Zwangsprostitution und EM 2012: FEMEN am Ball

Artikel veröffentlicht am 28. Juni 2012
Artikel veröffentlicht am 28. Juni 2012
Die EM 2012 zieht zehntausende Fans – hauptsächlich Männer – aus der ganzen Welt in die Austragungsorte in Polen und der Ukraine. Zum Spaß gehören natürlich Fußball, Bier und manchmal auch Prostituierte.

Im ukrainischen Lviv setzt sich die Organisation Salus seit Mitte der Neunziger für die Prävention von sexuell übertragbaren Krankheiten und insbesondere HIV ein. „Wir haben der Stadtverwaltung angeboten, gemeinsam eine Kampagne gegen HIV zu starten, unter anderem mit Kondomaten und Info-Ständen im Stadtzentrum. Diese hätten die Fußball-Fans für die Problematik von Prostitution und HIV sensibilisieren können. Unser Vorschlag wurde aber leider abgelehnt“, berichtet Olena Kowaltschuk, eine der Geschäftsführerinnen des Vereins.

Ukraine - höchste HIV-Rate in Europa

Aids ist immer noch ein ernsthaftes Problem in der Ukraine. Mit einer Infektionsrate von 1,1 Prozent – der höchsten Europas – sind offiziell 350.000 Ukrainer HIV-positiv. Dazu hat das Land auch die höchste HIV-Wachstumsrate der Welt. Die Prostituierten – hauptsächlich Frauen – sind davon natürlich besonders betroffen.

Prostitution ist in der Ukraine immer noch illegal, auch wenn es 2006 für straffrei erklärt wurde. Diese Statusänderung hat zwar die Prostitution in eine Grauzone gerückt, aber an der Lage der SexarbeiterInnen nichts geändert: Polizeigewalt und Stigmatisierung gehören für sie immer noch zum Alltag. 

FEMEN politisiert Prostitution

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FEMEN, die bekannteste feministische Organisation in der Ukraine, hatte im Winter 2011 in einem Artikel in der Zeitschrift EMMA angekündigt, dass die Ukraine für die EURO 2012 Prostitution legalisieren würde. Dies bringt Olena Kowaltschuk zum Lachen: „Der Umgang mit dem Thema Prostitution hat mit der Zusammensetzung der Regierung zu tun. Wendet sich diese Europa zu, wie zum Beispiel nach der Orangenen Revolution, ist die Politik liberaler. Seit 2008 orientiert sie sich allerdings eher an der russischen Linie: alles verbieten und möglichst wenig darüber sprechen.“

Im Zusammenhang mit der EM fasste man eine Legalisierung tatsächlich ins Auge. Das Hauptargument: eine neue Einkommensquelle durch Steuern schaffen. Laut Menschenrechtsaktivisten sind politische Änderungen jedoch von der Arbeit der Zivilgesellschaft abhängig. Selbst diejenigen NGOs, die sich für die Rechte der Prostituierten einsetzen, können sich nicht auf eine gemeinsame Position einigen. Die Legalisierung betrachten sie bisher nicht als die optimale Lösung, um die Bedingungen für die Betroffenen zu verbessern.

Die Ukraine ist in diesem Bereich auch Opfer von Vorurteilen. Laut einer Umfrage des Kyiv International Institute of Sociology (KIIS) wurde 70 Prozent der befragten Studentinnen von Touristen angeboten, mit ihnen Geschlechtsverkehr gegen Geld zu haben. Die Statistik sagt aber auch, dass die Mehrheit der etwa 60.000 ukrainischen Prostituierten über einen Hochschulabschluss verfügt. Laut Salus sei nach Drogensucht der Versuch, eine schnelle Einkommensquelle zu schaffen, der Hauptgrund für Prostitution, beispielsweise um das Studium zu finanzieren. Die meisten Studentinnen würden sich nur kurzfristig oder gelegentlich prostituieren.

Abpfiff der Zwangsprostitution 2006

Amnesty International Deutschland hat das Thema während der WM 2006 intensiv behandelt. Die Kampagne hieß „Abpfiff – Schluss mit Zwangsprostitution“ und sollte Fußballbegeisterte der ganzen Welt für die nicht selten mit dem runden Leder assoziierte Zwangsprostitution sensibilisieren.

Die Gleichung „Fußball – männliche Fans – Prostitution“ scheint aber nicht immer mit der Wirklichkeit übereinzustimmen. Organisationen, die sich mit Menschenhandel und Prostitution beschäftigen, wie beispielsweise La Strada International, berichten, dass Fußball-Großereignisse eher den Bierkonsum ansteigen lassen würden. Das wiederum solle zu „Unfähigkeiten“ für das Sex-Geschäft führen. Amnesty selbst meldete als Bilanz seiner Kampagne: „Dass der befürchtete Anstieg der Zwangsprostitution während der WM 2006 eher ausgeblieben ist, zeigt, dass die Kampagne sogar präventiv gewirkt haben könnte.“

Die EM 2012 sollte keine große internationale Migration von Prostituierten zu den diesjährigen Austragungsorten verursachen. „Klar werden die lokalen Frauen vom Land in die Stadt kommen“, so Kowaltschuk. „Aber in diesem Bereich ist kein massiver Verkehr aus dem Ausland zu erwarten.“

Hat dann die EM überhaupt eine Auswirkung auf Prostitution in der Ukraine? Vielleicht nicht die, die man erwarten würde. Laut Olena Kowaltschuk gehört einem hochrangigen Polizeibeamten in Lviv ein Hotel in der Nähe des Stadions, wo die meisten Zimmer stundenweise vermietet werden. Dort hätten die Frauen schon während des dreijährigen Stadionbaus gutes Geld gemacht, zumeist mit Bauarbeitern. Vielleicht gilt jetzt für sie eine Ruhepause während der EM.

Die Autorin dieses Artikels, Sara Dutch, ist Mitglied der unabhängigen und länderübergreifenden Gruppe Kick-off Ukraine 2012, eine junge Blogging-Initiative von Studenten der Freien Universität Berlin.

Illustrationen: Teaserbild (cc)joparis/flickr; Im Text: (cc)Jacey Chan/flickr