Berlin

Europa in Bildern

Artikel veröffentlicht am 18. März 2008
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Artikel veröffentlicht am 18. März 2008
„Die Europäische Union hat keine konkrete Grundlage. Sie ist nichts weiter als ein politisches Gebilde, das von elitären Bürokraten regiert wird (die uns nebenbei auch noch die Souveränität wegnehmen).” Soweit ungefähr das Urteil des durchschnittlichen Euroskeptikers. Die Stiftung Alinari aus Florenz, die seit 1852 alle Arten von Fotografie sammelt, will ihn vom Gegenteil überzeugen.
Ihre Ausstellung „Europa in Bildern – L’Europa delle immagini” unter der Schirmherrschaft der italienischen Republik und der Europäischen Kommission versucht zu zeigen, dass Europa auf einer großen Zahl verschiedener Kulturen basiert, alle verbunden durch gemeinsame Werte und mit einer gemeinsamen Zukunft. Als Zeugen führen sie 150 Jahre europäische Fotografie an.

Von Sergio Marx

Der erste Teil der Ausstellung besteht aus „Visitenkarten” der 27 Staaten der Europäischen Union. Je vier Fotos sollen die Geschichte und die Kultur eines Landes symbolisieren. Die Bilder, ausgewählt von der jeweiligen Botschaft, zeigen zum Beispiel den Fall der Berliner Mauer, den spanischen König nach dem Tod Francos oder eine Schule der dritten französischen Republik. Der zweite Teil beschäftigt sich mit dem täglichen Leben. Dort sieht man zum Beispiel entspannte Spaziergänger beim Eisessen oder ein klassisches Konzert. Im starken Kontrast dazu erinnert ein lebloser Körper an einem Mittelmeerstrand an die hässlichen Gesichter der Realität, hier das tragische Ende eines gefährlichen Einwanderungsversuches.

Kennen Sie diese Frau? George Charles Beresford, Virginia Woolf, 1902 © Ullstein Bild–Garanger Collection

Der Besucher kann sich daneben auch in originellen Landschaftsaufnahmen, Bildern von Schauspielern, Intellektuellen oder sonstigen Berühmtheiten verlieren. Die Künstler, von denen die Fotografien stammen, reichen von Eugène Atget bis Brassai, von Henri Cartier Bresson zu Gustave Le Gray oder August Sander. Die Präsentation ist sehr gelungen und ist vor allem wegen der Assoziationen interessant, die sie produziert: Ein Bild von Griechischen Ruinen hängt beispielsweise gleich neben einem Foto von Pablo Picassos „Guernica”. Beide Ruinen trennen Jahrtausende, aber sie gehören doch gleichermaßen zum kollektiven europäischen Gedächtnis.

Die Entscheidung allerdings, die Fotos nur mit ihrem Titel und dem Namen des Künstlers zu versehen, ohne Hinweise auf die Biographie des Portraitierten oder den Kontext des fotografierten Ereignisses, sorgt zwar einerseits für unterschiedliche Assoziationen und Gefühle bei verschiedenen Besuchern, lässt sie aber manchmal auch ratlos zurück. Kennt wirklich jeder die englische Schriftstellerin Virginia Woolf oder die Geschichte der Europäischen Integration gut genug, um zu erkennen, wer sich hinter vier Männern beim Unterschreiben eines Vertrages verbirgt? Immerhin hatte Berlins Parlamentspräsident Walter Momper zur Eröffnung der Ausstellung besonders den pädagogischen Charakter der Ausstellung hervorgehoben. Ohne Kontext erfüllt die Ausstellung diesen Anspruch nicht ganz.

Wo sind Norwegen und die Ukraine?

Mehr noch: Warum musste man die „Visitenkarten” auf die 27 Mitgliedsstaaten der EU beschränken? Damit geht doch die Vorstellung einher, dass die nationalen Kulturen überhaupt erst in der Europäischen Union eine europäische Dimension haben. Es scheint, als würde Europa vor den Toren der EU aufhören. Wäre die Ausstellung 2006 zu sehen gewesen, hätten Rumänien und Bulgarien noch nicht dazugehört, obwohl sie natürlich auch schon damals Teil der geistigen Gemeinschaft Europa waren. Und wo sind Norwegen, die Schweiz, Kroatien, die Ukraine und, ohne den Rahmen des Artikel sprengen zu wollen, die Türkei?

Letztlich verlieren die Bilder selbst aber nichts von ihrem Charme. Falls man also gerade in Kreuzberg unterwegs ist und nichts vorhat, ist ein Abstecher in das Willy-Brandt-Haus durchaus zu empfehlen. Die Ausstellung ist kostenlos, und man kann im gleichen Gebäude noch die Picasso-Ausstellung besuchen.

Willy-Brandt-Haus, Stresemannstr. 28, (U-Bhf. Hallesches Tor) Bis zum 30. März, dienstags bis sonntags, 12 bis 18 Uhr. Eintritt frei, Ausweis erforderlich.