Zagrebs Mamutica: Leben im Betonriesen von Mini-Jugoslawien

Artikel veröffentlicht am 18. Oktober 2013
Artikel veröffentlicht am 18. Oktober 2013
Mamutica ist der größte Wohnkomplex in Kroatien. Er lebt durch seine Einwohner samt deren verschiedenen Kulturen und Träumen. Über die sozialistische jugoslawische Republik und den Bürgerkrieg hin zum EU-Mitglied: Kroatien befindet sich im rapiden Wandel. Doch das Viertel Travno im neuen Zagreb scheint still zu stehen.

Mamutica: so heißt der größte Gebäudekomplex in Kroatien; das gewaltigste in dem Land, das einmal zur Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien gehörte. Der „Riese“ aus Beton ist 240 Meter lang und ungefähr 70 Meter hoch. Er ragt mit seinen 20 Stockwerken aus dem „Mini-Jugoslawien“ hervor, dem „Novi Zagreb“. Er zieht sich am Fluss Sava entlang und verfolgt mit seiner Architektur ein ganz anderes Ziel als die der Altstadt: städtisches, modernes und funktionelles Bauen war die Devise in den 1950er Jahren. Die zuvor leeren Wiesen und Felder sind seit Ende der Bauzeit Mitte der 1980er zubetoniert.

Travno

Travno besteht aus mehreren Wohnkomplexen, die sich um einen großen Park gruppieren. Er wird bis heute als „Wohnzimmer“ des Viertels bezeichnet; geht man westwärts, steht man irgendwann mitten in Mamutica. Die Appartements werden vom Staat subventioniert und an Arbeiter verteilt – aber auch an Akademiker und Soldaten. Mit diesem Prinzip will man noch immer eins erreichen: keine Ghettos, sondern soziale Vielfalt schaffen und Kulturen durchmischen.

Beruhigende Standhaftigkeit

Man mag es kaum glauben, aber bis heute gilt die Lebensqualität in Travno als die beste im Land, als das „kleine gemeinsame Geheimnis“ der Einwohner: ein Erfolg in puncto Zusammenleben und städtebauliche Zukunft. Zwischen Grünflächen und in Gemeinschaftsräumen lässt es sich gut leben – besser zumindest als in großen Städten – unter den Travnoern gilt das nämlich als „unmenschlich“ oder sogar „geistesgestört“. Andere hingegen beschreiben die Atmosphäre mit den Worten des russischen Dichters Alexander Puschkin und dessen Märchen Der Fischer und das Fischlein: Eifersucht und Enttäuschung zwischen den Bewohnern regiere Mamutica. Nach den politischen Veränderungen wissen nun viele nicht, was die ungewisse Zukunft bringt; das macht ihnen Angst. Mamutica aber bleibt für sie ein Stützpunkt. Die Ethnologin Valentina Gulin beschreibt das große Gebäude als die einzige Sicherheit der Bewohner: die Stabilität beruhigt alle.

FotoREPORTAGE 

Unsere visuelle Reise stellt die Orte und Einwohner des „kleinen Kroatiens“ vor: zum Nachdenken über die Identität unserer Nachbarn.

Mamutica: 776 Wohnungen auf 18 Etagen, sechs Eingänge: Mamutica, das kroatische „Weibchen“ des Mammuts. 1974 wurde dieser Wohnkomplex in Zagreb gebaut. Den kleinen Bruder mit 390 Apartments, das „kleine Mammut“, steht gleich gegenüber – bis zum Bürgerkrieg wohnten in ganz Mamutica 5000 Menschen. Nach der Volkszählung 2011 waren es nur noch 2675.

Nach Mirkovic ist das „neue Zagreb“ „ein typisches Beispiel für die rationale und funktionale Architektur. Heute hingegen baut man zunehmend Gebäude, die einer Ästhetik entsprechen sollen – die Interessen haben sich geändert.“

Alles was man zum Leben braucht ist direkt vor der Tür: Geschäfte, Post, Schulen, Krippen – die Realisierung der „Wohnmaschine“ von Le Corbusier

„Das „neue Zagreb“ ist ein typisches Beispiel für die rationale und funktionale Architektur. Heute hingegen baut man zunehmend Gebäude, die einer Ästhetik entsprechen sollen – die Interessen haben sich geändert.“ Ljlliana, 47 Jahre Alles was man zum Leben braucht ist direkt vor der Tür: Geschäfte, Post, Schulen, Krippen – die Realisierung der „Wohnmaschine“ von Le Corbusier.

Vom 15. Stock aus kann man das „Wohnzimmer“ des Viertels sehen – den Park, das Herz von Travno (kroatisch: „Gras“). Die Krippe, die Schulen und seit 2008 auch die Kirche (deren Bau war sehr umstritten) sind hier untergebracht. Nach Miroslav Kollenz sollten die Gebäude eigentlich Blumennamen tragen, um der zubetonierten Natur wenigstens ihren Namen zurück zu geben.

Das Zentrum des „Landes“ Mamutica bildet eine Plattform. Während der Jugoslawienzeit wurden die Wohnungen von Unternehmen an die Familien der Angestellten verteilt (zum Beispiel vom staatlichen Energiehersteller INA). Gleich in der Nähe befindet sich eine Kaserne, also kaufte auch die Armee einen Teil der Wohnungen und verteilte sie an Soldaten – anfangs an serbische, dann an kroatische.

Dino kommt aus Montenegro und war früher Ingenieur. Heute arbeitet er am Kiosk auf dem Hauptplatz- sechs Tage die Woche, seit 23 Jahren. Von seiner Wohnung in der Mitte von Zagreb aus geht er oft zu Fuß zur Arbeit. Wenn ihm die Leute gerade keine Zigaretten abkaufen, schaut er aus seinem kleinen Fenster hinaus auf die Einwohner. Viele kennt er sehr gut, sie vertrauen ihm und erzählen aus ihrem Leben.

„Während dem Krieg waren die Fenster mit Klebeband zugeklebt, damit sie von den Detonationen nicht zerbrachen.“ Vesna arbeitet seit 1988 in der Bibliothek des Viertels. „Vor dem Krieg haben wir viel mehr miteinander gelebt.“

Paška čipka heißt die Pager Spitze (ganz rechts im Bild), die ins Unesco Weltkulturerbe aufgenommen wurde. 2009 bemalten Künstler die graue Betonlüftung nach der kroatischen Tradition von der gleichnamigen Insel.

Irena und Jeliko wohnen auch im Viertel und kennen sich seit Jahren. Er ist Fußballtrainer der Jugendmannschaft, in dem auch der Sohn von Irene spielt. Jeliko heißt auf Kroatisch „Wunsch“.

Vor dem Krieg gab es in Mamutica über 20 Bars, heute sind es deutlich weniger. Auf der Plattform sind es drei mit offener Terrasse, eine davon nennt sich Mamu. Die Bar Blato findet man in der Straße Mima; manche treffen sich hier jeden Tag, um der Sommerhitze zu entgehen und Zeit in netter Gesellschaft zu verbringen.

Damit es für die Krippen und die Schule genügend Kinder gibt, müssen mindestens 8000 wenn nicht 12000 Menschen im Viertel wohnen. Das Gelände ist etwa 30 bis 40 Hektar groß – den Park miteinbegriffen. Weil nicht nur Mamutica, sondern auch die Schulen darum herum gruppiert wurden, müssen die Kinder auf dem Weg keine Straßen überqueren.

Renato, ein kroatischer Rapper, und seine Lebensgefährtin haben ihren Sohn Zen genannt. „Ich wollte ihm eine Aufgabe mitgeben, die er erfüllen muss, wenn er groß ist: studieren und verstehen, wieso wir ihm diesen Namen gegeben haben. Das wird ihm dabei helfen, die Schwierigkeiten dieser Welt zu überstehen.“ Jedes Jahr organisiert Renato eine Spendenaktion für die Armen im Park gegenüber von Mamutica. Am Ende dieses Jahres wird Renato die eine Hälfte seines Lebens unter der jugoslawischen Republik und die andere im unabhängigen Kroatien verbracht haben.

Viele der Einwohner sehen den EU-Beitritt Kroatiens skeptisch, manche unter ihnen wissen aber auch, was er für klare Vorteile nach sich zieht: Gerade fangen die Arbeiten für den Umbau der Plattform an und endlich werden auch die Tiefgaragen wasserdicht gemacht, die davor oft überschwemmt waren. „Jetzt sind wir in der EU, das bedeutet für uns auch, dass Schwarzarbeit schwieriger geworden ist: wir müssen uns jetzt an gewisse Regeln halten.“ Vio ist 34 und arbeitet in einem Tabakladen. Er hat nach jahrelanger Fabrikarbeit Probleme mit seiner Gesundheit: Dort wurden chemische Produkte für Stoffe hergestellt.

Viele Rentner nutzen die freien Flächen, um Pétanque zu spielen. Im Hintergrund: Mamutica. Vor einem Jahr noch gab es hier Gärten, in denen Gemüse für den Winter angebaut wurde.

Ein typisches kroatisches „Turbo-Folk“-Lied  handelt von Mamutica, in dem alle 1166 Wohnungen hell erleuchtet sind. Petra ist 19 Jahre alt und die Tochter eines Auto- und Bootmechanikers. Sie studiert, um Lehrerin zu werden. Von der 17. Etage des kleinen Mammuts aus lächelt sie herunter. In einwandfreiem Englisch sagt sie: „Wenn man das erste Mal nach unten sieht hat man Angst, aber man gewöhnt sich dran. Trotzdem gibt es Tage, an denen man keine Lust mehr hat, immer dieses riesige Gebäude vor der Nase zu haben.“

Dieser Artikel ist Teil der Reportagereihe EUtopia on the ground, die jeden Monat die Frage nach der Zukunft Europas aufwerfen soll. Dieses cafébabel-Projekt wird von der Europäischen Kommission im Rahmen einer Zusammenarbeit mit dem französischen Außenministerium, der Fondation Hippocrène sowie der Charles Léopold Mayer-Stiftung unterstützt.