Zwischen allen Fronten

Artikel veröffentlicht am 18. November 2005
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Artikel veröffentlicht am 18. November 2005

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Vor einer Woche erschütterten Terroranschläge Amman. Die Zeitungen vor Ort haben die Bombenattentate als einen einmaligen Zwischenfall dargestellt. Doch vielleicht steckt mehr dahinter.

Verlust führt immer zu Trauer und Leere. Kerzen werden angezündet, um diese Leere auszuleuchten. Damit die Menschen nicht vergessen. “Wir müssen anderen davon erzählen, was wir erlebt haben”, sagte der jordanische Prinz Al Hassan Bin Talal. Seine Stimmung war verbittert und düster. Aber was haben die Jordanier genau erlebt?

Ein Lastwagen voll mit Sprengstoff

Jordanien beheimatet 13 UNO-Institutionen. Und in den letzten paar Jahren wurden Botschaften, Nichtregierungsorganisationen und Firmen vom Irak nach Jordanien versetzt. Heute sind 17% der jordanischen Bevölkerung Ausländer. Kurzzeitig stationierte US-Truppen, Regierungskonferenzen, Diplomaten, Militärmanöver und die irakische Polizei teilen alle die selbe Basis: Amman, die jordanische Hauptstadt.

Dem Versuch, US-Kriegsschiffe im Roten-Meer-Hafen Aqaba im August mit Raketen anzugreifen, wurde viel mediale Aufmerksamkeit zuteil. Aber über andere Anschlagsversuche in Jordanien wurde nur wenig berichtet. Zu Unrecht: 2002 wurde Abu Musab al-Zarqawi, einer der größten Feinde des irakischen Regimes, des Mordes an einem US-Diplomaten in Amman bezichtigt. Im April 2004 wurde ein mit Sprengstoff und Gaspatronen beladender Lastwagen der Al-Qaida an der syrischen Grenze abgefangen. Er war in Richtung Amman unterwegs. Und schließlich flog am 1. November 2005 – acht Tage vor den jüngsten Anschlägen – eine Terrorzelle auf. Sie wollte die US-Streitkräfte und die irakische Polizei angreifen. Laut der Lokalzeitung Al Ghad wurden 10 ihrer 15 Mitglieder verhaftet. Es war bereits der zehnte Terroranschlag, der seit Beginn des Jahres vereitelt wurde.

Beliebtes Touristenziel

Sicherheit und Stabilität stehen auf der politischen Agenda Jordaniens ganz oben. Im komplizierten Strategie-Spiel des Nahen Ostens kann der Schutz des eigenen Staates ein Zug sein, der viele politische und wirschaftliche Möglichkeiten eröffnet. Jordanien hat in den vergangenen zehn Jahren Reformen vollzogen, die das Bruttoinlandsprodukt in den folgenden zehn Jahren um 10% steigern sollen. So hatte man sich das in Jordanien jedenfalls vor zwei Wochen noch vorgestellt. Die jordanischen Zeitungen fordern nun nationale Geschlossenheit und glauben, dass die Rückkehr zur Normalität nur eine Frage der Zeit sei. Ist das wirklich der Fall? Oder will man sich nur nicht eingestehen, dass die Lage chaotisch ist? Wenn ja, könnte das die Lage noch schwieriger gestalten.

Pessimisten fürchten, dass Al-Qaida versuchen könnte, das Land zu destabilisieren. Denn Jordanien dient dem “Westen” in dreierlei Hinsicht: Es ist sein Tor zu den Golfstaaten; auch verbringen im Irak stationierte US-Soldaten hier ihre Wochenenden. Und es ist ein beliebtes Touristenziel: Dieses Jahr wurde es von 4,8 Millionen Menschen besucht. Der Tourismus trägt 10% zum Bruttoinlandsprodukt des Landes bei.

Optimisten stimmen der jordanischen Regierung zu, die glaubt, dass es sich bei den Bombenanschlägen um einen Einzelfall handelt. Aber es gibt viele politische Gründe dafür, die These der Pessimisten zu verwerfen. Am 13. November veröffentlichte die Zeitung Arab Yawn einen Artikel der renommierten jordanischen Journalistin Rana Sabbagh. In diesem zeigte Sabbagh auf, wie es die Regierung vermied, öffentlich darüber zu sprechen, dass 60% der jordanischen Öffentlichkeit die Al-Qaida für eine legitime Organisation halten. Werden die jüngsten Terroranschläge diese Meinung ändern?