Berlin

Schauspieler als Sehnsuchtsträger

Artikel veröffentlicht am 14. Februar 2014
Artikel veröffentlicht am 14. Februar 2014

Das hoch­ka­rä­tig be­setz­te Werk­statt­ge­spräch zum Thema „Thea­ter und Kino: Wohin zie­len die Be­gier­den? Schau­spielt­ra­di­ti­on in Deutsch­land und Frank­reich“ kreist um die Unterschiede in Aus­bil­dungs­sys­te­men, verschobene Kör­per­wahr­neh­mun­gen  und endet mit einem Schlagabtausch deutsch-französischer Stereotypen.

Wie kommt es, dass immer mehr deut­sche und fran­zö­si­sche Filme ihre Ge­schich­te mit thea­tra­len Mit­teln, mit einer thea­tra­len Schau­spiel­wei­se er­zäh­len? Ein kur­zer Aus­schnitt aus dem Ber­li­na­le-Wett­be­werbs­bei­trag „Kreuz­weg“ von Diet­rich Brüg­ge­mann macht die Fra­ge­stel­lung deut­lich – die Un­ter­tei­lung des Films in 14 Plan­se­quen­zen nimmt dem Film jeg­li­che Be­weg­lich­keit, die durch Schnitt, Mon­ta­ge oder Ka­me­ra­fahr­ten zu­stan­de käme. Die star­re Ka­me­ra er­setzt so das Pu­bli­kum – das je­doch vor der Lein­wand, nicht vor der Bühne sitzt.

Die Spra­che macht den Un­ter­schied

Regisseur Denis Dercourt, Schauspielerin Marie Bäumer, Schauspielerin Lucie Aron und Theaterintendant Thomas Ostermeier im Gespräch

Diese Ent­wick­lung könn­te man als „Ver­ar­mung“ des fil­mi­schen Me­di­ums sehen, das sei­ner eigenen äs­the­ti­schen Mög­lich­kei­ten be­raubt wird – Mo­dera­tor Frédéric Ja­e­ger sieht darin eine post­mo­der­ne Ten­denz, die beide Me­di­en be­rei­chert und durch­drin­gt. Wenn das Thea­ter in den Film „über­schwappt“, dann bekommt die Sprache mehr Gewicht, be­tont Lucie Aron, die in „Kreuz­weg“ eine Rolle hat. Der Zu­schau­er ver­folgt dann die Ge­schich­te durch das Ge­sag­te, nicht durch die Bil­der.

Die junge Schau­spie­le­rin ver­weist auf die fast dog­ma­ti­sche Tren­nung zwi­schen Thea­ter­schau­spie­lern und Film­schau­spie­lern in Frank­reich. Die Aus­er­wähl­ten unter der Theaterschauspielern schaf­fen es in die Comédie Française und werden zu "Staatsschauspielern", die die großen Thea­ter in den Me­tro­po­len bespie­len, oft sechs Wochen lang. In Deutsch­land hin­ge­gen, so In­ten­dant Tho­mas Os­ter­mei­er, steht ein Schau­spie­ler wie Lars Ei­din­ger 20 Mal im Monat auf der Bühne, auf­grund des häu­fig wech­seln­den Pro­gramms immer in un­ter­schied­li­chen Rol­len. „Das gibt eine große Selbst­ver­ständ­lich­keit, auf der Bühne zu ste­hen und trai­niert den ero­ti­schen Kon­takt zum Pu­bli­kum!“ Lucie Aron nickt und lobt die "eigene Identität der Theater in Deutschland".

Das Deutsch-Französische Jugendwerk und Berlinale im Dialog laden jedes Jahr zu einem Werkstattgespräch im Rahmen der Berlinale ein Fan­ta­si­en über das an­de­re Land

Da­nn drif­tet die Dis­kus­si­on in die Fan­ta­si­en der Po­di­ums­teil­neh­mer über das je­weils an­de­re Land ab, im­mer­hin im schöns­ten Spra­chen­me­lan­ge von Denis Der­court, Re­gis­seur und seit drei Jah­ren in Ber­lin schwärmt über deutsche Schauspieler: „Ce qui m’a be­geis­tert: Les Schau­spie­lers con­nais­sent tou­jours leur texte.“ Marie Bäu­mer, die ihre Schauspielkar­rie­re seit einiger Zeit in Frank­reich ver­folgt, be­dau­ert, dass man an einem deut­schen Dreh­set kein Gläs­chen Rot­wein zur Auf­lo­cke­rung der Dreh­ar­bei­ten be­kommt. Über­haupt könn­ten die Deut­schen zwar Thea­ter und Musik ma­chen, Bohr­ma­schi­nen und Autos bauen, aber deut­sche Filme wären „maß­los lang­wei­lig“, eben­so die Pres­se dazu. In Frank­reich hin­ge­gen wür­den die Men­schen Kinofilme „mit dem Her­zen sehen“. Im­mer­hin äu­ßert sie die be­rech­tig­te Kri­tik, dass auf deut­schen Lein­wän­den und Büh­nen eine Ho­mo­kul­tur vor­herrscht, denn „der Deut­sche braucht Ori­en­tie­rung.“ Résumée: Das französische Kino gewinnt über die deutsche Filmlandschaft, wohingegen das deutsche Theater mit programmatischer Vielfalt und Schauspielkunst punktet, die man in Frankreich vermisst. Es steht 1:1

Nach ­diesem unterhaltsamen Aus­tausch vie­ler Ste­reo­ty­pen über Deut­sche und Fran­zo­sen, ihrer Theater- und Filmkunst, tut es gut, dass Tho­mas Os­ter­mei­er sich nicht mit der Frage nach den nationalen Eigenheiten von Schau­spie­lern auf­hält. „Jeder Schau­spie­ler braucht etwas An­de­res – das her­aus­zu­fin­den ist die Schwie­rig­keit!“ Wenn es Unterschiede gäbe, dann doch nur aufgrund der unterschiedlichen Ausbildungs- und Theatersysteme. Es bleibt zu hof­fen, dass der eu­ro­päi­sche Film­markt sein Üb­ri­ges tut, damit junge, mehr­spra­chi­ge Schau­spiel­ta­len­te die Theaterbühnen und Filmleinwände in Deutschland, Frankreich und allen anderen europäischen Ländern bereichern. Die Eu­ro­pean Shoo­ting Stars gehen mit gutem Bei­spiel voran.

Fotos: Berlinale, Daniel Seiffert