Zuhause geschlagen, von der Gesellschaft vergessen

Artikel veröffentlicht am 24. November 2006
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Artikel veröffentlicht am 24. November 2006

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Zwischen 700 und 900 Frauen sterben in Europa jährlich an den Folgen häuslicher Gewalt.

Gewalt gegen Frauen ist in Europa ein großes Problem. Im Juni 2005 veröffentlichte der Vize-Präsident der europäischen Kommission Franco Frattini Daten, nach denen jährlich zwischen 700 und 900 Frauen an den Folgen gewalttätigen Verhaltens ihrer Partner sterben. Wie ist die Situation in den einzelnen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union?

Italien – Frauen fügen sich in die Opferrolle

In Italien findet die Gewalt gegen Frauen innerhalb der eigenen vier Wände statt. In einer Erhebung des italienischen Statistikinstitutes Istat aus dem Jahr 2004 bestätigten 55 Prozent der italienischen Frauen zwischen 14 und 59 Jahren, Gewalt erlitten oder Opfer versuchter Gewalt geworden zu sein. In jedem fünften Fall ging die Gewalt dabei von den Ehemännern oder Lebenspartnern aus, noch häufiger (24 Prozent) von Freunden, Verwandten und Bekannten. In nur dreieinhalb Prozent der Fälle waren es Unbekannte, die zuschlugen.

Paradoxerweise machen sich die Frauen zu Komplizinnen der schlagenden Männer: 90 Prozent der Opfer verzichteten auf eine Anzeige bei der Polizei. Die Gründe für diese Zurückhaltung sind die nach wie vor chauvinistische Kultur Italiens, und die psychische Abhängigkeit und Gleichgültigkeit, die diesem Problem von der Gesellschaft immer noch entgegen gebracht wird. In Italien ist die sexuelle Gewalt erst seit 1996 eine Straftat.

Nun ist die italienische Regierung tätig geworden. Die Ministerin für die Gleichstellung der Frauen, Barbara Pollastrini, hat mit einem “Anti-Gewalt”- Gesetzespaket eine Verschärfung der Strafen für Sexualstraftaten vorgeschlagen. Die Mindeststrafen für Vergewaltigung sollen erhöht und die Strafmilderung in schweren Fällen aufgehoben werden.

Frankreich – jeden Monat sterben sechs Frauen

Im August 2003 war sie das Thema Nr. 1 in den französischen Medien: die Schauspielerin Marie Trintignant starb infolge der Schläge ihres Lebensgefährten Bertrand Cantat, Sänger der Rockband Noir Desir. Nach im selben Jahr erhobenen Daten starben in Frankreich monatlich sechs Frauen an den Folgen der Gewalt ihrer Partner.

Ein Drittel der Frauen wurde erstochen, ein Drittel mit Schusswaffen getötet. Jede fünfte wurde erdrosselt, jede zehnte zu Tode geprügelt. Bei den Tätern handelt es sich in der Mehrheit um Männer in gehobenen beruflichen Positionen: Führungskräfte (67 Prozent), Angestellte (25 Prozent), Polizisten und Soldaten.

Spanien – Staatsanwalt gegen Männer-Gewalt

Nach Schätzungen des spanischen „Instituts für Frauen“ kamen zwischen 2000 und 2004 in Spanien 309 Frauen infolge der Gewalt ihres Ehemannes, Lebensgefährten oder Ex-Partners zu Tode. Allein im Jahr 2003 wurde alle vier Stunden Gewalt gegen eine Frau ausgeübt. 2005 fielen drei von 10 Tötungsdelikte in die Kategorie “geschlechtsbezogene Gewalt”, 63 Frauen wurden von ihren Ehegatten getötet.

Um diese Entwicklung aufzuhalten, wurde im Juni 2004, kurz nach Amtsantritt des sozialistischen Regierungschefs José Rodriguez Zapatero, ein „Gesetz gegen Gewalt in der Ehe und sexuelle Gewalt“ verabschiedet, das neue Schutzmaßnahmen für weibliche Opfer von Misshandlungen beinhaltet. 430 Richterstellen werden geschaffen, die sich eigens mit der Gewalt gegen Frauen beschäftigen werden. Auch soll sich ein Staatsanwalt mit der geschlechtsspezifischen Gewalt befassen. Er könnte bei einschlägigen straf- und zivilrechtlichen Fällen eingreifen.

Deutschland – Gewalt auch am Arbeitsplatz

Die Studie zur Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland aus ergab im Jahr 2004, dass 37 Prozent der Frauen physische und 13 Prozent sexuelle Gewalt durch Familienmitglieder, Ehe- und Lebenspartnern ausgesetzt sind.

Doch auch an Universität und Arbeitsplatz sind Frauen Gewalt ausgesetzt. 16 Prozent der Befragten gaben an, dort Gewalt erfahren zu haben. Genau wie in Italien weigern sich die Frauen, die Tat bei der Polizei zu melden. Nur zwölf Prozent der Frauen suchte ärztliche Hilfe auf, fast die Hälfte Verletzungen getragen hattte. Nur 8 Prozent schalteten die Polizei ein.

Polen – Schläge in der Ehe

Nach Angaben der polnischen Polizei wurden im letzten Jahr 150 000 Bürger Opfer häuslicher Gewalt. Bei der überwiegenden Mehrheit der Opfer handelte es sich um Frauen. Fünf der vom Sozialforschungszentrum CBOS befragten Frauen gaben an, regelmäßig unter der Gewalt ihrer Partner zu leiden. Sechs Prozent gaben an, diese Erfahrung „ein- oder zweimal “ gemacht haben. Die Schläge kommen mit der Eheschließung – verschiedene Studien bestätigen, dass verheiratete Frauen wesentlich häufiger Opfer häuslicher Gewalt werden.

Warum der 25. November an den Kampf für die Frauenrechte erinnert

25. November 1960: Die vier Schwestern Minerva, Patria, und Maria Teresa Mirabal werden von den Sicherheitskräften des Diktators Rafael Trujillo in der Dominikanischen Republik getötet. Sie galten als Gegnerinnen des faschistischen Regimes

1981: In Erinnerung an die beiden Schwestern ernennt die feministische Bewegung Lateinamerikas den 25. November zum “Internationalen Tag gegen die Gewalt gegen Frauen”.

1999: Die Vereinten Nationen taufen den Tag in “Internationalen Tag für die Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen” um.

Aktivitäten der UNO

Die UNO definiert Gewalt gegen Frauen als “jeden geschlechtsbezogenen Akt der Gewalt, der zu einen physischen, sexuellen oder psychischen Schaden oder Leiden der Frauen führt“. Einer der internationalen Maßnahmen zum Schutz der Frauenrechte ist die Konvention der Vereinten Nationen zur Bekämpfung jeder Form von Diskriminierung gegenüber Frauen.

Von den Vereinten Nationen stammen auch die aktuellsten Daten zu diesem Thema. Am 10. Oktober dieses Jahres hat die UNO einen Bericht über physische, sexuelle und psychische Gewalt gegen Frauen sowie über Genitalverstümmelungen veröffentlicht.

Die erhobenen Daten bestätigen, dass eine von drei Frauen zumindest einmal in ihrem Leben Erfahrungen mit Gewalt gemacht hat. 192 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen haben keine rechtliche Grundlage, die zu einer Bestrafung der gewalttätigen Männer führen könnte und nur 89 Staaten verfügen über Gesetze zum Schutz gegen häusliche Gewalt. In Australien, Kanada, Israel, Südafrika und den Vereinigten Staaten wurden zwischen 40 und 70 Prozent der weiblichen Opfer tödlicher Gewaltverbrechen von ihrem Ehemann oder ihrem Liebhaber getötet. Den Morde war häufig sexuelle Gewalt vorausgegangen.

Die Situation in Europa

Eine in Schweden, Deutschland und Finnland durchgeführte Untersuchung bestätigt, dass 30 -35 Prozent der Frauen zwischen 16 und 67 Opfer physischer und sexueller Gewalt werden. Aber trotz eines Votums des Europarates im Jahr 2002 sind die europäischen Staaten das Problem noch nicht angegangen.

Das hat die Europa-Abgeordneten im Februar 2006 dazu bewogen, die Mitgliedstaaten aufzufordern, größere Unnachgiebigkeit gegenüber allen Formen der Gewalt gegen Frauen zu zeigen und Präventionsmaßnahmen einzuleiten, in denen auf die Notwendigkeit einer Bestrafung für Vergewaltigung in der Ehe, bei Ehrdelikten und Genitalverstümmelungen hingewiesen wurde.

Fotos: Pietro/Flickr (Italien); Gabby de Cicco/Flickr (Spanien); Genosse Tabu/Flickr (Deutschland)