Berlin

Eine Kindheit zwischen Bosnien und Österreich

Artikel veröffentlicht am 5. November 2014
Artikel veröffentlicht am 5. November 2014

Der Krieg in Bosnien und Herzigovina zwang mehr als 2 Millionen Menschen zur Flucht. Etwa 90.000 davon kamen nach Österreich - viele davon sind geblieben. Eine junge Bosnierin, die als Flüchtling nach Österreich gekommen ist und heute in Wien studiert, erzählt von ihren Erinnerungen.  

Cafébabel: Du warst noch sehr jung, als in der Krieg in Bosnien ausbrach. Wie hast du die Zeit in Erinnerung?

Eigentlich total schön. Wir hatten Glück, dass es in der Stadt in der Republika Sprska, wo wir gelebt haben, nicht wirklich Anschläge oder derartiges gegeben hat. Natürlich gab es vieles, was wir nicht machen konnten, aber meine Eltern haben es damals wirklich gut hinbekommen, dass ich nichts von den schrecklichen Geschehnissen im Land erfahren habe. Ich war aber auch erst vier als wir Bosnien verließen. Meine Erinnerungen an das Bosnien von damals sind daher ganz normale Kindheitserinnerungen... Ich hab mit Nachbarskindern draußen gespielt und mich immer total behütet gefühlt. Dass es in Bosnien Krieg gab, hab ich erst Jahre später, als ich älter wurde, begriffen.

Cafébabel: Wie wird in deiner Familie über diese Zeit gesprochen?

Gesprochen wird immer wieder darüber, über schlimme Ereignisse, genauso aber über schöne Erlebnisse, das zählt in Bosnien mittlerweile schon zu Alltagsgesprächen – alles und jeder hat Bezug zum Krieg – man kommt immer darauf und die Zeit davor, zurück. Ironischerweise war es für meine Eltern auch eine schöne Zeit, weil ich und mein Bruder geboren wurden. Und die ersten Jahre der Kinder sind für Eltern ja immer etwas Besonderes.

Cafébabel: Ihr habt als Bosnier in der Serbischen Republik gelebt. Wie hat sich der Krieg auf euer Verhältnis zu serbischen Nachbarn ausgewirkt?

In keinster Weise negativ. Unsere Nachbarn waren und sind auch heute noch sehr gute Freunde von uns, und jedes Mal wenn wir dort sind, besuchen wir uns. Meine Eltern haben es nie zugelassen, dass wir Kinder negative Einstellungen gegenüber anderen Volksgruppen entwickeln. Das ist alles andere als selbstverständlich. Auch heute noch gibt sehr viele Bosnier, Serben und Kroaten in BiH (Bosnien und Herzegowina, AdR), die nichts miteinander tun haben wollen.

Cafébabel: Warum seid ihr so lange in Bosnien geblieben und wie ist euch letztendlich gelungen, das Land zu verlassen?

Zuerst wollten wir nicht fliehen. Als die Lage aber immer schlimmer wurde, war es keine Option mehr zu bleiben. Drei Mal mussten wir versuchen zu fliehen, bis es endlich funktioniert hat. Das Warten und Zögern, ob und wie wir das Land verlassen sollen, zog sich über etwa 4 Jahre... Einmal wurde das letzte Flugzeug, das wir nehmen sollten, gestrichen. Ein anderes Mal wurde der ganze Bus, in dem wir waren, von serbischen Soldaten doch wieder zurückgeschickt. Letztendlich haben wir es dann aber über die kroatische Grenze nach Österreich geschafft.

Cafébabel: Weißt du, wie es deinen Eltern die ersten Monate ging, als ihr nach Österreich gekommen seid?

Naja, es war nicht wirklich leicht. Sie waren damals sehr optimistsich und ich glaube sie wollten nach Ende des Krieges wirklich zurück nach Bosnien. Es war für sie sehr schlimm und erniedrigend im Asylantenheim mit uns wohnen zu müssen und keinem Job nachzugehen, da wir vor dem Krieg sehr gut gelebt haben und sie tolle Jobs hatten, die sie mochten. Und auf einmal waren sie in einem Land, in dem sie nichts mehr hatten, die Sprache – bis auf ein paar Basiskenntnisse aus Schulzeiten - nicht konnten und sich total hilflos vorkamen. Andererseits waren sie aber natürlich froh, dass wir für diese bestimmte Zeit aus dem Land kamen und in Sicherheit waren. Und, dass mein Vater nicht mehr in die Armee geholt werden konnte.

Cafébabel: Wie erinnerst du dich an deine ersten Schuljahre in Österreich? 

Ganz normal und schön wie bei jedem. Als ich in die Schule kam, lebten wir über ein Jahr in Österreich. Meine Eltern hatten in dieser Zeit schon Jobs gefunden und eine Wohnung besorgt. Dafür bewundere ich sie heute noch immer. In kürzester Zeit hatten wir ein ganz normales Leben und ich wuchs in einem ganz normalen Alltag auf, wie auch österreichische Kinder. Auch wenn es am Anfang natürlich nicht Luxus pur war. Die Wohnung war klein, aber uns ging es total gut. Meine Eltern arbeiteten immer hart, um es uns an nichts fehlen zu lassen.

Cafébabel: Wie ist es für dich heute nach Bosnien zu fahren?

Ich fahre sehr gerne nach Bosnien! Wir brauchen nicht lange nach Bosnien und fahren sehr oft hin. Meine Verwandten und Bekannten aus Österreich oder Deutschland oder sonst wo, auch. Daher treffe ich dort immer viele Leute und es ist jedes Mal total lustig und schön. Ich habe mich noch nie unsicher gefühlt in Bosnien. Was die Leute, die Atmosphere, die Landschaft, Unterhaltung und das Wetter angeht, würde ich Bosnien immer Österreich vorziehen. Heute wird Bosnien immer sozusagen „westlicher“ und schippert langsam in Richtung EU - auch wenn der EU-Beitritt in naher Zukunft sehr unwahrscheinlich ist. Aber man findet mittlerweile alle möglichen deutschen Geschäfte, wie etwa DM.

Beyond the Curtain: 25 Jahre offene Grenzen

Vor 25 Jahren fiel der Eiserne Vorhang. Vor zehn Jahren traten acht postkommunistische Staaten der EU bei. Was wissen wir wirklich über unsere Nachbarn jenseits der Grenze? Schreibt an berlin(at)cafebabel.com, um Teil des Reporterteams zu werden!