Berlin

Berlin Jukebox: Marco Wellisch (Teil 2)

Artikel veröffentlicht am 29. Januar 2015
Artikel veröffentlicht am 29. Januar 2015

Die Welt des Techno hat sich seit den wilden Feiertagen in Frankfurt vollkommen verändert. Die deutsche Clubindustrie blüht mittlerweile in Berlin – trotz Konkurrenz, Kommerz und Ärger mit der GEMA. Der DJ und Producer Marco Wellisch sieht viele dieser Entwicklungen kritisch. Am Ende gewinnt für ihn aber trotzdem der Techno. 

Mit dem Feierspaß geht es in Frankfurt schon Ende der 1990er-Jahre bergab, die elektronische Musikszene wird kleiner und zieht sich zurück. „Als DJ verbrennt man sich und seinen Namen. Irgendwann zieht man nicht mehr“, glaubt Marco Wellisch. „Die Leute haben keinen Bock darauf, immer dieselben Leute zu hören, egal wie oft man sich neu erfindet.“ Marco geht erst einmal nach Berlin, bleibt der elektronischen Musik aber treu. Klangwild, zuerst vor allem Musikprojekt, wird schließlich zur Eventagentur und am 21. Dezember 2012, dem vermeintlichen Ende der Welt (zumindest laut den Mayas), zum Musiklabel. Die erste Platte heißt dann auch ganz passend 2012: „Damals dachte ich: Vielleicht gibt es ja gar keinen Tag danach?”, erzählt Marco. „Wenn aber doch, dann ist das der beste Tag, um ein Label zu gründen. Jetzt ist 2015, die Welt ist noch nicht untergegangen und Klangwild gibt es immer noch.” Mittlerweile versammelt Marco auf seinem Label vor allem junge Producer und Live Acts aus Berlin, wie zum Beispiel Oliver Benitez oder Aantigen

Marco Wellisch, Invasion B/MAO Mix (2012)

Mit Klangwild geht es immer mehr in Richtung Musik und weniger in die Eventecke: „In Berlin ist man viel schneller ausgebrannt, als man Erfolg hat. Entweder man hat hier seine Base oder seine Crowd – oder er klappt nicht und man wird nie regelmäßige Veranstaltungen machen.” Nur mit Musik Geld zu verdienen ist allerdings auch nicht unbedingt einfach. Klangwild ist ein digitales Label, viele der Tracks werden über Beatport oder ähnliche Onlineportale für elektronische Musik vertrieben. „Nur Headliner-Label verdienen heute noch Geld mit Techno“, ist Marco überzeugt. „Das ist aber auch schwierig zu sagen, denn die meisten reden nicht darüber. Alle, die ich kenne und die bekannte Labels haben, leben zu 90 % von ihrem Namen und ihrer Performance.“ 

Auch die GEMA (kurz für Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte) macht vielen Produzenten elektronischer Musik zu schaffen. In kaum einem Berliner Club werden Tracklists geführt, daher gibt es auch keine Gebühren oder Tantiemen – zumindest nicht für rein digitale Musik. Wer eine Vinylplatte herausbringt, muss schon im Presswerk Geld für die GEMA abdrücken. Die Rechtslage im Falle der elektronischen Musik ist allerdings noch ungeklärt: „In letzter Zeit macht die GEMA aber so komische Faxen. Jetzt sollen plötzlich die DJs die Gebühren zahlen und nicht mehr die Clubs. Mich haben sie auch schon angeschrieben und gefragt, was ich spiele, wo ich spiele und wie oft ich spiele.“ So hat der nächtliche Feierspaß auch seine juristische, bürokratische Seite. „Das mit der GEMA ist nicht gut und bringt uns eher dem Abgrund nah“, meint Marco.

Marco Wellisch, The Night Crazy People Remix (2013)

Auf der anderen Seite wird es aber auch leichter: Während gute Synthesizer früher zwischen 8 000 und 20 000 Mark kosteten, braucht man als Produzent heute nur noch einen besseren Computer. „Den Herstellern tut das sicher nicht gut, der elektronischen Musik aber schon“, lacht Marco. „Es gibt so viel mehr Begeisterung, so viele Fans! Die Leute kommen ja aus Walhalla, um elektronische Musik zu hören. Dass jeder mitmachen darf, hat die Musik sehr schnell sehr viel weiter gebracht.” Manche DJs schwören zwar immer noch auf Vinyl, aber für Marco ist die Platte ein „Relikt vergangener Zeiten“. Die Produktion des weltberühmten Plattenspielers Technics MK2 1210, der in fast allen Clubs der Welt steht, wurde im letzten Jahr eingestellt: „Analoge Geräte werden ausgetauscht gegen Computer und Controller. Da ist dann nur noch ein Gehirn und das war’s.“

Die wilden, freien und verrückten Jahrzehnte des Techno sind wohl vorbei, auch wenn es nachts an der Warschauer Straße anders wirken mag. Mittlerweile ist Techno zu einer Riesenindustrie geworden, die Szene ist grandios unübersichtlich und kaum einer weiß noch, neben wem er da im Club gerade tanzt. Mittlerweile hört man auch immer öfter von Elektro, abgeleitet vom englischen „electronic“.  Manche sprechen ganz einfach von Minimal. „Für mich hat das aber alles mit Techno angefangen und sich dann in so viele Sachen verwandelt“, sagt Marco. Sicher sei nur, dass am Anfang House stand, im Amerika der 1980er-Jahre. Berlin steht mittlerweile wieder auf House, allerdings in seiner Form als Deep House: „Für mich ist das eigentlich Techno“, sagt Marco. „Die Musik, die wir in den 1990ern gehört haben, war dann wohl auch Deep House.”

Marco Wellisch, Trubel Lotte (2013)

Ein bisschen wird das wohl auch noch so weitergehen, angereichert um internationale Einflüsse aus den Gefilden des Partytourismus. Viele, die heute Techno lieben, sind beim Urlaub in Berlin auf ihn gestoßen. Und nicht immer geht es nur um die Musik, oft zählt vor allem der Lebensstil: „Für mich ist Techno eigentlich keine Musikrichtung, sondern ein subkultureller Beitrag oder eine Ausdrucksform. Also eine Art und Weise etwas zu machen, was andere nicht machen.” Darauf gründe auch der Zusammenhalt in der Szene, die zwar ausufern mag, ihren Mitgliedern aber trotzdem Freundschaft, Enge und Gefühle biete.

Und vor allem natürlich Spaß: „Techno ist zuerst einmal mal Ekstase“, ist Marco überzeugt. „Zweitens ist er technologisch, technisch, fortschrittlich. Ich habe kein Instrument gelernt und kann trotzdem durch Maschinen meinen Gefühlen und Vorstellungen von Tönen nachgehen. Und drittens ist Techno auch Gemeinschaft.“ Dazu braucht es noch nicht mal Worte: „In der Pop- oder Rockmusik das Instrumentale nur die Freaknische. Die Verbindung mit der Musik geschieht immer zuerst über Worte, denn als erstes hört man die Stimme, die einen durch den Song trägt.“ Techno brauche das alles gar nicht, um die Menschen gemeinschaftlich in Ekstase zu versetzen, meint Marco. „Und das ist auch genau der Grund, warum ich das hier mache.”

Mehr von Marco Wellisch gibt es auf seiner Website, auf Reverbnation und Facebook

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Keine Lust mehr auf die immer gleichen Tophits, Radioschleifen oder Spotify-Playlists? Ab April 2014 stellen wir euch in der Rubrik Jukebox junge Musiker, DJs und Live Acts aus Berlin vor, die noch Unerhörtes zu bieten haben. Mehr Tracks und Playlists gibt es auf Facebook und Twitter.