Berlin

German Touch in Bella Italia

Artikel veröffentlicht am 5. Dezember 2015
Artikel veröffentlicht am 5. Dezember 2015

Es gibt sie, den „German Touch“ auf dem 33. Torino Film Festival (TFF) – und ich spüre diesem hinterher. Auf dem Programm stehen „Uns geht es gut“ (Steinmetz, 2015) und „Recollection“ (Aljafari 2015): Zwei komplett unterschiedliche Filme, deren Atmosphäre und Ansprüche nicht weiter auseinander hätten liegen können.

„Uns geht es gut“ – aber nicht lange

Der Film soll an Uhrwerk Orange (Kubrick, 1971) erinnern, wurde beim Zürich Film Festival 2015 ausgezeichnet und ist im Januar 2016 im Kino zu sehen. Ein paar gute Gründe, sich beim TFF zu „Uns geht es gut“ schon vor seinem offiziellen Kinostart anzusehen. Steinmetz ist ein junger Regisseur aus Halle an der Saale, der in Wien studiert hat und mit „Das weiße Band“ (2009) sein Regie-Debüt vorlegte.

Samstagnachmittag, draußen ist es schon dunkel und alle kuscheln sich langsam in den Saal hinein. Tomardo und Eduardo, meine zwei Bekanntschaften aus vorherigen Schlange Stehen, sind auch dabei. Die Lichter werden schummerig, es geht los. Der Zuschauer rutscht sofort in ein sonderbares Universum, geschaffen mit wenigen Worten und vielen Eindrücken. Die Protagonisten, fünf Jugendliche, tauschen kaum Sätze miteinander aus, dafür eine Menge bedeutungsvoller Blicke, großer Gefühle und starker Erfahrungen. Tubbie, Tim, Jojo, Birdie und Marie verlieren und verirren sich einen Sommer lang in diversen bildmächtigen Landschaften.

Es war einmal im Wald

Es fängt mit einem Wald an – und der Zuschauer fragt sich, was dort drinnen wohl passiert sein mag. Dann eine alte Villa, von dem man nicht weiß, wem sie gehört oder warum die jungen Leuten dort ihre gefährlichen Spiele treiben. Eine dubiose Spielhalle, eine furchterregende Schönheits-Klinik, die eher wenig wie eine Klinik aussieht und vielmehr wie ein Club mit dreckigen Kacheln und alten Röhren. Es dauert eine Weile, bis die Beziehung zwischen den Protagonisten etwas klarer wird – doch dann kommt schon eine überraschende Wendung und alles wird in Frage gestellt. Die fünf Heranwachsenden finden ineinander eine Ersatzfamilie – mit allen Komplikationen, die dies impliziert – und in Kleinverbrechen und Härteproben einen Weg, ihre Langeweile einen Sommer lang zu vertreiben. Sie suchen das Geld, wo es ist: bei Junkies, kleinen und größeren Kriminellen – und ernten vor allem Ärger.

Schweiß, Blut, Tränen, Sperma

Zwischenüberschriften teilen den Film in Sequenzen ein und geben dadurch den Anschein von Klarheit. Die Beziehungen zwischen den Jugendlichen gehen mit den aufeinanderfolgenden Sequenzen immer mehr in die Brüche. Schweiß, Blut, Tränen, Sperma, nichts wird ausgelassen, alle Extremen werden ausgelebt und den Zuschauern gezeigt. Und zwar so deutlich, dass man sich bei jeder neuen Szene gleich vor dem fürchtet, was da vielleicht kommt. Steinmetz suggeriert vielmehr Gewalt, als dass er sie zeigt. Tröpfchenweise steigt die Spannung, erhöht sich der Druck oder fließt das Blut zwischen den Beinen der jungen Marie in den Pool. Der Moment, das Bild, wird angehalten, um das Ausmaß des Exzesses, um den es geht, deutlicher zu machen. Bis zum Unerträglichen. Die ersten Zuschauer verlassen den Saal.

Man kann sich fragen, inwiefern die Anwendung von Gewalt in Filmen zur Vermittlung einer bestimmten Botschaft beitragen kann. In diesem Fall ist klar: Wer es nicht ertragen kann, sollte sich „Uns geht es gut“ lieber ersparen.

„Recollection“ oder eine andere Art des Familienalbums

Sonntagnachmittag, draußen wird es immer kälter. Auch wenn in Turin heute die Sonne scheint, lädt das Kino Lux zum Verweilen in seinen gemütlichen Sesseln ein. Wir sind nicht viele, die heute den Weg zu „Recollection“ von Kamal Aljafari gefunden haben. Das mag daran liegen, dass der Film ganz ohne Dialoge auskommt.

Eine Landschaft sagt mehr als tausende Protagonisten

„Recollection“ ist eine Collage. Basierend auf kurzen Filmsequenzen der israelischen Stadt Jaffa zwischen den 1960er und 1990er Jahren, erzählt Kamal Aljafari die Geschichte eines Traumes.

Es ist nicht das erste Mal, dass Aljafari die einst arabische Stadt, heute zu Tel-Aviv gehörend, sowie die dort lebenden palästinensischen Israelis als Ausgangspunkt für seine Werke nimmt. Bereits 2009 hat er mit „Port of memory“ über Jaffa berichtet und die Vernachlässigung der Stadt durch die Zusammenlegung mit Tel-Aviv in den 1950er Jahren – sowie über seine eigene Familie. Aljafari, Absolvent der Kunsthochschule für Medien in Köln, bearbeitet mit „Recollection“ weiterhin die Familiengeschichte: Dafür nutzt er Film-Auszüge aus dem Familienrepertoire fügt diese zu einem neuen, eigenen Narrativ zusammen. „Ich habe die Protagonisten entfernt, weil sie im Weg standen. Sie blockierten den Hintergrund“, erklärt der Regisseur auf seiner Webseite. Die Menschen sind nicht die Subjekte des Films, sondern die Stadt, die Landschaft.

Durch die Zeit

Der Zuschauer wandert im Laufe des Films durch unterschiedliche Landschaften zu unterschiedlichen Zeitpunkten – von den 1960er bis zu den 1990er Jahren – und wird dabei von wechselnder Musik begleitet: Manchmal energisch, manchmal nostalgisch, aber immer folkloristisch. Am Ende des Films werden die Bilder Orten und Menschen zugeteilt: Der Mann vor dem Auto war der Großvater, die Frau am Brunnen die Tante. So hat der Zuschauer tatsächlich das Gefühl, einen Familienalbum durchgeblättert zu haben.