Berlin

Baltic Film Festival

Artikel veröffentlicht am 20. Oktober 2008
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Artikel veröffentlicht am 20. Oktober 2008
Die Debattenreihe von Café Babel International, EU campaign on the Ground, macht vom 22. bis zum 25. Oktober Station in Tallinn. Anlass für uns, einen Artikel mit Estlandbezug zu veröffentlichen. Eine unmögliche Mission? Ganz im Gegenteil, in Berlin stellt das 4. Baltic Film Festival von Freitag dem 17. Oktober bis Mittwoch dem 22.
ungefähr 20 Filme vor, darunter auch den estnischen Film Autumn Ball, der letztes Jahr in Venedig ausgezeichnet wurde. Ab jetzt beschäftigen wir uns jeden Monat mit einer anderen Stadt und ihrem Bezug zu Berlin

von Sergio Marx

Totentanz auf dem Herbstball

Ein zur Neurose neigendes Paar, das einen gegenseitigen Hass pflegt. Eine Mutter, die ihre Tochter alleine erzieht und von ihrem alkoholabhängigen Ex-Mann bedrängt wird. Ein alter Friseurgehilfe, der Grundschülern Süßigkeiten anbietet und dafür Pervers geheißen wird. Ein desillusionierter und unverstandener Pförtner eines schicken Restaurants, der mechanisch chancenlose sexuelle Affären aneinander reiht. Ein stets betrunkener Mensch, der seine mit seinem besten Freund durchgebrannte Freundin ständig überwacht...

„Autumn Ball“, der Film von Veiko Õunpuu, ist so grau und trist, wie die Jahreszeit, nach der er benannt ist. Den Zuschauer wird wohl keine Reiselust nach Estland packen. Das alltägliche Leben scheint eben dort nicht besonders glücklich zu sein, eher ziemlich düster: Unvereinbarkeit der Charaktere, Frustration, Misserfolg, Ziellosigkeit, Selbstzerstörung. Jeder Akteur sehnt sich nach Glück und Sicherheit. Ihre Existenzen bestehen jedoch aus einer Reihe von Enttäuschungen. Schließlich ist das Glück auch von den Mitmenschen abhängig, aber die Unvereinbarkeit der Begierden und Erwartungen vernichtet zwangsläufig jede Erfolgshoffnung. Selbst wenn die Absurdität des Geschehens manchmal ein Lächeln erzeugt, kann der Zuschauer wunderbar an Weltschmerz leiden.

Rain Tolk stellt eine der Hauptgestalten im Autumn Ball dar. Es handelt sich nicht um seine erste Zusammenarbeit mit Veiko Õunpuu, mit dem er schon ein Drehbuch zusammen geschrieben hat. Im nächsten Film Õunpuus, « Die Versuchung des heiligen Antonius », wird Tolk den Teufel selbst darstellen.

Babel.Blog.Berlin: Rain Tolk, handelt es sich in Autum Ball um die Darstellung egoistischer Gestalten, die mit ihnen selbst so beschäftigt sind, dass sie die Möglichkeit des Glückes verpassen?

Rain Tolk: Ich glaube nicht, dass der Film die Leute als arme kleine egoistische Insekten behandelt. Er befasst sich mit der ganzen Menschheit und nicht mit den Schulden und der Nabelschau spezifischer Menschen. Der Film versucht die Leute darzustellen, wie sie eigentlich sind, um an eine Art von Wahrheit heranzukommen.

Was ist diese Wahrheit?

B³:

Am Ende des Filmes, kann man sehen, dass wenn alle Hoffnung verschwunden ist, eine Art von Glück entstehen kann. Irgendwie ist es eine neue Plattform, um wieder anzufangen. Wenn man seinen Tiefpunkt erreicht hat, ist es endlich möglich wieder aufzubauen. Einigermaßen wirft der Film einen buddhistischen Blick auf die Gesellschaft.

RT:

B³: Warum haben sie sich entschieden, an diesem Film teilzunehmen?

RT: Die Idee hat mir einfach gefallen. Ich bin seit langem mit dem Regisseur befreundet, ich nehme an, dass wir eine vergleichbare Sensibilität teilen.

B³: Würden Sie diese Sensibilität als etwas typisch estnisches bezeichnen?

RT: Ich würde sagen, dass die Sensibilität und der absurde Humor, die in diesem Film zu sehen sind, typisch für Mati Unt, den Autor des ursprünglichen Buches, sind. Veiko und ich haben mehr oder weniger gleichzeitig den Autor und sein Buch wieder entdeckt. Aber ich könnte nicht allgemein sagen, dass es sich um eine spezifische estnische Sensibilität handelt. Mir würde es gefallen zu glauben, dass der Film eine für die ganze Menschheit kennzeichnende Sensibilität wiedergibt. Wir sind keine nationalistischen Filmmacher, wir wollen eine Ansicht über die Menschheit und nicht über Nationalität teilen.

Ein universeller Film

B³: Tatsächlich haben Leute um die Welt vergleichbare Kommunikationsprobleme...

RT: Der Film hat Erfolg in völlig unterschiedlichen Kulturen geerntet. In Portugal war er zum Beispiel sehr erfolgreich, obwohl meine Rolle weder typisch estnisch noch portugiesisch ist. Unser Ziel war nie, spezifisch estnische Filme zu drehen.

B³:An einer Stelle des Filmes beschwert sich jemand über den konstanten Versuch des Westens, die baltischen Länder als eine Einheit zu betrachten und eine künstliche baltische Identität zu schaffen.

RT: Ganz genau. Insofern ist unser Film ein politischer Film, weil wir zeigen wollen, dass wir nicht so viel Vertrauen in die Nationalität oder den Staat haben. Ich persönlich habe lieber Vertrauen in die Menschheit.

http://www.balticfilmfestivalberlin.net

Festival-Orte: Babylon Rosa-Luxemburg-Straße 30 | 10178 Berlin | 030 2425969

Botschaft der Republik Litauen Charitéstraße 9 | 10117 Berlin | 030 8906810