Berlin

Berlin Jukebox: Doctorella

Artikel veröffentlicht am 29. August 2014
Artikel veröffentlicht am 29. August 2014

Wortwitz, viel Berlin-Liebe und gleich doppelte Frauenpower: Doctorella vermischen Weird Folk und Disco-Elemente.

Die Zwillingsschwestern Sandra und Kerstin Grether machen in Berlin so viele verrückt-schöne Dinge, dass selbst ein 24-Stunden-Tag dafür eigentlich nicht ausreicht. Demonstrieren, publizieren und musizieren. Ihr Herzensthema: Popkultur samt der schillernden Gestalten und Melodien, die sich dort so tummeln – auch in den Texten ihrer Band Doctorella.

Cafébabel: Wann habt ihr angefangen, Musik zu machen – und warum?

Kerstin: Ich habe mir schon als Kind beim Fahrradfahren eigene Texte zu Hitmelodien ausgedacht. Sandra und ich haben unsere Eltern mit unserer Singsucht regelmäßig in den Wahnsinn getrieben. Mit Anfang 20 habe ich mich dann zum Gesangsunterricht gewagt: zuerst Klassik und dann Pop. Den teuren Unterricht musste ich mir jahrelang vom Mund absparen. Dann hab ich noch Klavier dazu gelernt. Aber dieses Gefühl: Geil, ich bin jetzt wohl Musikerin, hatte ich erst, als ich mit meiner Band Doctorella zum ersten Mal im Proberaum war, 2008.

Sandra: Ich habe mit zehn meine erste Akustik-Gitarre und Klassik-Unterricht dazu bekommen. Mit 12 kam noch Orgel dazu. Mit 14 die erste E-Gitarre, das war dann die große Liebe – auch wenn ich erst mit 23 meine erste Band, Parole Trixi, gegründet habe. Als Mädchen, das E-Gitarre spielt, wird man ja von seiner Umgebung, besonders von den Jungs, unentwegt entmutigt weiterzumachen. Aber die E-Gitarre und ich, wir sind zusammen geblieben.

Cafébabel: Doctorella ist euer Gemeinschaftsprojekt. In welcher musikalischen, vielleicht auch politischen Tradition, seht ihr die Band?

Sandra: Ich mochte schon immer Popbands, die sich als Punkbands tarnen, sowohl in Attitüde als auch Musik: The Clash, Hole, Strokes, Velvet Underground, The Smiths, Ton Steine Scherben. Also wirklich gut komponierte Lieder, die in rockigem, oft auch gitarrenverzerrtem Gewand daher kommen. Und lyrische Songtexte sollten schon sein. Wir sehen uns aber auch in einer queeren New Weird Folk Tradition – zum Beispiel Coco Rosie – und sind beeinflusst von Chansons à la Hildegard Knef.

Kerstin: Mir war immer wichtig, dass Doctorella einen bestimmten Pop-Appeal hat und ich habe darauf gedrängt, auch Disco-Elemente reinzubringen. Der Groove ist genauso wichtig wie der Text.

Doctorella - Ich brauche ein Genie

Cafébabel: Worauf kommt es euch beim Songschreiben an?

Kerstin: Ich habe dabei immer das Anliegen, etwas Lustiges, Unterhaltsames, Euphorisierendes, mit einer verborgenen Leidenschaft oder einem ungewöhnlichen Bekenntnis, zu verbinden. Ein Pop-Song geht ans Eingemachte. Da ich ja auch als Autorin arbeite, wäre es für mich irre leicht, mir irgendein Thema auszudenken. Aber das Thema darf man sich nicht ausdenken, es muss eine Spur dringender mit mir und anderen zu tun haben.

Sandra: Da ich als Autorin und Aktivistin meine Meinung zu Fragen von Emanzipation und Menschenrechten in den letzten Jahren laut genug geäußert habe, ist für mich der Kick weg, feministische Themen eins zu eins in Songs zu packen. Wir wollten beispielsweise eine feministische Hymne schreiben und da gab es irgendwann sieben verschiedene Textentwürfe. Die wir dann alle verworfen haben. Jetzt ist es eine übermütige Ballade ganz allgemein zum Thema Depression und Chancenungleichheit geworden.

Cafébabel: Was bedeutet Berlin für eure Musik und für euch persönlich?

Sandra: Ich höre gerade viel Hildegard Knef und ich mag diese Berlin-Melancholie in ihren Liedern. „Ich hab so Sehnsucht nach dem Kurfürstendamm...“. Ich bin auch immer großer Fan von Annette Humpe und Nina Hagen gewesen. Berlin ist eine Stadt, in der es auch für ausdrucksstarke Sängerinnen eine Tradition gibt und nicht, wie zum Beispiel in Hamburg, nur für Jungsrockbands, oder in Köln für elektronische Musik. Es ist was dran an dem Witz, dass sich „die Verrückten“ in Berlin plötzlich so normal fühlen. Das ist gut für die Musik...

Kerstin: …und natürlich für die Seele. Ich wohne jetzt seit 13 Jahren hier und es kommt mir vor, als wären es erst drei. In Hamburg war es umgekehrt: Ich habe da drei Jahre gelebt und es fühlte sich an wie 13 Jahre...

Doctorella - Ich hol dich aus dem Irrenhaus

Cafébabel: Du, Kerstin, hast vor kurzem deinen zweiten Roman „An einem Tag für rote Schuhe“ veröffentlicht, fast zeitgleich mit Doctorellas neuem Song „Ich brauche ein Genie“. Welche Verbindung besteht zwischen Buch und Lied?

Kerstin: In meinem Roman streift die Sängerin Lilly Vegas durch  das weihnachtliche Berlin. Das Buch ist sowohl eine atmosphärische Erzählung als auch ein leuchtendes Manifest gegen eine allgegenwärtige Kultur der Verharmlosung von Gewalt gegen Frauen. Es ist ein Buch, das im tiefsten Winter spielt. Während „Ich brauche ein Genie“ ein Song ist, der einen Sommerhut trägt. Bisher vielleicht unser leichtestes Lied. Lilly Vegas  sitzt ja auf dem Scherbenhaufen ihrer Beziehung. Und die Person in dem Song fängt an, einen Forderungskatalog aufzustellen: Was will ich eigentlich von einem Mann? Es ist ein augenzwinkerndes Lied, das mit dem Paradox spielt, ein Genie fürs Herz zu brauchen. Und natürlich auch damit, selber eins zu sein...

Cafébabel: An einem Samstagabend in Berlin findet man euch...

Kerstin und Sandra: Zu Hause. Bohemiens gehen unter der Woche aus.

Kerstin Grether liest aus „An einem Tag für rote Schuhe“: Hamburg, Hanseplatte, 13.9. (mit Musik: Doctorella + Helikon) // Gelsenkirchen, Flora, 20.9. // Berlin, Laidak, 23.10

Cafébabel Berlin schmeißt die Jukebox an

Keine Lust mehr auf die immer glei­chen To­phits, Ra­di­o­schlei­fen oder Spo­ti­fy-Play­lists? Ab April 2014 stel­len wir euch in der Ru­brik Juke­box junge Mu­si­ker, DJs und Live Acts aus Ber­lin vor, die noch Un­er­hör­tes zu bie­ten haben. Mehr Tracks und Play­lists gibt es auf Face­book und Twit­ter.