Ziellosigkeit in einer globalisierten Welt

Artikel veröffentlicht am 30. Juli 2014
Artikel veröffentlicht am 30. Juli 2014

Sich in einer Situation, an einem Ort, zu einer Zeit oder in einem Raum ziellos zu fühlen, kann anstrengend sein. Wir sind immer auf der Suche nach Anregung, einer Art von Befriedigung. Ein Gefühl, auf das wir - so glauben wir - ein Recht haben. Aber was hat es mit dieser Erfüllung eigentlich auf sich, und in welchem Kontext sollten wir danach streben? Ein Kommentar.

Vor kurzem habe ich den Film „Her“ (2013) von Regisseur Spike Jonze gesehen. Er erzählt von einem Mann namens Theodore (Joaquin Phoenix), der in einer technologieüberladenen Welt der Zukunft lebt und nicht aufhören kann, der Vergangenheit nachzutrauern. Das Jammertal nach seiner Scheidung zwingt ihn, sich in eine Welt voller Videospiele und Internet-Pornos zurückziehen. Außer seiner besten Studienfreundin (Amy Adams) hat er keine Kontakte zur Welt, abgesehen von oberflächlichem Kontakt via Internet. Er fühlt sich hilflos und verliert die Kontrolle über sein Leben. Deshalb kauft er ein Betriebssystem, das vom Hersteller als Lösung all seiner Probleme angepriesen wird. Es ist ein künstlich intelligentes Betriebssystem (in der Originalfassung des Films gesprochen von Scarlett Johansson) – eines, in das er sich am Ende verliebt. Aber was sagt das über den Protagonisten Theodore aus und was können wir aus dieser Geschichte für unsere eigenen technikgesättigten Leben ziehen?

Offizieller Trailer „Her“ (2013) des US-amerikanischen Regisseurs Spike Jonze

Vor allem seitdem ich für Cafébabel übersetze, habe ich viel darüber nachgedacht, was es heißt, ‘Weltbürger’ zu sein und mit jedem auf dieser Erde dank Internet virtuell verbunden zu sein. Wir gewinnen Einblicke in die Leben anderer, Leben, deren Wege wir vielleicht nie kreuzen werden. Aber wodurch machen sich diese flüchtigen Eindrücke für uns bemerkbar? Sehnsucht? Neid? Oder vielleicht durch das Gefühl, dass unser Leben, wie wir es gerade führen, nicht so erfüllend ist, wie wir denken, dass es sein sollte?

In „Her“ fragt Samantha (das Betriebssystem), wieso es Theodore schlecht geht, als er abends im Bett liegt und nicht einschlafen kann. Er gesteht ihr, dass er Angst davor hat, dass die Erfahrungen, die er in der Zukunft machen wird, nicht an seine bereits erlebten Erfahrungen herankommen werden. Ganz klar, Theodore leidet unter Nihilismus. Er sieht schlicht und einfach keinen Sinn mehr. Natürlich ist er wegen seiner Scheidung verletzt, aber das ist zu oberflächlich. Von Technik überreizt, ist er derart mit seiner virtuellen Welt verbunden, dass die kleinen Freuden im Leben nicht mehr zu schätzen weiß. Im Laufe des Films erinnert Samantha ihn daran, wie wichtig es ist, sich am Leben zu erfreuen, und dass unser Leben etwas ist, das uns tagtäglich faszinieren kann; sogar wenn wir das Gefühl haben, alles bereits in vollen Zügen erfahren oder gelebt zu haben.

Große Erwartungen an ein bemerkenswertes Leben

Vor kurzem habe ich mit einer Freundin gesprochen, die mir an einem bestimmten Punkt in meinem Leben genau diesen Aspekt nahe gebracht hatte. Sie war zwar noch nie ein Internetjunkie, hat aber schon an allen möglichen Orten der Welt gelebt und stieß auf dieselbe nihilistische Frage: Was ist der Sinn? Was bedeutet das alles? Das ironische war, dass sie zu diesem Zeitpunkt eine ähnliche Phase von Nihilismus durchmachte wie die, die der Protagonist Theodore im Film erlebt. Ihr Partner, jemand, mit dem sie geplant hatte, den Rest ihres Lebens zusammen zu bleiben, hatte die Beziehung beendet.

Man kann einen Vergleich ziehen: Nihilismus äußert sich nicht nur die posttraumatische Erfahrung einer Trennung; Nihilismus ist auch die Überflutung mit Erwartungen, wie großartig das Leben sein könnte. Das Internet und die moderne Technologie rufen genau dieses Gefühl in vielen Menschen hervor, indem sie sie mit Bildern von fernen Ländern und glamourösen Menschen bombardieren. Die Abhängigkeit vom Internet und der Technologie ist stark und regt wiederum die Sehnsucht an, Erfahrungen zu sammeln. Die Ironie im Film ist, dass ausgerechnet ein technisches Gerät Theodore diese Einsicht lehrt; aber erst, als es nicht mehr Teil seines Lebens ist. 

Die Umstände werden niemals "genau richtig" sein

Sobald man mit Technologie oder dem Internet zu tun hat, löst sich eine mentale Abschottung auf: Die Unterscheidung zwischen „hier“ und „dort“, zwischen „wer bin ich jetzt“ und „wer könnte ich sein, wären die Umstände die richtigen“. Aber, wie die Weltreligionen und großen philosophischen Strömungen lehren: Die Umstände werden niemals die richtigen sein. Es wird immer ein „hier“ und immer ein „dort“ geben. Sollten wir nicht - anstatt von einem Leben zu träumen, das vielleicht nie existieren wird - einen Weg finden, der Ruhe- und Ziellosigkeit zu entkommen, die unsere Leben immer zu überrennen drohen, wenn wir das Bedürfnis nach Instant-Befriedigung haben?

Etwas, von dem wir denken, es könnte uns versöhnlich stimmen, zu googeln ist einfach, schnell und verspricht Instant-Befriedigung. Aber könnte diese Erfüllung nicht aus unserer unmittelbaren Umgebung kommen, oder sogar aus uns selbst? Für mich heißt in der Welt zu leben nicht, sich nach anderen Denk- und Lebensweisen zu sehnen, sondern vielmehr, unser echtes Selbst zu verkörpern. Dann können wir, wenn wir anderen ‘Weltbürger’ begegnen, diese dazu inspirieren, ihr Leben voll und ganz zu leben.

Seitdem ich Cafébabel lese und Artikel für Cafébabel übersetze, gab es Momente, an denen ich mich danach sehnte, zurück in Europa zu sein – an weit entfernten Orten, in Situationen, die angesagt scheinen, inspirierend, politisch fesselnd und ihrer Zeit voraus. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich in Kalifornien lebe. Trotzdem bin ich mir sicher, dass es viele Leute in Europa gibt, die dieselben Artikel wie ich gelesen haben und dieselbe Sehnsucht nach einer hippen Szene empfinden oder die Sehnsucht danach, sich in politischen Foren und Debatten zu engagieren.

Wie auch immer. Die Geschichten, die anziehend auf uns wirken, sind so faszinierend, weil dahinter Menschen stehen, die diese Aktionen, Diskurse und künstlerische Bewegungen geschaffen haben. Diese Menschen haben sich nicht untätig zurückgelehnt, um zu lesen, wie andere die Welt verändern; sie haben sie verändert, geformt, geprägt. Diese Art kreativer Aktionismus – also aktives Engagement in deiner unmittelbaren Umgebung – ist das Gegengift, das gegen die Ziellosigkeit in der globalisierten Welt hilft. Das ist die Eigenschaft, die wir bei anderen am meisten bewundern. Und genau das wird uns letztendlich, wenn wir es schaffen, danach zu leben, die gesündeste Form der Erfüllung bringen.