Zugfahrt im Zeichen der Wiedervereinigung

Artikel veröffentlicht am 12. Mai 2006
Artikel veröffentlicht am 12. Mai 2006

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Am 24. April nahm in Berlin ein ungewöhnlicher Zug die Fahrt zu einer achttätigen Reise durch Europa auf. Eine Entdeckungsreise durch das alte und das neue Europa.

Die Idee dazu wurde bereits 2004 geboren, konnte aber erst durch die Zusammenarbeit von drei Organisationen realisiert werden: MitOst e.V., die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin, das Edith-Stein-Haus in Breslau und dank hoher Zuwendungen von der Europäischen Kommission, der Robert Bosch Stiftung und von MitOst e.V. umgesetzt werden. Das Anliegen des Projektes, zwei Jahre EU-Osterweiterung zu feiern, „soll den Dialog mit den Bewohnern aus verschiedenen europäischen Ländern ermöglichen, und die Zufriedenheit und die Skepsis mit dem EU-Beitritt gleichermaßen thematisieren“, sagt Anna Olszowska die Koordinatorin des Projekts in Polen.

Sind schon alle eingestiegen? Über 100 Menschen aus 13 verschiedenen Ländern – Ungarn, Tschechien, Rumänien, Litauen oder Weißrussland – reisen in dem Zug mit. Die meisten sind junge Leute, die ihre eigenen Projekte vorstellen und den Dialog zwischen den europäischen Bürgern fördern: „Wir wollen unsere Nachbarn kennen lernen. Europa, das sind nicht nur die Beamten in Brüssel, sondern auch die normalen Bürger“, unterstreicht Melanie Henze, eine der Deutschen im Organisationsteam.

Bald werden die Teilnehmer aussteigen und mit ihren Projekten unterm Arm die Straßen der Stadt bevölkern, um die Informationen aus den Ländern, wo der Europazug 2006 Halt gemacht hat, weiterzugeben. „Wir wurden überall freundlich empfangen, wobei die Ungarn und Slowaken unsere Idee am offensten aufgenommen haben. Mit so viel Enthusiasmus in den durchfahrenen Städten haben wir gar nicht gerechnet“, freut sich der Projektleiter Tobias Hipp. In diesem ungewöhnlichen Zug reisen auch 12 Trainer, die alle Projekte betreuen.

Politiker und Vertreter von Vereinen und NGOs sind auf der Reise mit dabei. „Unser Projekt hat auch eine politische Seite. Wir wollen mit den Vertretern aus Politik und Literatur über Themen wie die europäische Integration oder die Zukunft der EU mit 25 Mitgliedsstaaten diskutieren“, sagt Agnieszka, eine Polin, die in Wien arbeitet.

Der Abfahrtsplan

8:53 Uhr: Krakau Hauptbahnhof. Mit einem schrillen Pfiff kündigt der Schaffner die Abfahrt des „Europazuges 2006“ an. Ziel der Reise ist Zgorzelec - die Stadt an der deutsch-polnischen Grenze.

Trotz der frühen Morgenstunde herrscht in den Zugwagen lebhafte Stimmung. Für die Koordinatoren gibt es viel zu tun, denn auch die Passanten in den Zielstädten sind interessiert und beteiligen sich an den vom Europazug veranstalteten Aktionen. Es ist wie in einem Bienenschwarm: „Es ist Arbeit, keine Party“, sagt Maria Graul, die das Projekt mitorganisiert.

In einem der Abteile sitzen junge Journalisten vom deutschen Magazin Politik Orange mit zwei Studentinnen zusammen. Plötzlich taucht jemand mit einer Polaroidkamera in der Hand auf und fotografiert. Die Bilder werden anschließend auf die Fenster des Zuges geklebt. „Momentaufnahme“, so heißt die Initiative von Matthias Nebel, der Ereignisse, Menschen und Stationen der Zugreise in Bildern festhalten möchte. „Es gibt so viele Gefühle… und da wir uns nicht an jede Minute erinnern können, sind diese Momentaufnahmen eine gute Möglichkeit, die Erinnerung an die Zugfahrt festzuhalten“, sagt Melanie Henze.

Gegen 10:30 Uhr findet in einem zum politischen Salon umfunktionierten Wagen eine Diskussion mit Vertretern aus Wissenschaft und Politik statt. Das Thema: „ Die Europäische Union zwischen National– und Regionalverschiedenheit und europäische Identität.“

Die Zuhörer sind neugierig und stellen viele Fragen. Eine der Teilnehmerinnen – die Griechin Athanasia Rousiamani berichtet von einer Umfrage zum möglichen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union, die sie in den Orten, in denen der Zug Halt gemacht, durchgeführt hat. Sie hat die Bürger aus Tschechien, Slowenien, Ungarn und Österreich befragt, und einzig die Ungarn schauen einem möglichen Türkei-Beitritt positiv entgegen. „Einige Befragte haben aggressiv reagiert, obwohl ich nur ihre Meinung wissen wollte“, berichtet Athanasia mit einem Anflug von Enttäuschung. Das Gespräch wird von Madeleine und Christoph aufgenommen, um die Aufzeichnung später in den weiteren Haltestellen den Passanten vorzuspielen. So verbringen sie dann den Rest des Tages mit dem Schneiden der Beiträge in einem zum Studio umgebauten Wagen.

Um 12:30 zur Mittagszeit strömen alle Teilnehmer in den Restaurant-Wagen, wo das Mittagessen wartet. Einige wollen lieber an ihren Projekten weiterarbeiten, statt sich in die Schlange der Hungrigen zu stellen. Wie Piotr, der Schablonen ausschneidet und sie auf den Stoff aufdrückt.

Nach dem Mittagessen finden sich die Mitfahrenden in Kleingruppen je nach Interessensgebieten – Unterhaltung, Workshops, Kulinarisches, Literatur, Musik oder Theater – in dem Bibliothekswagen mit Bar ein und genießen Desserts und Kaffee oder diskutieren. Der Klang von Instrumenten, die gestimmt werden, zieht Neugierige in den letzten Wagen: Man lauscht den Musikern, die für das Jazzkonzert am Abend proben. Die Stimmung wird entspannter, die jungen Leute folgen dem Rhythmus und swingen. Das Ende der Reise naht.

Als der Zug um 17:25 Uhr am Bahnhof in Görlitz hält, wird er vom Orchester der Stadt begrüßt.

Am 1. Mai fuhr der Zug seine letzte Etappe, die kreative Reise endete für alle in Berlin. Dort präsentierten die junge Leute die Ergebnisse ihrer Arbeit und gaben sie an Vertreter der Politikwelt und an die Medien weiter.