Zypern: Der Deal von Pyla 

Artikel veröffentlicht am 28. Juni 2017
Artikel veröffentlicht am 28. Juni 2017

Seit dem türkischen Einmarsch in Zypern im Jahre 1974, trennt die 'grüne Linie' die griechischen von den türkischen Zyprern. Die zwei Gesellschaften leben seit 43 Jahren voneinander abgeschottet. Aber das in der Mitte gelegende Pyla zeigt, dass ein Zusammenleben der beiden Gemeinschaften möglich ist.

In brütender Hitze ist der zentrale Platz von Pyla heute menschenleer. Zwischen Satellitenschüsseln und einigen im Schatten geparkten Autos gibt es nur die zwei Cafés der beiden Gemeinschaften - der türkischen und der griechischen - direkt nebeneinander. Auf dem Schild des ersten Cafés, Stammtisch der türkischen Zyprer, steht 'Pyla, das türkische Café'. Das Hauptquartier der griechischen Gemeinschaft geht einen Schritt weiter. Auf einem mit einer griechischen Flagge umrandeten Schild glänzen die Worte 'Nationalistischer Verband von Pyla'.

Pyla ist das einzige gemischte Dorf Zyperns, mitten in der Pufferzone, dem bekannten entmilitarisierten Bereich, der seit 43 Jahren von der UNO kontrolliert wird. Die beiden Cafés, die inbesondere von älteren Dorfbewohnern besucht werden, sind um die Mittagszeit leer. Die einzigen Schatten, die man um diese Zeit über den Platz streifen sieht, sind die vor dem Beobachtungsposten der Vereinten Nationen. Im Zentrum wurden die Serben mit der Friedenserhaltung in der Nähe der Pufferzone beauftragt. Die wenigen Landrover der Blauhelme zeugen von einer gewissen Vorsicht, als ob die Kriegsgefahr auch heute noch sehr präsent sei. 

Hier ist niemand gestorben“ 

In Pyla leben 1 200 griechische und 500 türkische Zyprer friedlich zusammen. Beide Gemeinschaften haben ihre eigene Kultstätte. In dem Dorf gibt es eine griechisch-orthodoxe Kirche und eine Moschee, die zwischen Pinienbäumen hervorragt. Jede Gemeinschaft hat ihre Schule, ihren Frisör, ihren eigenen Friedhof und einen Bürgermeister. „Wir hatten hier nie Probleme, nicht vor und nicht nach dem Krieg. Es kam nie zu Vorfällen zwischen den Gemeinschaften. Hier ist niemand gestorben. Natürlich ist nicht alles perfekt, es ist sogar etwas seltsam. Die Jugendlichen der beiden Gemeinschaften stehen sich nicht wirklich nahe, aber es wird langsam besser. Wir organisieren jetzt sogar Feste zusammen“, erklärt der griechische Bürgermeister, Simos Mitides. „Die türkischen Zyprer sind sowohl Europäer als auch Zyprer“, fügt er hinzu.

Wenn man sich etwas tiefer ins Dorf hineinwagt, sieht man auf einem Hügel einen Wachpunkt, über dem zusätzlich zur Flagge der türkischen Zyprer auch die Flagge des Heimatlandes, der Türkei, weht. Direkt dahinter beginnt die türkische Republik Nordzyperns, die 1983 selbst ausgerufen wurde und weder von dem griechischen Teil des Landes noch von der internationalen Gemeinschaft anerkannt wurde. Das Gebiet entlang der Grenze zu Pyla erinnert die Einwohner an die traurige Realität der türkischen Besetzung und vier Jahrzente schmerzvoller Geschichte.

1974 führt die Militärjunta mit Hilfe der zyprischen Gemeinschaft einen Putsch gegen den Präsidenten Makarios durch, mit dem Ziel, Zypern und Griechenland zusammenzuführen. Als Garant schreitet die Türkei militärisch  mit einer 'Friedensoperation' ein, die 3 500 Opfer forderte. 3 000 griechische und 500 türkische Zyprer verloren ihr Leben. 200 000 Zyprer fliehen in den Süden des Landes und 22 000 türkische Zyprer werden ausgewiesen. Die türkische Invasion endet in einer Besetzung von 38 Prozent des Gebiets und hinterlässt 35 000 Soldaten auf Beobachtungsposten. 1963 wird eine entmilitarisierte Zone eingerichtet. Seit 1974 wird sie 'die grüne Zone' genannt und teilt die Insel in zwei Gebiete. Die Hauptstadt Nikosia ist somit die letzte geteilte Hauptstadt der EU. 

Ein Nest des Glücks

Im 'Nest des Glücks', einem Pub, der von den Dorfbewohnern und einigen neugierigen Touristen besucht wird, schlürft Andronikos Zapitis, 40 Jahre alt und griechischer Finanzprüfer des Staates, seinen Kaffee und plaudert mit einem Freund. Er ist in Pyla geboren und trifft sich regelmäßig mit türkischen Zyprern. Er bestätigt, dass es hier keine Probleme zwischen den beiden Gemeinschaften gibt. „Weihnachten zum Beispiel freuen sich die türkischen Kinder immer sehr, den Weihnachtsmann zu sehen“, erzählt er. Das Ritual gehört nicht zu ihren Bräuchen, aber zeigt, dass die türkische Gemeinschaft gut in das Dorfleben integriert ist.

Dennoch gehört Andronikos zu denjenigen griechischen Zyprern, die ihren Pass nicht zeigen wollen, wenn sie auf die besetzte Seite der Insel gehen. 2003 und 2008 hat die Eröffnung von sieben Checkpoints auf der grünen Linie dafür gesorgt, dass sich die griechischen und türkischen Zyprer frei bewegen können. Durch diese Übergänge haben sich die zwei Gemeinschaften angenähert. Vorher waren sie voneinander abgeschottet. Die Checkpoints waren für viele griechische Flüchtlinge auch die Möglichkeit, zum ersten Mal wieder ihre Häuser zu besichtigen, die sie während des Krieges verlassen mussten. 

Die Situation in Pyla beschäftigt Andronikos nicht besonders. Der Vierzigjährige ist eher über die Probleme im Rest des Landes besorgt. Die Wahl von Mustafa Akinci als Präsident der Türkischen Republik Nordzyperns 2015 und das progressive Ende der Wirtschaftskrise in den Jahren 2012 bis 2013 hat dem Land einen neuen Aufschwung gegeben. Verhandlungen zwischen Akinci und dem Präsidenten der zyprischen Republik, Nikos Anas, wurden wieder möglich und starten am 28. Juni in Genf. All dies geschieht unter Aufsicht der UNO und den drei Garant-Staaten Griechenland, Türkei und Großbritanien.

Das Projekt der Wiedervereinigung sieht zwei Zonen und zwei Gesellschaften vor. In den letzten zwei Jahren wurden große Fortschritte in Bezug auf Eigentumsrückführung, Wirtschaft, Verwaltung und EU gemacht. Ein erster Gipfel ist für Januar in Genf vorgesehen und wird bereits als 'historisch' angekündigt. Dennoch bleiben viele Punkte, wie die territoriale Anpassung, die Garantien, die Sicherheit sowie die Form der Verwaltung und der Exekutive, weiterhin offen.

„Warum sollten wir kämpfen?“

„Vor dem Krieg lebten griechische und türkische Zyprer friedlich miteinander. Ich möchte eine zyprische Lösung, ohne dass Griechenland oder die Türkei Garanten werden. Die EU sollte diese Rolle übernehmen“, erklärt er. Die EU wohnt den Verhandlungen als Beobachter zwar bei, aber die Türkei ist gegen eine stärkere Rolle der Staatengemeinschaft.

Im Nest des Glücks sitzt einige Tische weiter Huseyin Yahi, 23 Jahre alt und türkischer Zyprer. Er ist auf der besetzten Seite, in Famagouste, geboren. Der junge Mann untersucht einige Sportstatistiken für sein Sport-Studium, das er an der Universität im Norden der Insel absolviert. Seine Eltern kommen aus Pyla. Auch er hat entschieden, in seinem Heimatort zu bleiben. Huseyin geht jeden Tag in das griechische Café. „In Pyla habe ich griechische Zyprer als Freunde. Wir hören zusammen griechische Musik, trinken zusammen. Ich wünsche mir eine Lösung, damit wir alle zusammen leben können“, sagt er.

Noch heute sind die türkischen Zyprer aus dem Norden der Insel gegenüber den türkischen Ansiedlern, die seit 1974 auf die Insel gekommen sind, in der Minderheit. Es gibt 80 000 bis 89 000 türkische Zyprer gegenüber den 115 000 Ansiedlern. Die türkischen Zyprer haben nicht die gleiche Kultur wie die Ansiedler, aber Huseyin verbirgt seine Gefühle nicht: „Ich fühle mich europäisch. Für mich heißt Europa Freiheit“, sagt er. „Wir sind zusammen auf dem gleichen Gebiet geboren. Warum sollten wir also kämpfen?“

Der Bürgermeister von Pyla sieht die Verhandlungen nicht ganz so positiv. „Ich bin pessimistisch. 2004 haben wir die Gelegenheit einer Wiedervereinigung verpasst. Für mich gibt es keine Lösung. Das war's“, donnert er. Die politische Einstellung des Bürgermeisters geht auf den bekannten Annan-Plan zurück. 2004 hatte die UNO versucht eine föderale Lösung nach Schweizer Modell zu finden. Aber ein Referendum, welches noch im gleichen Jahr organisiert wurde, bremste die Intentionen der Internationalen Organisation. Die griechischen Zyprer lehnten den Plan mit 75,8 Prozent Gegenstimmen ab, obwohl die türkischen Landsmänner sich mit 64,9 Prozent für den Plan aussprachen.

Dreizehn Jahre später könnte Pyla das lebende Beispiel sein, dass ein Zusammenleben zwischen griechischen und türkischen Zyprern möglich ist. Sollte es eines Tages eine Wiedervereinigung geben, könnte es zum Schaufenster neuer Erfolge werden. Sollten die Verhandlungen in einer Einigung enden, muss diese allerdings dennoch von beiden Gemeinschaften in einem Referendum angenommen werden.