Brüssel

EUROPAS GESCHICHTE IN GESCHICHTEN

Artikel veröffentlicht am 20. Oktober 2014
Artikel veröffentlicht am 20. Oktober 2014

Europa nicht mehr durch die Brille der regierenden Institutionen betrachten, sondern anhand der Einzelschicksale seiner Bürger: Dieses Ziel setzt sich Philippe Perchoc, Forscher an der Université Catholique de Louvain in Belgien, in seinem jüngsten Buch "Correspondances européennes", das er am 16. Oktober am IHECS vorstellte. Das Buch vereint Geschichten aus neun europäischen Ländern.

Während der Vorstellung seines jüngsten Buches, "Correspondances européennes", blieb Philippe Perchoc der Hauptthese seines Buches treu: Die Geschichte Europas sollte in erster Linie anhand der Geschichten und Schicksale europäischer Bürger erzählt werden. So war sein eineinhalbstündiger Vortrag geprägt von Anekdoten und anderen Berichten, sowohl über die persönlichen Erfahrungen des Autors als auch diejenigen der Menschen, denen er während seiner diversen Reisen begegnete.

Perchoc zufolge besteht die größte Tragödie Europas heutzutage darin, dass dem europäischen Projekt ein identitätsstiftendes Narrativ darüber fehlt, was Europa für uns tun kann. In den Sechziger-Jahren war Europa Garant des Friedens. In den Achtzigern lebte Europa vom Versprechen des Wohlstands für alle. Aber heute, insbesondere seit Ausbruch der Krise, stellt sich die Frage, was Europa seinen Bürgern noch anbieten kann. Was verbindet uns mit Europa? Europa kann weder Perspektiven für eine gesicherte Zukunft bieten noch eine gemeinsame Geschichte erzählen.

Doch genau das bräuchte es laut Philippe Perchoc, denn "um zusammen zu leben, benötigen wir gemeinsame Symbole". Als Beispiel nennt der Autor den Euro: Weder auf den Scheinen noch auf den Münzen finden sich Symbole, die an eine gemeinsame Identität appelieren könnten. "Vielleicht müsste man auf den Euro-Münzen Mozart oder Beethoven abbilden, Persönlichkeiten, die Teil des kulturellen Erbes aller Europäer sind". Wurde die Bedeutung der gemeinsamen Kultur in Europa vergessen? Es scheint, als ob der Begriff "Europa" bei den Bürgern nur noch Gedanken an Institutionen, Gebäude und Beamte hervorruft, aber keinesfalls eine gemeinsam geteilte Geschichte, bestehend aus Millionen individueller Geschichten.

« Filmemacher und Schriftsteller, das sind die Leute, die gemeinsame Identitäten schaffen »

Geht es nach Philippe Perchoc, dann hängt ein geeintes Europa weniger von seinen Beamten ab als von seinen modernen Geschichtenerzählern. Filmemacher und Schriftsteller erzählen die Geschichten, die Europa so dringend benötigt und auf die europäische Bürger gemeinsam Bezug nehmen können. Ansammlungen individueller Geschichten erlauben es dem Leser, unterschiedliche Facetten Europas zu sehen und gemeinsam an der Schaffung einer großen europäischen Erzählung mitzuwirken.

Alle Geschichten, die Philippe Perchoc in seinem Buch selbst erzählt, verbindet der Aufruf zur eigenen Reflektion. Sobald sie von den Medien wiedergegeben werden, sind diese Erzählungen auch eine Art, die Lebensrealitäten vieler Menschen zu personifizieren und zu veranschaulichen und somit Problemen ein Gesicht zu geben, von denen man sonst vielleicht nicht unbedingt hört, die aber dennoch existieren.

In seinem Vortrag wählt Philippe Perchoc das Beispiel von Maurice, einem jungen Deutschen, der während seiner Probezeit für ein Unternehmen, das ihm einen Arbeitsvertrag in Aussicht gestellt hatte, vor Erschöpfung starb. Dieser junge Mann, und die Extremsituation, in der er sich wiederfand, ist symptomatisch für eine Situation, wie sie in vielen europäischen Staaten heute Realität ist: Die Jugend findet keinen Platz mehr in der Gesellschaft. Und dennoch erzählt niemand ihre Geschichte.

"Correspondances européennes" verschreibt sich daher in erster Linie diesem Projekt: die großen europäischen Themen der Gegenwart zu erzählen, anhand von persönlichen Geschichten und konkreten Einzelschicksalen, und somit näher an den Bürgern zu sein als es eine einheitliche und offizielle Geschichtsschreibung vermag.