Berlin

Erasmus für Alle?

Artikel veröffentlicht am 11. Mai 2012
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Artikel veröffentlicht am 11. Mai 2012
Ein Jahr lang in ein anderes europäisches Land ziehen, dort die lokale Kunst, Kultur und Küche kennenlernen und anschließend mit neuen Erfahrungen zurückkehren – während bislang vor allem Studenten diesen Traum mit dem Erasmus-Programm in die Tat umsetzen konnten, sollen künftig alle Europäer die Möglichkeit haben, für ein Jahr aus ihrem Heimatland rauszukommen.
So jedenfalls der Plan des Berliner Soziologen Ulrich Beck und des grünen Europaabgeordneten Daniel Cohn-Bendit. Ihre Idee veröffentlichten sie vergangene Woche mit dem Manifest „Wir sind Europa!“ in mehreren europäischen Zeitungen, stellten es in Berlin vor und warben im Internet um Unterstützung.

Manifesto Initiatoren (1) Fordern "Freiwilliges Europäisches Jahr für alle": Michael M. Thoss (Allianz Kulturstiftung), Soziologe Ulrich Beck, Parlamentarierer Daniel Cohn-Bendit

Mehrere Tausend Europäerinnen und Europäer haben in bisher online unterschrieben, sagt Martin Bach von der Allianz Kulturstiftung, die das Manifest organisatorisch unterstützt. Magda Bracker ist eine von ihnen. „Die EU-Politik verfährt in vielen Entscheidungen so, als sei die EU ein Nationalstaat, doch die Bürgerinnen und Bürger fühlen sich in keinster Weise als Europäerinnen oder Europäer“, sagt die Berlinerin. Um die Distanz zwischen Europäern aus unterschiedlichen Ländern zu überbrücken, sei es nötig, mehr über die anderen Länder zu erfahren. Sie hofft: „Ein interkultureller transeuropäischer Austausch könnte ein wichtiger Schritt hin zu mehr Verständnis sein.“

Eine Hoffnung, die die Initiatoren teilen. Erstmals sei in der Öffentlichkeit die Euroskepsis dominant, erklärte Ulrich Beck bei der Vorstellung des Manifests. In mehreren Staaten sind rechtspopulistische Parteien in die Parlamente gezogen, die Euro-Krise hat nationale Stereotype wieder verstärkt an die Oberfläche befördert, selbst die offenen Grenzen in Europa wurden in den letzten Monaten wiederholt infrage gestellt. Gegen solche Tendenzen wollen die Initiatoren die Erfahrung eines „Alltagseuropas“ stellen. Alle Europäer sollen die Möglichkeit haben, freiwillig ein Jahr lang in einem anderen europäischen Land zu leben und zu arbeiten, nicht in ihrem egentlichen Beruf, sondern einer gesellschaftlichen oder künstlerischen Initiative. Geld für die Freiwilligen soll es auch geben, wenn auch nicht viel: Ungefähr auf Hartz-IV-Niveau soll das Salär liegen. Finanziert werden soll das „Freiwillige Europäische Jahr für alle“ von der Kommission, den Nationalstaaten und der Wirtschaft.

Detailliert ausgearbeitet ist die Idee bisher noch nicht, vor allem die Grundidee wollten die Initiatoren der Öffentlichkeit vorstellen. „Wir haben noch nicht auf alle Fragen oder Schwierigkeiten eine komplette Antwort“, sagte Cohn-Bendit. „Wenn Sie gerade eine Familie gründen, werden sie nicht einfach umziehen können“, schränkte er ein. Jüngere Menschen, Arbeitslose und Rentner könnten aber profitieren.

Mit der Resonanz sind die Initiatoren bisher zufrieden. In den vergangenen Tagen hätten sich zahlreiche Initiativen bei den Initiatoren gemeldet, die entweder bereits ähnliche Projekte durchführen oder die das Manifest interessant finden, sagt Martin Bach. Das Projekt gehe daher in eine zweite Phase: „Wir schauen jetzt, wie sich das Manifest in die Praxis umsetzen lässt.“

Wer die Initiative unterstützen möchte, kann den Aufruf online unterzeichnen unter www.manifest-europa.eu