nicht darum, eine Entschuldigung für die verirrten Schäfchen der Republik zu finden, die sich dem Terrorismus zugewandt haben. Dagegen wäre es interessant zu erfahren, wann sie sich verirrt haben. In welchem Moment wurde die Verbindung durchtrennt?

Mais cela règle t-il le problème ou le masque-t-il ? En effet, le fait que des enfants de la République se retournent contre elle n’a t-il rien de plus à nous enseigner? Il est impensable qu’aujourd’hui encore, avec le système fiscal que nous avons, nous ne puissions réduire durablement l’extrême pauvreté sociale. La politique française actuelle bloquée dans ses codes et structures institutionnelles datant du 20e siècle ne répond plus aux attentes démocratiques contemporaines. Encore une fois, il n’est pas question d’excuser ces causes perdues de la République qui se sont tournées vers le terrorisme. En revanche il serait intéressant de savoir quand ceux-ci se sont perdus. À quel moment le lien a-t-il été rompu ?

Wenn Arbeit keine Variable für soziale Integration ist, ist eine Debatte um Wachstum und Terrorismus sinnlos. Wenn wir dagegen den Wunsch haben, als Nation an diesem Drama, das einige "den französischen 11. September" nennen, zu wachsen, ist die Frage es wert, gestellt zu werden. Die Konstruktion eines "nie wieder" setzt eine vollständige Diagnose der gesellschaftlichen Gussform unserer Republik voraus. Diese Dynamik muss auf einer übernationalen Ebene entstehen, die die von der EU gewünschten demokratischen und entwicklungsmäßigen Werte widerspiegelt; diese können Bedingungen schaffen, auf denen man aufbauen kann. So können wir das Fundament eines nicht einer Nation angehörenden, sondern vor allem europäischen Volks schaffen, das einen ausreichend stabilen gemeinsamen Nenner gefunden hat, um darauf aufzubauen. Aufgebaut und gestärkt werden soll das, was uns die beiden Weltkriege zu verteidigen lehrten: Ablehnung von Tyrannei und Einsatz für die Freiheit. Die gesamte westliche Welt hat sich versammelt, um unseren Schmerz zu teilen und diese Sache, diese Werte zu unterstützen. Die gesamte? Bis auf Herrn Obama.

In Frankreich geboren zu sein bedeutet Verantwortung, wenn man in einem beliebigen Bereich wie Gastronomie, Literatur, Kunst, Mode und Sport erfolgreich sein möchte - die Namen der Größten stehen dort bereits geschrieben. Im Gegenzug wird uns diese Verantwortung, sobald wir sie akzeptiert haben, immer stimulieren, uns selbst zu übertreffen. Wir treten in die Fußstapfen derjenigen, die aus Frankreich ein in der Welt so angesehenes Land gemacht haben.

"Wir sind die Botschafter jener Geschichte, jenes Gedankens, der aus uns ein überall angesehenes Volk gemacht hat. Denn Voltaire, Montesquieu, Rousseau haben Zeit darauf verwandt, über unsere Zukunft nachzudenken. So wie wir über die unserer Nächsten nachdenken, wenn wir uns für diese Sache zusammenschließen."

Die Massendemonstration vom 11. Januar, die größte seit der Befreiung, hat uns erinnert, warum wir stolz sein können, Franzosen zu sein. Lassana Bathily, der muslimische Held der Geiselnahme im jüdischen Supermarkt an der Porte de Vincennes, steht symbolisch für ein solidarisches, laizistisches und freies Frankreich. Zahlreiche neugegründete Bürgerinitiativen setzen sich dafür ein, dass er die französische Staatsangehörigkeit sowie die Medaille der Ehrenlegion erhält. Heute erregt Frankreich extrem viel Aufmerksamkeit. Die Menschen fragen sich, was für einen Ausweg die älteste demokratische Gesellschaft finden wird. Wird sie die Gelegenheit nutzen, um zu glänzen? Wir können unseren Status einer demokratischen Nation behaupten und das für alle Ewigkeit. Wenn es schon schwer ist, diesen Status als Franzose zu behaupten, können Sie mir glauben, dass es noch schwerer ist, den demokratisch-europäischen Status zu behaupten. Die Behauptung laizistischer und demokratischer Werte muss eine Phase beinhalten, die die geopolitische Festigung eines europäischen Gedankens weltweit ermöglicht.

Diese Überlegung hat nicht den Anspruch, im Besitz der Wahrheit zu sein; sie möchte einfach Fragen stellen, die uns helfen können, gemeinsam in einem Land zu leben, das uns allen gehört. Sobald diese Fragen beantwortet sind, können wir uns die Gesellschaft von morgen vorstellen, die wir mit der Kraft unseres Willens errichten werden. Der Satz "Ich bin Charlie" wird seinen Platz in unseren Geschichtsbüchern erhalten und wir alle werden sagen können, dass dies unsere Geschichte ist. Auf nationaler, europäischer und weltweiter Ebene schlägt unser Herz für das, was für uns das teuerste Gut ist: das Recht, frei zu denken. Wenn gesellschaftlicher Zusammenhalt gewünscht wird, muss auch die wirtschaftliche Seite und die Möglichkeit der Integration durch Arbeit berücksichtigt werden. Heute haben Menschen mit oder ohne Abschluss kaum Perspektiven; wer Glück hat, wandert aus (vgl. diesen französischen Artikel über Jugendarbeitslosigkeit).

Frankreich muss wieder das werden, was die ganze Welt von uns erwartet. Wir haben die Chance, unsere Gesellschaft anhand von Achsen wie Arbeit, Fortschritt, Freiheit und Demokratie neu auszurichten. Jugendarbeitslosigkeit ist eins der ernstesten Leiden unserer modernen Gesellschaften. Es ist der richtige Augenblick für Politicus, um Ihnen seine erste Bürgerinitiative OPCV vorzustellen.