Zwickmühle: Spanier, Valencianer oder Hispanic

Artikel veröffentlicht am 2. Oktober 2014
Artikel veröffentlicht am 2. Oktober 2014

Ich bin zweisprachig aufgewachsen. Die letzten vier Jahre habe ich in vier verschiedenen Ländern verbracht und dabei fünf verschiedene Sprachen gesprochen. Bin ich also Valencianer, Spanier oder Europäer? Oder vielleicht ein bisschen von allem? Eine Identitätssuche.

Die Frage nach der eigenen Identität beschäftigt mich schon seit langer Zeit. Die Vorstellung, sich an genau einen Ort oder eine Kultur gebunden zu fühlen, bereitete mir besonders als Jugendlicher einiges an Kopfzerbrechen. Vielleicht liegt das an meinen familiären Ursprüngen. Es ist schwierig, ein so komplexes Thema hier auf ein paar wenige Zeilen zu komprimieren, aber ich würde sagen, dass sich meine Identität als 16-Jähriger hauptsächlich aus den Erfahrungen mit der Familie meines Vaters (aus Ibi, einem Dorf im Norden Alicantes, wo ich aufgewachsen bin) und der Familie meiner Mutter (aus Castilla-La-Mancha) zusammensetzte. 

Die kulturellen Bräuche, das soziale Miteinander und die Essgewohnheiten dieser beiden Familien waren so unterschiedlich, ganz zu schweigen davon, dass ich mit der einen Hälfte der Familie auf Spanisch und mit der anderen auf Katalanisch kommunizierte, dass ich mit meinen 16 Jahren das dringende Bedürfnis hatte, mich für eine der beiden Identitäten zu entscheiden. So kam es, dass ich zu valencianischem Ska sang, Texte von Joan Fuster las und mich für die Unabhängigkeit der Països Catalans (KatalonienValencia und die Balearen) einsetzte.

Infolge eines mangelhaften Schulsystems, in dem die katalanische Sprache weitestgehend ignoriert wurde, und einem zweifelhaften Politikunterricht, der jedes Anzeichen lokaler Identität geringschätzte, insbesondere die Sprache (seit ich denken kann wird Valencia von den Konservativen regiert), begann ich schließlich den Nationalismus als eine mögliche Antwort auf die Sorgen und Probleme meiner Umgebung wahrzunehmen.

Die Türen der "Auberge Espagnole" stehen jedem offen

Seitdem sind nun schon zehn Jahre vergangen. Zugegeben, das ist an sich noch keine Ewigkeit, aber in diesem Alter (zwischen Teenager und Mittzwanziger) können zehn Jahre noch einen gewaltigen Unterschied ausmachen. In der Zwischenzeit hatte ich die Gelegenheit, diverse Ländern zu bereisen, dort längere Zeit zu verbringen und dabei so unterschiedliche Menschen kennen zu lernen, dass sich meine Ansichten grundlegend verändert haben. Wenn ich etwas von meinen Auslandserfahrungen mitgenommen habe, dann ist das zu vor allem das Gefühl der Freiheit. Im Ausland zu leben, mit anderen Sprachen in Kontakt zu kommen und ständig neue Leute kennen zu lernen hilft enorm dabei, seine eigene Geschichte zu relativieren und sich zu vergegenwärtigen, dass weder seine Stadt, noch man selbst, der Nabel der Welt ist.

 

Während meines Erasmusaufenthaltes in Frankreich wohnte ich in einem dreistöckigen Gebäude, dessen Eingangstür sich nicht einmal verriegeln ließ. Meine Mitbewohner waren fünf Franzosen, ein Mexikaner und eine Menge unbekannter Gäste (oder deren "Freunde"), die jede Nacht auf dem alten Sofa im Wohnzimmer schliefen. Dies war eine echte Auberge Espagnole [wie der gleichnamige Film über Erasmusstudenten von Cédric Klapisch; A.d.R.]. Ich lernte während dieses Jahres nicht nur, ein bisschen toleranter zu sein und ein paar Brocken Französisch zu sprechen, sondern musste auch einsehen, dass Sauberkeit etwas sehr Relatives sein kann und die Welt noch lange nicht untergeht, nur weil mal ein paar Mäuse durchs Haus flitzen. 

Trotz allem muss ich gestehen, dass mir das Erasmusjahr nicht dabei geholfen hat, mich "europäischer" zu fühlen. Ich möchte gar nicht abstreiten, dass dieses Austauschprogramm wohl die brillanteste Erfindung ist, die die Europäische Union je hatte,. In meinem Fall machte sie mich jedoch noch nicht zum Europäer. Ich kehrte nach neun Monaten zurück nach Ibi und befand mich immer noch in der selben Zwickmühle: Spanier oder Valencianer? Eher valenciano oder castellano?

Ein Hispanic im „Gran Rancho del Sur”

Es dauerte tatsächlich eineinhalb Jahre bis ich begann, ein wenig Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Ich reiste im Herbst 2012 nach Raleigh, diesem einzigartigen Rancho, das sich Hauptstadt von North Carolina nennt, und erlebte dort den Kulturschock meines Lebens. „Das ist jetzt mal wirklich eine ganz andere Welt“, dachte ich. Es war schließlich nach ein paar Wochen dort in Raleigh, dass ich mich zum ersten Mal als echter Europäer fühlte. Dort, mitten in der Pampa, in einer Gegend, wo man Märkte und Boulevards vergebens sucht, um sich dann notgedrungen in einer Shoppingmall wiederzufinden, dort wo die Idee eines Spaziergangs auf wenig Gegenliebe stößt, wurde ich mir also zum ersten Mal meiner europäischen Abstammung und deren Bedeutung bewusst.

Ich merkte, dass ich mich selbst unter den Passanten des Djemaa el-Fna Platzes in Marrakesch wesentlich heimischer gefühlt hatte als unter den Amerikanern in North Carolina. Meine dortige Arbeit für eine  spanischsprachige Zeitung, die sich vor allem an lateinamerikanische Einwanderer richtete, war schließlich ein weiterer Grund, weshalb die Identitätsfrage nicht aufhörte, mich auf Schritt und Tritt zu verfolgen.  

„Woher kommst du?“, wurde ich neugierig gefragt. „Ich bin Spanier.“ „Aha, und aus welchem Land genau?“ So absurd diese Frage auch klingen mag, sie wurde mir fast regelmäßig gestellt. Ich erkläre mir das damit, dass dem Adjektiv Spanish im Land der großen Freiheit eine ganz andere Bedeutung zukommt als man vermuten könnte. Dort war ich nicht mehr nur Spanier, sondern vielmehr Hispanic. Und als ich beim Ausfüllen einiger offizieller Formulare nach meiner Ethnie gefragt wurde, sah ich mich schon wieder in der Zwickmühle.

„Ich bin Europäer, aus Spanien!“, schrie ich die junge Dame hinter dem Schalter an. „Was soll ich also ankreuzen? Hispanic? Kaukasier?“ „Sir, da kann ich Ihnen leider auch nicht weiterhelfen.“ Nach langem Ringen markierte ich also immer Hispanic, wenn ich danach gefragt wurde. Aus Solidarität mit all den Immigranten, die hier wie Müll behandelt werden, nur weil sie Latinos sind; weil ich nie genau wusste, was dieses „kaukasisch“ eigentlich bedeutet; und wenn schließlich aus Spanien stammende Mexikaner auch Hispanics sind, ja, was sollte ich denn dann sein…?

Warum sich für eine einzige Identität entscheiden?

Ich war für acht Monate in North Carolina und obwohl ich nicht sehr viel Kontakt mit den Angelsachsen hatte, kam ich doch mit neuem Schwung nach Hause und dem Gefühl, unglaublich viel von meinen Latino-Freunden gelernt zu haben. Kolumbianer, Mexikaner, Venezolaner, Peruaner, Argentinier… mit allen hatte ich zu tun und von allen konnte ich etwas mitnehmen. Die Mehrheit hatte schon in frühster Kindheit (auf mehr oder weniger legalem Wege) ihre Heimat verlassen, einem Zeitpunkt, zu dem die eigene Identität noch nicht sehr verwurzelt ist. Sie brachten mir bei, dass man gleichzeitig an mehreren Orten zu Hause sein kann und sich nicht unbedingt für einen einzigen Ort entscheiden muss.

Ich fühlte mich den Lateinamerikanern vom ersten Moment an sehr verbunden (vermutlich war das geteilte koloniale Erbe und die gemeinsame Muttersprache nicht ganz unschuldig daran), aber auch von den US-Amerikanern konnte ich etwas lernen: Nämlich, dass Patriotismus oder Liebe für das Vaterland an sich nichts Negatives ist. Trotz aller gesellschaftlicher Gegensätze wird den Kindern beigebracht, ihr Land und dessen Werte zu lieben – und das erschien mir alles andere als verkehrt. Abgesehen davon, ob man einer Meinung mit den Amerikanern ist oder nicht, das eigene Land wertzuschätzen bedeutet nicht automatisch, das Fremde zu hassen. Das erschien mir logisch. 

So kommt es, dass mich inzwischen weder die Nationalflaggen, die regelmäßig zur WM auf den Balkonen in meinem Dorf gehisst werden, noch die allenthalben geschmetterten Nationalhymnen sonderlich stören. Ohne mich selbst damit identifizieren zu können, habe ich doch ein gewisses Verständnis dafür entwickelt. Auf diese Weise habe ich mich auch von der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung entfernt, obwohl ich immer noch nachvollziehen kann, warum sich manche Leute so sehr dafür engagieren.

Es klingt merkwürdig, aber offenbar musste ich erst hunderte Kilometer zurücklegen, mich auf Spanisch, Katalanisch, Deutsch, Französisch und Englisch ausdrücken, um festzustellen, dass es vor allem meine Straße, meine Leute und meine Familie sind, die meine Identität ausmachen. Meine biologische Familie, aber auch die von mir gewählte, jene die über den halben Erdball verstreut wohnt und mit der ich tagtäglich in diversen Sprachen kommuniziere, egal ob in den USA, Frankreich, Deutschland, Österreich, Holland, Italien oder Spanien. Whatever works!    

Dieser Artikel ist Teil des Dossiers Crossborder Identities. Eine Initiative von Cafébabel Berlin.