Zypern: Aberglaube-Apps gegen Globalisierung

Artikel veröffentlicht am 24. Oktober 2017
Artikel veröffentlicht am 24. Oktober 2017

Aus Kaffeesätzen kann man die Zukunft lesen, Talismane schützen gegen den 'Bösen Blick'. Die Folklore ist tief mit der zyprischen Kultur verwebt - weit mehr als die Spaltung der Insel seit 43 Jahren. Was bedeuten die Traditionen jungen Zyprern heute?

Zypern ist bekannt für seinen Sommer, seine Gastronomie und seine politische Spaltung. Wesentlich unbekannter ist aber die reiche Folklore, das Jahrhunderte lang überlieferte Wissen und die Weisheiten des Inselvolkes. Es ist ein Flickenteppich aus Aberglaube und Traditionen, der aus einer Zeit der Sagen über Könige und Kreuzritter stammt. Die Erzählungen sind tief eingewoben in die mündlich überlieferte Geschichte Zyperns. Trotz politischer Spannungen und Unterschieden in Religion und Sprache teilen griechische und türkische Zyprer viele Überzeugungen und Brauchtümer.

Flüstern in den Gassen

1974 hatte eine rechte Militärjunta (Offiziersgruppe) durch einen Putsch versucht, die zyprische Regierung zu stürzen und Zypern mit Griechenland zu vereinen. Als Reaktion darauf marschierten türkische Truppen auf der Insel ein. Sie erklärten, die Invasion sei notwendig, um türkische Zyprer zu schützen und besetzten anschließend das nördliche Drittel der Insel. Seitdem ist die Insel gespalten. Die entstandene 'Green Line', die Grenze zwischen Nord- und Südzypern, wurde 2003 erstmals wieder geöffnet. Das erlaubte den Zyprern beider Seiten, die Teile der Insel zu besichtigen, von denen sie vorher abgeschnitten waren. Es war für sie eine Möglichkeit, die Häuser zu sehen, aus denen sie flohen. Die 'Anderen' wiederzufinden oder kennenzulernen und zu entdecken, dass sie eigentlich gar nicht so anders sind. Auch wenn Politik entzweit, können Folklore und Geschichten, die seit Generationen wie Erbstücke weitergegeben werden, Menschen verbinden. Und Zypern bildet da keine Ausnahme.

Manche Zyprer tun diese Geschichten ab und sagen, abergläubische Menschen würden in der Vergangenheit leben. Aber in einer Zeit bevor die Menschen Strom hatten, geschweige denn Google, als es noch keine Büchereien gab und Menschen nicht lesen konnten, wurden Rituale und Bestimmungen durch Anekdoten und Geschichten geformt. Die mündlichen Erzählungen wurden so sehr ausgeschmückt, dass sie zu Geschichten über kinderraubende Kobolde, über Königinnen, die vergrabene Schätze in ihren Burgen horten, und Seeungeheuer in Ayia Napa wurden.

Ein Talisman gegen den 'Bösen Blick'

Michael ist ein 27-jähriger Zyperngrieche, der gegenwärtig in London für eine Start-Up arbeitet. Er erklärt, auf welche Weise einige der Traditionen die Zeit überdauert haben: „Früher glaubten die Menschen, dass Götter in Bäumen lebten. Heutzutage berühren die Menschen Holz, um Schutz zu erhalten. Es war eine Tradition, die im Altertum entstanden ist und bis heute überlebt hat.“ Die Zyprer verbrannten Olivenblätter, um böse Geister zu vertreiben, junge Zyprer tun das noch heute. Anstatt Geister zu vertreiben, wollen sie damit die Luft von negativer Energie bereinigen. Die Intention ist die Gleiche, aber das Vokabular hat sich verändert. Traditionen mögen der Vergangenheit einen Spiegel vorhalten, aber sie enwickeln sich auch weiter. Während sich die Gesellschaft verändert und die Globalisierung immer weiter voranschreitet, findet der Aberglaube seinen Weg in die Moderne.

Zum Beispiel hat Michael sich eine App auf sein Iphone geladen, die ein Amulett zum Schutz gegen den 'Bösen Blick' simuliert. „Ich glaube nicht besonders daran“, erklärt er, „aber ich habe es trotzdem.“ Das blaue Amulett aus Glas wird überall in Zypern zum Verkauf angeboten, für einen Preis zwischen einem und mehreren hundert Euro, manchmal sogar noch mehr. Beide, griechische und türkische Zyprer, tragen das Amulett als Armband oder Halskette, heften es Neugeborenen an oder hängen es zuhause auf, um sich vor Missgunst zu schützen. Paul, ein weiterer junger Zyprer, der in London lebt und im Gastgewerbe arbeitet, „glaubt an nichts davon“. Trotzdem hat der 28-Jährige einen blauen Glücksbringer in seinem Wohnzimmer und auch in seinem Auto. „[Ich mache da mit,] weil alle anderen es machen. So eins im Wohnzimmer zu haben senkt die Kosten der Hausratsversicherung!“

Aber ist das Bedürfnis, sich vor Missgunst zu schützen, auch noch entscheidend für die Zyprer, die im Ausland leben? Mit den jungen Zyprern, die von der Insel in größere Metropolen ziehen, mögen sich die Gründe für den Aberglauben verändern. Stephanos, ein 29-jähriger Wissenschaftler, der in Paris lebt, ist sich sicher, dass gesellschaftliche Veränderungen die Ursache sind: „In Zypern hat man ein großes soziales Umfeld mit unterschiedlichen Freundschaftsgraden, statt der kleineren, eng verbundenen Freundschaften, die man in Nordeuropa findet“, erklärt er. „Aufgrund dieser engen aber auch entfernten Bekanntschaften, durch die vielen Menschen, die kommen und gehen in diesem Freundeskreis, kann sicher Neid entstehen. Deshalb glaube ich, dass an dem Bösen Blick was dran ist.“ 

Kaffeesatzlesen bei Starbucks

Der blaue Talisman gegen den Bösen Blick ist in beiden zyprischen Gemeinschaften üblich, genauso wie die Tasseographie, besser bekannt als Kaffeesatzleserei. Diese Tradition wird noch immer von türkischen und griechischen Zyprern praktiziert, die einen Blick darauf erhaschen möchten, wie ihre Zukunft aussehen könnte. Typischerweise ist es eine ältere Frau, die aus dem Kaffeesatz liest. Dafür lässt sie den Kaffeetrinker die Tasse umdrehen und die schlamm-ähnliche Substanz auf eine Untertasse laufen. Sie deutet die Symbole in der Tasse, die jede beliebige Gestalt annehmen können; von Tieren, über Menschen, zu Dingen. Aber diese traditionelle Praxis ist bei den jungen Zyprern nicht mehr so beliebt wie früher. „Ich kenne niemanden, der das macht“, bekennt Michael. „Sei's drum, die Menschen in Zypern trinken mittlerweile ihren Kaffee bei Starbucks. Ich bin mir nicht sicher, wie man die  Zukunft aus einem Latte-Becher mit Kürbisgeschmack lesen soll.“

Mike, ein 35-jähriger Zyprer, der ein Kosmetikstudio in Cardiff betreibt, glaubt, dass die Zyprer im Ausland weniger abergläubisch sind als die in der Heimat. Aber für ihn gilt das nicht. Auch wenn er nun in Großbritannien lebt, vertraut er weiterhin auf Tasseographie und die Erkenntnisse, die sie bringen kann. „Ich glaube an den Kaffeesatz und kann ihn lesen und deuten. Meine yiayia (Großmutter) hat mir beigebracht wie. Das Brauchtum stammt von den Generationen vor dem Krieg. Ich glaube nicht, dass es einen Unterschied zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen gibt, [wenn es um das Kaffesatzlesen geht].“

Neşe, ein junger türkischer Zyprer, der in Famagusta im Osten Zyperns lebt und unterrichtet, unterstützt Mikes Gedanken: „Wir haben ähnliche Bräuche wie die anderen Zyprer. Wir haben lange zusammen gelebt.“ Neşe nennt als Beispiel verschiedene Phrasen, die sowohl türkische als auch griechische Zyprioten verwenden, wenn sie um Segen oder Schutz bitten: Maşallah, was „so Gott will“ bedeutet, genauso wie Inşallah, das aus dem Arabischen stammt. Und wenn sie etwas Nachdruck verleihen wollen, sagen beide Gemeinschaften işte böyle, was soviel heißt wie „Genau so”. 

Aberglauben zieht vorüber

Wenn man mit jungen Zyprern spricht, egal ob sie im Ausland oder auf der Insel leben, zeichnen sich zwei Trends ab. Erstens schwingt die junge Generation Zyperns von einem Extrem zum anderen: Entweder sind sie gar nicht abergläubisch oder sie halten an den Traditionen fest, selbst wenn sie im Ausland leben. Wenn welche abergläubisch sind, dann ist es die Minderheit, aber selbst diese Minderheit scheint schwer zu erfassen. Für viele junge Zyprer ist der Aberglaube eine Wolke, die vorüberzieht und nur wahrgenommen wird, wenn sie jemand dazu auffordert. Am häufigsten genannt wurde die Tradition des Amuletts gegen den Bösen Blick und die des Kaffeesatzlesens, weil sie „Teil der zyprischen Kultur sind“. Der zweite Trend verstärkt den ersten noch: Im Ausland lebende Zyprer sind seltener abergläubisch oder neigen weniger dazu, die Traditionen täglich aufleben zu lassen.

Der unterschiedliche Umgang der Zyprer mit ihren Riten spiegelt nicht die Spaltung zwischen türkischen und griechischen Zypern wieder, sondern vielmehr zwischen den Zypern, die in ihrer Heimat leben und jenen, die im Ausland sind. Für viele junge Zyprer, die auf der Insel leben, sind Folklore und Aberglaube bereits so in den Alltag integriert, dass sie gar nicht als Tradition von gestern wahrgenommen werden. All jene, die in Zypern leben, sagten, dass sie ein Amulett gegen den Bösen Blick besitzen. Auch wenn sie sich nicht sicher sind, wie es benutzt geschweige denn aufbewahrt wird. Noch immer ist die Insel gespalten und die Spannungen werden sich nicht von heute auf morgen in Luft auflösen. Manche Dinge sind aber tiefer verwurzelt als diese Konflikte: die bedeutende Folklore einer Kultur, die einst vereint war.

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