Zusatzdiplom Auswanderung

Artikel veröffentlicht am 21. April 2006
Artikel veröffentlicht am 21. April 2006

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Unter den Polen, die ihr Glück im Westen suchen, befinden sich immer mehr Frauen.

„Ich mag es nicht, immer nur auf der Stelle zu treten“, erklärt Marta, die seit knapp einem Jahr in Prag lebt. Ihr Wunsch nach Veränderung hat sie aus ihrer Heimatstadt Lublin erst zum Studium nach Krakau geführt und anschließend nach Belgien und Schweden. Denn Reisen in den Westen sind heutzutage nicht mehr der Elite vorbehalten, sondern allen Bürgern möglich. Schätzungen zufolge warten in den Mitgliedstaaten der EU bis zu 370.000 freie Stellen auf die Neuankömmlinge. Um diese zu besetzen, werden gezielte Programme gestartet, so das „Europäische Jahr der Mobilität der Arbeitnehmer 2006“.

In Deutschland, Italien und Großbritannien arbeiten viele Polen, darunter eine steigende Zahl von Frauen. Dies ist vor dem Hintergrund eines weltweiten Trends zu sehen. Die zunehmende Auswanderung von Frauen hat in den siebziger Jahren in den USA begonnen. Damals wurden Kinderfrauen und Haushaltshilfen gesucht, deren Stellen größtenteils von Immigrantinnen besetzt wurden. Die Ethnologin Rhacel Salazar Parrenas bezeichnete diese Frauen als „Dienerinnen der Globalisierung“. Dieses Phänomen ist inzwischen auch im Rest der Welt verbreitet. Hausangestellte aus Süd-Ost-Asien arbeiten für wohlhabende Familien in Kuwait und Saudi-Arabien, während Polinnen und Ukrainerinnen nahezu ein Monopol auf die Posten von Haushaltshilfen in Berlin, Rom und Brüssel haben.

Diese Frauen wollen ein besseres Leben, sie haben mehr Gründe, ihr Land zu verlassen, als die migrierenden Männer. Nur ein Drittel der Polinnen hatten in ihrem Heimatland eine feste Stelle, im Gegensatz zu 46% bei den Männern; jede Zweite gibt Perspektivlosigkeit als ausschlaggebenden Grund für ihre Entscheidung an. Auf dem polnischen Arbeitsmarkt ist eine Frau ein Arbeitnehmer zweiter Klasse, ihre Bezahlung liegt im Schnitt 20% unter der der Männer.

Die Emigrantinnen können in zwei Gruppen geteilt werden: Zum einen Frauen ab 40 und Rentnerinnen. Sie stammen aus Gegenden, die von Massenarbeitslosigkeit betroffen sind und gehen fort, um das Familienbudget zu retten. Zum anderen junge Frauen zwischen 25 und 30 aus der Großstadt, die „für sich selbst“ wegfahren. Diese Gruppe verzögert ihre Ausreise meist bis zum Ende der Ausbildung. Während die Mamas und Omas einfachen Tätigkeiten in Belgien, Italien und Deutschland nachgehen, suchen ihre Töchter ihr Glück in Großbritannien oder jenseits des Atlantiks.

Schöne neue Welt?

Joanna, eine frischgebackene Politologin, kam just an dem Morgen in London an, an dem die Stadt von den Terrorattentaten lahm gelegt wurde. Doch das ließ ihren Traum nicht platzen: ihr Studium fortzusetzen und die Welt zu erobern. Sie wollte sich neue Chancen eröffnen, indem sie ihr Englisch verbesserte. Heute sagt sie, dass sie ein Glückpilz sei, weil sie in einem DVD-Verleih arbeitet. Die meisten ihrer Freundinnen müssen sich als Kellnerinnen durchschlagen.

Für Krysia dagegen gehören Ferienjobs im Ausland fast zur Familientradition, denn vor über 20 Jahren sind ihre Eltern schon zum Arbeiten in den Westen gefahren. Das Bedürfnis nach finanzieller Unabhängigkeit und Neugier führten sie nach London. Nach enttäuschenden Erfahrungen als Kellnerin in einem italienischen Restaurant mit einer mickrigen Bezahlung, hat sie beschlossen, Dublin zu erobern.

Marta ist da eher die Ausnahme, denn sie wurde an der Karlsuniversität in Prag angenommen, um ihre Doktorarbeit zu schreiben. Zwar war sie gezwungen, ihre Lebensplanung umzuwerfen, doch hat sie sich ihr Leben gut zu Recht gelegt: Hier in Prag hat sie einen guten Job, Aufstiegschancen, eine Wohnung und Freunde. Sie mag vor allem die Offenheit und Höflichkeit der Tschechen. „Hier fühle ich mich wie zu Hause“, sagt sie.

Rückkehr in die Heimat

Doch Marta überlegt schon, wohin die nächste Reise gehen soll. Nach Polen will sie nicht zurück. „Wenn ich wieder fahren sollte, würde ich ein neues Land wählen, und nicht das, das ich schon kenne. Mir gefällt nicht, was zurzeit in Polen geschieht, dort gibt es niemanden, dem an Veränderungen gelegen ist“, erregt sie sich über die polnische Politik.

Inzwischen sind Krysia und Joanna nach Polen zurückgekehrt. Diese Entscheidung fällt oftmals schwerer als die, fort zu gehen. Man muss all seinen Mut zusammennehmen, denn in einer Woche kann man in Westeuropa mehr verdienen als mit dem polnischen Mindestlohn. „Nie in meinem Leben hatte ich so viel Geld zur Verfügung“, sagt Joanna.

Hinzu kommt die Angst vor dem Schock, der oft auf die Heimkehr folgt. Hat man sich einmal an einen Tagesablauf aus harter Arbeit und abwechslungsreicher Freizeit gewöhnt, ist die Rückkehr zum gewöhnlichen Alltag ziemlich schwierig. Viele fürchten, ihren Ehrgeiz zu verlieren. „Ich hatte Angst zu vergessen wer ich bin und was meine Ziele sind“, sagt Joanna. Auch Krysia ist zurückgekommen, doch sie glaubt, dass das Diplom bei einer großen polnischen Handelsschule für ihre berufliche Zukunft wichtig sein wird.

Das, was junge und ehrgeizige Menschen aus Polen dazu animiert, die Grenzen auf der Suche nach dem Glück zu überschreiten, bringt sie am Ende oft wieder in ihre Heimat zurück. Die wenigsten finden in ihrer Heimat attraktive Arbeits- und Lebensbedingungen, die meisten geben ihre drittklassigen Jobs in Westeuropa wieder auf.

Joanna, die in London zahlreiche polnische Doktoranden getroffen hat, die sich an ihre unterbezahlten Jobs klammern und sich ihren Illusionen über einen baldigen Aufstieg hingeben, hat für sich festgestellt: „Das alles dauert mir viel zu lange. Nur in Polen kann ich wirklich etwas werden.“