Berlin

European Shooting Star Danica Curcic: "Wahnsinn ist normal"

Artikel veröffentlicht am 19. Februar 2014
Artikel veröffentlicht am 19. Februar 2014

Die dä­ni­sche Schau­spie­le­rin Da­ni­ca Cur­cic, die auch ser­bi­sche Wur­zeln hat, lebt zwi­schen den Kul­tu­ren und ver­bin­det den Bal­kan mit Skan­di­na­vi­en. Neben meh­re­ren Film­rol­len spielt sie auch klas­sisch männ­li­che Shake­speare-Figuren im Thea­ter: Ham­let, King Lear und Ot­hel­lo. Da­ni­ca will alles und noch viel mehr. Das macht sie zum European Shooting Star 2014. 

Dein ser­bi­scher Name ver­tritt Dä­ne­mark in Ber­lin. Be­ein­flusst das die Art und Weise, wie du in Dä­ne­mark wahr­ge­nom­men wirst? Prägt diese zwei­fa­che Iden­ti­tät dein Ar­beit als Schau­spie­le­rin?

Ich bin in Bel­grad ge­bor­gen wor­den und in einer ser­bi­schen Fa­mi­lie in Ko­pen­ha­gen auf­ge­wach­sen. Als wir um­ge­zo­gen sind, war ich nur ein Jahr alt. Mein Vater hatte da­mals einen Job in der ju­go­sla­wi­schen Bot­schaft in Ko­pen­ha­gen be­kom­men. Wir woll­ten ei­gent­lich nicht für immer blei­ben, aber dann wurde die Si­tua­ti­on in Yu­go­sla­wi­en un­si­cher, Krieg brach aus und meine El­tern be­schlos­sen, in Dä­ne­mark zu blei­ben. Ich ver­su­che, mein Auf­wach­sen in zwei Kul­tu­ren, mit zwei ver­schie­de­nen Tem­pe­ra­men­ten und zwei sehr un­ter­schied­li­chen Le­bens­sti­len als gro­ßen Vor­teil zu be­grei­fen. 

Das Lus­ti­ge an der Sache ist, dass "Da­ni­ca" auf La­tei­nisch "Dä­ne­mark" heißt. Das ist purer Zu­fall. Meine Groß­mut­ter hieß auch Da­ni­ca, es ist ein alt­mo­di­scher ser­bi­scher Name. Aber mein Name hat kei­nen Ein­fluss dar­auf, wie mich die Leute be­han­deln. Das hat eher mit mei­nem Aus­se­hen zu tun. Ich sehe weder be­son­ders sla­wisch noch be­son­ders dä­nisch aus. Das ist aber gut, denn so kann ich so­wohl dä­ni­sche als auch sla­wi­sche Rol­len spie­len. Dä­ne­mark ist ein klei­nes Land, des­we­gen haben Schau­spie­ler aus an­de­ren Län­dern, aus der Tür­kei, Ost­eu­ro­pa oder den Bal­kanländern, beim Cas­ting oft Pro­ble­me. Manch­mal sagen sie mir, dass meine Haare ein biss­chen zu dun­kel seien für die Rolle der ty­pischen, dä­ni­schen Freun­din. 

Aus­schnitt aus "On the Edge" (2014) mit Da­ni­ca Cur­cic und Jakob Of­te­bro.

Hast du dich be­wusst für die Schau­spie­le­rei ent­schie­den? Wel­che Rolle hat deine Fa­mi­lie dabei ge­spielt?

Meine El­tern haben mich immer un­ter­stützt, be­son­ders meine Bil­dung war ihnen wich­tig. Dänen haben oft eine etwas an­de­re Men­ta­li­tät. Sie ma­chen ein Jahr Pause und rei­sen. Für meine El­tern war es immer wich­tig, dass ich in der Schu­le gut bin und gute Noten habe. Da gab es nichts zu dis­ku­tie­ren. Das ist wahr­schein­lich der Grund, warum ich schon mit 17 an­ge­fan­gen habe, an der Uni Film und Me­di­en zu stu­die­ren. Spä­ter habe ich dann ge­merkt, dass ich die Theo­rie hin­ter mir las­sen und Schau­spie­le­rin wer­den soll­te. Da­mals dach­te ich mir: "Das ist es. Das ist meine Be­ru­fung. Ich muss das ein­fach ma­chen, es wird klap­pen und su­per­toll sein." Als ich die Ent­schei­dung ge­trof­fen habe, war ich wie ge­trie­ben. Nichts konn­te mich auf­hal­ten.

Was sind deine nächs­ten Schau­spiel­pro­jek­te?

Im Mo­ment spie­le ich am Thea­ter und ar­bei­te mit drei an­de­ren Schau­spie­le­rin­nen an einer Shake­speare-Col­la­ge am Royal Da­nish Thea­t­re. Es soll ein Ge­gen­ent­wurf zu den Thea­ter­nor­men wer­den, die zu Shake­speares Zei­ten herrsch­ten, als Män­ner auch die Frau­en­rol­len über­nah­men. Ich spie­le in die­ser In­sze­nie­rung Ham­let, King Lear und Ot­hel­lo. Viele Si­tua­tio­nen und Fi­gu­ren wie­der­ho­len sich bei Shake­speare. Auf die­ser Grund­la­ge haben der Re­gis­seur und der Dra­ma­turg des Royal Da­nish Thea­t­re eine fas­zi­nie­ren­de Col­la­ge ge­schaf­fen. So tre­ten zum Bei­spiel Lady Anne aus Ri­chard the Third und Ophe­lia aus Ham­let zu­sam­men auf. Das hat mehr Sinn als man denkt, denn schließ­lich geht es um ex­tre­me Ge­füh­le, so wie Ver­lan­gen, Ei­fer­sucht und Hass in sehr ein­deu­ti­gen Si­tua­tio­nen. Ich bin ge­spannt, wie das wer­den wird, wir haben ge­ra­de erst an­ge­fan­gen. Für mich als Schau­spie­le­rin ist das die ein­ma­li­ge Ge­le­gen­heit, die klas­sisch­te Rolle aller Zei­ten zu spie­len: den Ham­let

Wel­che Rol­len ma­chen dir be­son­ders viel Spaß?

In The Ab­sent One (2014) habe ich eine ex­tre­me Figur ge­spielt - eine ver­wirr­te Frau, die flüch­tet und zehn Jahre mit einem toten Baby her­um­zieht. Mit so einer Rolle kann man in seine ei­ge­nen Un­tie­fen vor­sto­ßen, was man nor­ma­ler­wei­se nicht täte. Das Her­aus­for­derns­te daran ist es, ex­tre­me Fi­gu­ren so mensch­lich wie mög­lich er­schei­nen zu las­sen und sie zu ver­tei­di­gen. 

Ist Wahn­sinn un­na­tür­lich oder ist Nor­ma­li­tät nur eine ge­sell­schaft­lich ak­zep­tier­te Form des Wahn­sinns?

Das hängt vom je­wei­li­gen Stand­punkt ab. Als Schau­spie­ler hat man den Vor­teil, dass man in eine Rolle hin­ein und wie­der aus ihr her­aus­schlüp­fen kann. Man kann fast jede Figur spie­len. Am wich­tigs­ten ist es, die Wahr­heit in sich selbst zu fin­den. Sogar eine Wahn­sin­ni­ge kennt ihre ei­ge­ne Wahr­heit. Der Be­griff "wahn­sin­nig" ist sehr ne­ga­tiv kon­no­tiert, aber alles ist ja nur eine Re­ak­ti­on auf etwas an­de­res. Auf diese Weise ist auch Wahn­sinn nor­mal. 

Danica Curcic in dem Kurzfilm J.T. (2013) von Lisa Alma. 

Hast du auch Pro­jek­te in Ser­bi­en? Ist die Ki­no­sze­ne dort in­ter­es­sant für dich?

Im Mo­ment habe ich klei­ne Pläne, aber die serbische Filmszene ist sehr viel­ver­spre­chend. Ich habe zum Bei­spiel den Film Clip (2012) ge­se­hen und fand ihn sehr stark und di­rekt als Por­trät zwei­er un­ter­schied­li­cher Ge­ne­ra­tio­nen - die eine ver­sinkt in Nost­al­gie, die an­de­re ver­sucht, in einem Land zu über­le­ben, das kom­plett zer­stört wurde. Ich kann auch kaum war­ten, Kru­go­vi (Cir­cles, 2013) mit Ni­ko­la Ra­ko­ce­vic zu sehen, der die­ses Jahr auch ein Eu­ro­pean Shoo­ting Star ist. Ich habe ge­hört, dass der Film sehr toll sein soll. Kus­tu­ricas Un­der­ground ist, mei­ner Mei­nung nach, einer der bes­ten Filme, die je ge­dreht wur­den. Ich würde un­glaub­lich gerne mit ihm zu­sam­men­ar­bei­ten. Bis jetzt habe ich ihn noch nicht kon­tak­tiert, aber viel­leicht soll­te ich das. 

CA­FE­BA­BEL BER­LIN BEI DER 64. BER­LI­NA­LE

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