Berlin

Camille de Toledo: "Schluss mit Vergangenheit!"

Artikel veröffentlicht am 24. Mai 2014
Artikel veröffentlicht am 24. Mai 2014

„Die Vergangenheit ist zu präsent in der Gestaltung Europas. Wie wäre es mit etwas Zukunft?" Auch der französische Schriftsteller und Philosoph Camille de Toledo diskutierte bei „A Dispute over Europe" am 2. Mai 2014 in Berlin mit. Als Gründer der „Société européenne des auteurs" plädiert er für eine vielsprachige europäische Bürgergemeinde. Interview

Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Ca­mil­le de To­le­do ist ein Eu­ro­pä­er der ers­ten Stun­de: Wäh­rend seine jü­di­schen Wur­zeln in der Tür­kei lie­gen und seine Fa­mi­lie über die Jahr­hun­der­te so­wohl in Spa­ni­en als auch in der Schweiz lebte, wurde er selbst in Lyon ge­bo­ren, wohnt aber mitt­ler­wei­le in Ber­lin. Sein Kon­zept einer „Zwi­schen­sprach­lich­keit" als An­satz­punkt für einen neuen Eu­ro­pa­ge­dan­ken speist sich aus sei­nem ei­ge­nen Grenz­gän­ger­tum zwi­schen Län­dern, Spra­chen und Kul­tu­ren. So kann Ca­mil­le de To­le­do aus gan­zem Her­zen sagen: "I live in bet­ween lan­gua­ges. Je vis entre les lan­gues. Ich lebe zwi­schen den Spra­chen." Cafébabel hat den Phi­lo­so­phen am Rande von A Dis­pu­te over Eu­ro­pe in Ber­lin ge­trof­fen.

Cafébabel: Der Wahl­tag rückt immer näher, aber die Ju­gend Eu­ro­pas scheint das kaum zu in­ter­es­sie­ren. Warum fin­den Sie, dass man sich für Eu­ro­pa in­ter­es­sie­ren soll­te?

Ca­mil­le de To­le­do: Weil sich Eu­ro­pa sonst für einen selbst in­ter­es­siert. (lacht) Es ist wich­tig zu er­ken­nen, dass Eu­ro­pa – in der Art, wie es sich mo­men­tan prä­sen­tiert – die jün­ge­re Ge­ne­ra­ti­on nicht in­ter­es­siert. Aber es be­wegt sie auf andere Art: Die Ju­gend Eu­ro­pas ist durch grenz­über­schrei­ten­de Freund­schaf­ten und Netz­wer­ke ver­bun­den, da ihre Kul­tur selbst län­der­über­grei­fend ist. In die­sem Punkt ist die junge Ge­ne­ra­ti­on si­cher sehr viel eu­ro­päi­scher als ihre Vor­gän­ger. Man muss daher un­be­dingt zwi­schen dem Eu­ro­land, also der Brüs­se­ler Po­li­tik und ihrer Agen­da, und einer Po­li­tik der jün­ge­ren Ge­ne­ra­ti­on un­ter­schei­den. Wenn man diese bei­den Dinge nicht von­ein­an­der trennt, wird man wei­ter­hin be­haup­ten, dass sich die Ju­gend nicht für Po­li­tik in­ter­es­sie­re.

Por­trät des Schrif­stel­lers und Phi­lo­so­phen Ca­mil­le de To­le­do auf Artnet.​fr (2012). 

Cafébabel: In­wie­weit ist die eu­ro­päi­sche Ju­gend po­li­tisch?

Ca­mil­le de To­le­do: Be­we­gun­gen wie Mov­imi­en­to 15-M in Spa­ni­en oder Oc­cu­py in Ma­drid zei­gen, dass sich die Ju­gend sehr wohl in die Po­li­tik ein­mischt, aber sie hat im Ge­fü­ge der ge­gen­wär­ti­gen In­sti­tu­tio­nen noch keine Stim­me. Die äl­te­ren Ge­ne­ra­tio­nen wei­gern sich, die­ser Form von „sub­ter­ra­ne­an po­li­tics“ (Po­li­tik von unten, AdR), wie sie un­längst in einer Stu­die der Lon­don School of Eco­no­mics be­zeich­net wurde, Gehör zu schen­ken. Man­che Be­we­gun­gen sind un­glaub­lich po­li­tisch, z.B. in den Be­rei­chen Um­welt, Da­ten­schutz, de­mo­kra­ti­sche Trans­pa­renz, Tran­si­den­ti­tät, Min­der­hei­ten­rech­te etc. Aber die­sen Fra­gen wird noch nicht so viel Raum ge­ge­ge­ben, als dass man der jun­gen Ge­ne­ra­ti­on sagen könn­te: „Schaut her, eurer Po­li­tik wird Gehör ge­schenkt und sie ver­än­dert die Struk­tu­ren.“

Cafébabel: Kann die ge­gen­wär­ti­ge Eu­ro­ge­ne­ra­ti­on eine ent­schei­den­de Rolle in der eu­ro­päi­schen Po­li­tik spie­len?

Ca­mil­le de To­le­do: Ich bin über­zeugt, dass wenn mor­gen oder in zehn Jah­ren eine eu­ro­päi­sche Bür­ger­be­we­gung ent­stän­de, dann gin­gen un­glaub­lich viele Ju­gend­li­che auf die Stra­ße. Denn zum einen sind die ge­gen­wär­ti­gen Le­bens­um­stän­de, die hohe Ar­beits­lo­sig­keit und ähn­li­che Pro­ble­me von po­li­ti­schen Ent­schei­dun­gen in Brüs­sel bzw. in den ein­zel­nen Län­dern aus­ge­löst wor­den. Zu­al­ler­erst braucht es aber eine Pro­test­be­we­gung. Doch im Mo­ment schaf­fen wir es ein­fach nicht, eine sol­che Pro­test­be­we­gung, die einen eu­ro­päi­schen Stand­punkt ein­nimmt, an­zu­fa­chen.

Cafébabel: Warum liegt in der Über­set­zung der Schlüs­sel zur Zu­kunft Eu­ro­pas?

Ca­mil­le de To­le­do: Mei­ner Mei­nung nach ist Über­set­zung einer der Schlüs­sel zu einer eu­ro­päi­schen Staats­bür­ger­lich­keit. Wenn man eine eu­ro­päi­sche Na­ti­on schaf­fen will, wird man un­mit­tel­bar mit der Frage nach einer ge­mein­sa­men Spra­che kon­fron­tiert. In wel­cher Spra­che kann man sich aber über ein „po­li­ti­cal com­mon“ (gemeinsame politische Grundlage, AdR) auf­re­gen, das selbst viel­spra­chig und frag­men­ta­risch ist? Man muss die eu­ro­päi­sche Staats­bür­ger­lich­keit im Kon­text einer Über­set­zung zwi­schen Ur­sprungs- und An­kunfts­kul­tur den­ken, zwi­schen Ur­sprungs- und An­kunfts­spra­chen, aber auch zwi­schen Ge­schlech­tern, zwi­schen weib­lich und männ­lich. Auch diese The­men be­we­gen die Ju­gend von heute.

Cafébabel: Was ist das Ziel der Société européenne des au­teurs, deren Grün­der Sie sind?

Ca­mil­le de To­le­do: Die Société européenne des au­teurs (Eu­ro­päi­sche Au­to­ren­ge­mein­schaft, AdR) wurde 2008 ge­grün­det als li­te­ra­ri­sche und in­tel­lek­tu­el­le Ge­mein­schaft, die sich ganz der Über­set­zung ver­schrie­ben hat. Bis jetzt fra­gen sich die alten In­sti­tu­tio­nen und Eli­ten in Brüs­sel noch nicht, um wel­che Spra­che es ei­gent­lich geht oder wel­ches Ge­fühl uns emo­tio­nal an einen po­li­ti­schen Raum bin­det. Wenn wir es nicht schaf­fen, die Men­schen von Eu­ro­pa zu über­zeu­gen, dann liegt das auch daran, dass ge­gen­wär­tig ein Er­in­ne­rungs­af­fekt vor­herrscht, wir also nur Auf­for­de­run­gen hören wie: „Er­in­nert euch an den Zwei­ten Welt­krieg! Er­in­nert euch an das, was da­mals ge­schah!“ Diese Ge­schich­ten be­weg­ten die Ge­ne­ra­ti­on von Mit­ter­rand, Kohl oder auch De­lors. Heut­zu­ta­ge kann die­ser Er­in­ne­rungs­af­fekt die junge Ge­ne­ra­ti­on aber nicht mehr be­we­gen. Denn die lebt in einer Kul­tur der Hy­bri­di­sie­rung, der Über­set­zung und der län­der­über­grei­fen­den Na­tio­nen. Die Ver­gan­gen­heit ist zu prä­sent in der Kon­struk­ti­on Eu­ro­pas. Wie wäre es mit etwas Zu­kunft?

CAFÉBABEL BER­LIN STREI­TET ÜBER EU­RO­PA

Cafébabel Ber­lin ist of­fi­zi­el­ler Me­di­en­part­ner von A Dis­pu­te over Eu­ro­pe. Ab dem 2. Mai 2014 könnt ihr hier In­ter­es­san­tes vom Kon­gress und In­ter­views mit den ver­schie­de­nen Pa­nel­teil­neh­mern lesen. Mehr Up­dates gibt es wie immer auf Face­book und Twit­ter