Zakarya: Wo Klezmer auf Rock und John Cage auf Polka trifft

Artikel veröffentlicht am 7. Oktober 2009
Artikel veröffentlicht am 7. Oktober 2009
Wer glaubt, um Klezmer zu spielen brauche man eine Klarinette und eine trübsinnige jiddische Weise, hat noch nicht den Sound der Straßburger Band Zakarya gehört. Der Akkordeonist Yves Weyh spricht am Rande eines Konzerts in St. Petersburg über die Vorstellungskraft des Publikums, imaginäre Filmmusiken und avantgardistischen Klezmer.

Der größte Konzertsaal in der St. Petersburger Music Hall erinnert mehr an ein verstaubtes Kino aus Sowjetzeiten als an einen Ort, an dem Stars der internationalen Musikszene auftreten. Von den pfirsichfarbenen Klappstühlen geht ein modriger Geruch aus, das Licht im Saal flackert alle zwei Minuten unkontrolliert auf und die Konzertbesucher beginnen schon nach wenigen Minuten nervös auf ihren Stühlen herumzurutschen. Hat jemand die Heizung eingeschaltet? Trotzdem harren alle tapfer aus, denn schließlich kommt nicht alle Tage eine französische Klezmer-Band in die nördlichste Metropole Russlands. Zakarya ist im Rahmen des Straßburger Festivals Les Nuits européennes, das schon seit mehreren Jahren eine Partnerschaft mit St. Petersburg unterhält, in die Stadt an der Neva eingeladen worden. Die vier Musiker nehmen dementsprechend ihre Plätze auf der Bühne unter einer überdimensionierten französischen Nationalflagge ein.

Und das soll Klezmer sein?

Während der nächsten eineinhalb Stunden reißen überraschend fremdartige Klänge den dunklen Saal aus seinem Winterschlaf. Entfernt an osteuropäische Volksmusik erinnernde Melodien mischen sich mit experimentellen Klangclustern, Rockzitate verbinden sich mit virtuosen Akkordeonsoli und schnellen Basslinien. Manch einer blättert unsicher im Programmheft. Und das soll Klezmer sein? Doch Zakarya hält noch mehr Überraschungen bereit. Die Band, die von dem New Yorker Label Tzadik des renommierten Avantgardemusikers John Zorn produziert wird, gehört zwar in die Sparte Radical Jewish Culture, doch in dieser verbirgt sich Unerwartetes. Yves Weyh, der musikalische Kopf der Band, lässt sich von ganz unterschiedlichsten Musikstilen inspirieren: „Ich mag den Begriff 'experimentelle Musik' eigentlich nicht, aber ein bisschen davon steckt auf jeden Fall in Zakarya. Und dann gibt es natürlich auch noch John Cage, ein bisschen Rock und die Melodien und Rhythmen, die aus der Klezmer-Kultur kommen. Wir machen eben jüdische Musik, die experimentell und avantgardistisch ist.“

Der Name erwies sich im Nachhinein als perfekt, denn er blieb leicht im Gedächtnis der Zuhörer hängen.

Deutet der Name Zakarya, der biblische Assoziationen weckt, vielleicht auf den jüdischen Einschlag in der Musik hin? Yves will sich nicht festlegen, denn der Name sei eher ein Zufall: „Wir wollten damals ein Konzert spielen und hatten noch keinen Namen für die Gruppe. Der Veranstalter hat mich am Telefon gefragt, wie wir denn eigentlich heißen, und ich habe aufs Geratewohl Zakarya gesagt.“ Der Name erwies sich im Nachhinein als perfekt, denn er blieb leicht im Gedächtnis der Zuhörer hängen.

Überhaupt ist das Publikum Zakarya sehr wichtig: „Manchmal kommt es vor, dass nach dem Konzert jemand auf mich zukommt und mir erzählt, welche Bilder beim Zuhören vor seinem inneren Auge vorbeigezogen sind. Das deckt sich dann meistens gar nicht mit meinen Assoziationen, aber das ist ja auch nicht schlimm. Wir wollen gar keine eindeutigen Geschichten mit unserer Musik erzählen.“ Jeder im Publikum denke sich seine eigene kleine Geschichte aus und lasse seine Fantasie spielen.

Von imaginären Filmen und fantastischen Erzählungen

Wenn Yves Weyh von Musik redet, geht es auch immer wieder um Filme. Vielleicht ist der kinoähnliche Konzertsaal kein Zufall? Das letzte Album der Band, The True Story Concerning Martin Behaim, das die Geschichte eines deutschen Geografen des 15. Jahrhunderts, der als der Erfinder des Globus gilt, erzählt, ist der Soundtrack zu einem „imaginären“ Film. „Ich wollte die Musik zu einem Film über Martin Behaim schreiben, auch wenn dieser Film nicht existiert. Ich weiß nicht genau, woher die Idee kam, das kann man schlecht rein analytisch erklären.“ Diese Filmmusik ist allerdings nicht seine erste Auseinandersetzung mit anderen Kunstformen, schließlich hat er schon einen Soundtrack zu dem Stummfilm The Unknown von Tod Browning aus den 1920er Jahren geschrieben und bei mehreren Projekten, die Poesie und Musik miteinander verbinden, mitgearbeitet. Doch warum diese Affinität zum Film? „Viele Leute sagen uns, dass unsere Musik ihnen Geschichten erzählt. Sie sehen beim Zuhören alle möglichen Bilder. Vielleicht kommt dieses Interesse an der bildlichen Darstellung einfach vom Publikum.“

Die Kompositionen, die die Musiker von Zakarya an dem Abend in St. Petersburg vorstellen, tragen so sprechende Namen wie Manual Labour, Polka oder The Hole. Die Freude der vier am Musizieren ist offensichtlich: Mal springt der Bassist ausgelassen von einem Bein aufs andere, mal wippt er nur leicht zu seiner eigenen Basslinie mit. Der Gitarrist spielt selbstvergessen seine Soli, dreht an den Knöpfen des Mischpults und scheint den lachenden Akkordeonisten kaum zu bemerken. Der Schlagzeuger schließlich packt beim letzten Stück eine Menge Kinderspielzeug aus und erfreut das Publikum mit einer Theatereinlage, aus der sich wie selbstverständlich neue Rhythmen entwickeln. Wenn aber ein Stück, wie beispielsweise From Pinsk to Minsk, mal nicht auf dem Grundton endet, treten die Zuhörer in Aktion und summen die Tonika deutlich hörbar mit. Yves und seine Mitstreiter freut das ungemein: „Wenn wir wiederkommen und mehr Konzerte spielen könnten, würden wir das sofort machen.“

Das FestivalLes Nuits européennes, bei dem unter anderem Gianmaria Testa,Iva Bittova, Melissa Laveaux und die russische Band La Minor auftreten, findet vom 9. bis 17. Oktober in Straßburg statt.