Zeichnen gegen Erdoğan: "Gott beschützt kleine Kinder und Comiczeichner!"

Artikel veröffentlicht am 22. August 2012
Artikel veröffentlicht am 22. August 2012
Jedem Türken sind aktuelle Satire- und Humormagazine wie Leman, Penguen oder Uykusuz ein Begriff. Der Regierung unter Premierminister Erdogan sind sie eher ein Dorn im Auge. Doch trotz schwieriger Bedingungen und Repressionen, schwingen sie im Namen der Gesellschaftskritik unermüdlich die Zeichenfeder.

"Vor zwei Monaten hat jemand versucht, die Penguen-Redaktion anzuzünden", erklärt mir Emre Yavuz - und plötzlich verstehe ich: Einen Tag zuvor hatte ich versucht, in der Redaktion des türkischen Humormagazins Penguen vorbeizuschauen. Ohne Anmeldung – und ohne Erfolg. Seit dem Anschlag – an einen Unfall glaubt niemand in der Szene – sei man dort wohl ein wenig nervös, so der Mittdreißiger. Mit Yavuz, dem Lektor und Übersetzer für das Humormagazin Uykusuz („Schlaflos“), habe ich dagegen eine feste Verabredung – und werde gleich herzlich in den Redaktionsräumen empfangen. "Wir nennen Uykusuz zwar Humorzeitschrift, aber eigentlich sind wir ein Comicmagazin“, sagt er.

Und tatsächlich: Bei vielen Geschichten im Blatt handelt es sich nicht um einzelne Bildwitze, sondern um fortlaufende Serien: Was nicht heißt, dass Uykusuz die politische Kontroverse scheut. Trotzdem verzichtet Uykusuz auf prominente Eigenwerbung vor der Haustür. Einzig das markante Logo im Flur verrät die Tätigkeit der 22 Hauszeichner. Vorsichtsmaßnahme gegen Menschen, die ihre Kritik nicht nur mit Worten äußern.

"Ich war so aufgeregt, als ich zum ersten Mal Bülent Arabacioglu und Galip Tekin getroffen habe“, erinnert sich Yavuz im Interview mit cafebabel.com. „Ihre Geschichten habe ich schon als sechsjähriger Junge in Gırgır verschlungen - und jetzt bringe ich sie als Bücher heraus!"

Wenn Sultane die Nase rümpfen

Dabei hätten seine Mitstreiter allen Grund, ihren Stolz nach außen zu tragen - schließlich blickt die gezeichnete Staatskritik in der Türkei auf eine lange Tradition zurück. Schon im ausgehenden 19. Jahrhundert gab das umfangreiche Riechorgan des letzten Sultans Abdülhamid II. Anlass zu spöttischen Zeichnungen. Dem osmanischen Herrscher missfielen die Nasenwitze seiner Untertanen so sehr, dass er kurzerhand verbot, das Wort „Nase“ schriftlich zu verwenden. Was die Karikaturisten umso mehr anstachelte.

Doch ihre goldene Ära sollten sie erst rund 70 Jahre später erleben: Das Cartoon-Magazin Gırgır („Spaß“) von Oğuz Aral verkaufte in den 70er und 80er Jahren bis zu 500.000 Exemplare pro Woche. Und Aral war ein fleißiger Lehrer: Ganze Heerscharen von Comic-Enthusiasten nahm der Großmeister unter seine Fittiche. Doch irgendwann wurden Arals Kinder flügge und gründeten ihre eigenen Hefte. Deren Namen - Leman, Penguen, Uykusuz - sind heute praktisch jedem Türken geläufig. Und auch wenn die Inhalte bisweilen umstritten sind – kaum ein Kioskbesitzer würde darauf verzichten, sie im Programm zu führen.

Gırgır war auch deshalb so erfolgreich, weil das Magazin in einer Zeit, in der sämtliche politische Parteien verboten waren, ein Ventil für Regierungs- und Gesellschaftskritik lieferte. Jedenfalls ließ die Militärregierung, die ansonsten mit harter Hand gegen Oppositionelle vorging, die Zeichner (größtenteils) gewähren. "Die haben doch auch Gırgır gelesen und darüber gelacht", sagt Cenk Könül, Mitarbeiter von Gon, einer der wenigen Comic-Läden in Istanbul.

Ein Stapel Superman-Hefte war es, die im sechsjährigen Cenk die Liebe zu den gezeichneten Geschichten entflammte.Doch diese Zeiten sind längst vorbei: "Seit der Machtübernahme der AKP [2002, A.d.R.] hat sich etwas geändert. Wir können es nicht nur sehen und hören. Wir können es fühlen", beschreibt der 30-jährige Könül die Bauchschmerzen, die nicht nur Comiczeichner in Beyoğlu derzeit mit sich herumtragen. Egal ob Religiöse, Kemalisten, Konservative, Linke oder Demokraten - wo früher Toleranz gegenüber Andersdenkenden geherrscht habe, nehme heute die Tendenz zu, sich mit allen Mitteln voneinander abzugrenzen. Das haben Könül auch ältere Kunden bestätigt: "Die sagen, dass die Künstler damals mutiger geschrieben, mutiger gezeichnet haben.“

Humorloser Kater Erdoğan

Penguen hievte gleich einen ganzen Erdoğan -Zoo auf den Titel, das Satiremagazin Leman antwortete mit einem Cover voller Erdoğan -Gemüse.Eines ist klar: In Sachen Humorlosigkeit kann es Recep Tayyip Erdoğan durchaus mit dem alten Sultan Abdülhamid II. aufnehmen: Bereits 2005 hatte der Ministerpräsident den Karikaturisten Musa Kart von der regierungskritischen Zeitung Cumhuriyet verklagt. Der hatte Erdoğan als Katze gezeichnet, die sich hilflos in einem Wollknäuel verheddert – Kommentar auf die Fallstricke der Regierungspolitik. Der Ministerpräsident sah sich verunglimpft, ging vor Gericht – und gewann! Kart musste 5000 türkische Lira (ca. 2300 Euro) zahlen. Doch die Cartoonisten schlugen zurück. Und wieder hagelte es Vorladungen. Doch diesmal entschieden die Gerichte zugunsten der Zeichner.

Die Zeitschrift Harakiri, jüngster Eintrag in den Analen der Cartoon- und Satiremagazine, hätte eine Geldstrafe dagegen fast in den Ruin getrieben. 150.000 Türkische Lira (ca. 70.000 Euro) mussten die Macher im Sommer 2011 zahlen, weil ihre Zeichnungen angeblich „das türkische Volk zu Faulheit und Abenteuertum verführen“ und „Ehebruch fördern“. So sah es zumindest die „Kommission für den Schutz von Minderjährigen vor unzüchtigen Veröffentlichungen” und empfahl, die Magazine nur noch in blickdichten Schutzhüllen zu bringen. Die Harakiri-Redaktion machte trotzdem weiter – auch unter den erschwerten finanziellen Bedingungen. Ein ganzes Jahr sollte vergehen, bis im Juli 2012 eine neue Ausgabe veröffentlicht wurde. Könül hat sie ganz nach vorne in die Auslage gepackt. In der rechten oberen Ecke prangt ein kurzer, kämpferischer Schriftzug: „Poşetten döndük! - Ohne Schutzhülle!“

Unter den Istanbuler Redaktionsräumen von Leman liegt das redaktionseigene Café mit angeschlossenem Shop.

Tuncay Akgün kennt diese zermürbenden Kämpfe vor Gericht. Die Uhr schlägt elf Uhr nachts, als der 50-Jährige schweißgebadet in den Leman-Redaktionsräumen aufschlägt. 1987 wurde Akgün als Chef des Vorgängermagazins Limon („Zitrone“) zu einer Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt. Und auch von der aktuellen Regierung wurde der Chefredakteur des Nachfolgeblatts Leman schon verklagt: Zweimal musste das Magazin blechen, einmal wurde das Verfahren eingestellt. Dem steigenden Druck nachgeben will Akgün aber nicht: „Wir werden genauso weitermachen wie bisher und gesellschaftliche Probleme in unseren Zeichnungen verarbeiten.“ Darunter: die so genannten „Ehrenmorde“, das Verhältnis zu Kurden, die unsägliche häusliche Gewalt gegen Frauen. Diese Unabhängigkeit hat ihren Preis: Um weiter über die ganz heißen Eisen sprechen zu können, verzichtet Akgün auf Anzeigen und legt – wie heute – schon einmal eine sonntägliche Nachtschicht ein. Akgüns Arbeitsort allerdings – und das unterscheidet ihn von vielen anderen Magazinen – liegt alles andere als versteckt: Gut sichtbar nahe der Haupteinkaufsstraße und für jedermann zugänglich befindet sich unter den Redaktionsräumen das Cafe Leman Kültür.

Zwischen diesen Wänden – über und über tapeziert mit Comicstrips und alten Leman-Ausgaben – sind sie willkommen, die Comicfreunde, die Querdenker, die Linksaktivisten und Erdoğan-Kritiker. Hier können sie gemeinsam diskutieren oder einfach nur in Ruhe in ihren neuesten Ausgaben schmökern. Aber was, wenn auch hier einmal ein Verrückter vorbeischaut, ein Feuerzeug oder was auch immer in der Hand? „Ach“, sagt Tuncay Akgün und dreht sich eine Zigarette, „Weißt du nicht? Gott beschützt kleine Kinder und Comic-Zeichner.“

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe Orient Express Reporter II 2012. Vielen Dank an das cafebabel.com Localteam in Istanbul.

Illustrationen: Teaser ©penguen.com; Im Text ©Jens Wiesner