Yann Tiersen, nicht nur Amélie

Artikel veröffentlicht am 6. April 2007
Artikel veröffentlicht am 6. April 2007

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Yann Tiersen, Komponist der Soundtracks zu Die fabelhafte Welt der Amélie und Good Bye Lenin zeigt sich auf seinem letzten Album On Tour kampfeslustig. Ein Gespräch.

Bereits Tage vor dem Konzert Yann Tiersens im Razzmatazz-Saal in Barcelona sind die Eintrittskarten ausverkauft. Das katalanische Publikum freut sich auf die wunderschöne Musik eines Komponisten, den viele noch mit dem Soundtrack von zwei der erfolgreichsten europäischen Filme der letzten Jahre verbinden: Amélie von Jean Pierre Jeunet (2001) und Good Bye Lenin von Wolfgang Becker (2003).

Doch sie irren sich: Der französische Musiker präsentiert mit On Tour an diesem Abend ein explosives, energiegeladenes Album, das er auf der Tournee seines vorherigen Albums Les Retrouvailles aufgenommen hat. Was hat Yann Tiersen dazu veranlasst, mit seinem Image als Erfinder eingängiger Melodien zu brechen? Nach dem Konzert, als die Leute allmählich zum Ausgang strömen, fängt unsere Arbeit erst an. Wir steigen die Treppen zum Backstage-Bereich des Razzmatazz hinunter, ein Ort, an dem sich die bekanntesten Rockgruppen der Welt aufgehalten haben und über den zahllose Geschichten von Sex, Drogen und Rock ’n Roll erzählt werden.

Was wir vorfinden, ist jedoch erheblich alltäglicher: Eine Gruppe von Leuten, die an einem Tisch zu Abend essen und sich bei einigen Gläsern Wein und Bier von der Anspannung erholen. Sofort bringen sie uns in einem kleinen Raum unter, der an das improvisierte Esszimmer angrenzt, und bieten uns ein Bier an. Einen Moment später erscheint Yann Tiersen mit einem Gin Tonic in der Hand.

„Warum dieser musikalische Wandel?” „Ich habe mich für die Energie der elektrischen Gitarre entschieden, um ein wenig frischen Wind in meine Arbeit zu bringen”, erzählt uns der Sänger, der mit seinen 36 Jahren bereits auf eine zehnjährige Karriere zurückblicken kann. Dann versucht Tiersen, die Veränderungen zu relativieren. Was ursprünglich „meine Leidenschaft für die Musik entfacht hat, war der Rock“, erklärt er uns. Anfang der achtziger Jahre wurden Joy Division und Nick Cave zu den Vorbildern des jungen Tiersen, der mit zahlreichen Rockgruppen in Rennes zusammenarbeitete und deshalb sein Studium am Konservatorium aufgab.

Im Labor des Doktor Tiersen

„Am Ende der Jugend entdeckte ich, dass mir die akustischen Instrumente ermöglichten, mit neuen Sachen zu experimentieren”, erzählt er weiter. Die Rede ist von den klassischen Instrumenten, die er während seiner Kindheit spielen lernte: Klavier und Violine. Zurück am Konservatorium, weitet Tiersen sein Interesse auf alle Arten musikalischer Geräte aus: das Cembalo, die Ondes Martenot (ein elektronisches Musikinstrument), die Mandoline, das Spielzeugklavier, etc…

Der Gebrauch dieser Instrumente wird sich mit der Zeit zum Markenzeichen des Künstlers entwickeln. „Das Wichtigste im kreativen Prozess ist das Ausprobieren, ohne zu wissen, wohin ich gehe”, sagt er leidenschaftlich. Während wir uns insgeheim fragen, wie er wohl komponiert, gibt er uns schon die Antwort: „In Les Retrouvailles habe ich eine 15 Minuten lange Schlagzeugsequenz so lange bearbeitet, bis ich am dritten Tag mit einem Lied aufhörte, von dem ich mir nie hätte vorstellen können, dass es so klingen würde.“

Amélies wahres Gewicht

Tiersen ist ein innovativer Geist und immer für überraschende Aussagen zu haben. „Meiner Meinung nach ist es nicht meine Arbeit, Musik fürs Kino zu machen. Mir gefällt es, ohne eine konkrete Richtung zu arbeiten. Das steht im absoluten Widerspruch zu der Idee des Soundtracks, weil das Bild für sich genommen schon einen Endpunkt darstellt”. Deshalb überrascht es uns nicht, dass er seine Arbeit als Komponist von Soundtracks als „episodisch” bezeichnet und sie auf Good Bye Lenin reduziert.

Aber welche Rolle hatte Amélie – der Film, der ihn in ganz Europa bekannt machte –in seinem Leben? Zwar gibt Tiersen zu, dass es sei „eine große Gelegenheit” gewesen sei und er „sehr gern“ zugesagt habe. Doch eigentlich, so betont er, habe er nicht allzu viel dafür getan. Er habe lediglich „drei neue Lieder“ geschrieben und den Rest aus früheren Alben ausgewählt. Doch natürlich begeistere ihn das Kino als künstlerische Ausdrucksform.

Doch Tiersen arbeitet nicht nur für das Kino, sondern auch mit Sängern wie Dominique A, Neil Hannon, Shannon Wright, Jane Birkin, Françoiz Breut und Suart A. Staples. Dabei ist er weit davon entfernt, mit Künstlern arbeiten zu wollen, deren Fan er ist. Er wolle lieber mit Leuten zusammenzuarbeiten, „die andere Wege gehen“. Der Franzose findet Gefallen daran, „bei einem gemeinsamen Resultat anzukommen“. Außerdem besitzt er eine gewisse Vorliebe für weibliche Stimmen.

„Ich wähle. Es gibt keine andere Option“

Da die französischen Präsidentschaftswahlen vor der Tür stehen, fragen wir Tiersen nach seinem Engagement im Wahlkampf: „Wir werden in dieser Zeit in Südamerika auf Tournee sein”, antwortet er mit einem leichten Lächeln. Danach zeigt er seine kämpferischste Seite: „Ich wähle, es gibt keine andere Option. Auch wenn die Linke ein sehr zentristisches Programm hat, ist die Alternative noch schlechter“. Im Laufe seines künstlerischen Lebens hat Tiersen seine politische Einstellung stets deutlich gemacht. Als während der Wahlen 2002 der Rechtsextremist Jean-Marie Le Pen in die zweite Runde einzog und Präsident hätte werden könnte, brachte er sich zusammen mit der französischen HipHop-Sängerin Diam's in den Wahlkampf ein.

„Für mich war die Arbeit mit Diam’s eine klare politische Geste, die ich machen musste, auch wenn der Rap nicht unbedingt die Musik ist, die mir am meisten gefällt“, erklärt er. Die beiden arbeiten zusammen an einem anspruchsvollen Projekt, Ma France à Moi („Mein Frankreich ”), das sich um das Frankreich der Vorstädte dreht. Welches ist denn das Frankreich von Yann Tiersen? „Ich glaube, dass Frankreich ein verschlossenes Land ist, während wir mitten im 21. Jahrhundert und in Europa leben”, sagt er mit Nachdruck. Als Beispiel führt er die Differenzen an, die seiner Ansicht nach zwischen der französischen und der ausländischen Öffentlichkeit bestehen, und sagt: „Wir Franzosen denken zu viel nach. Wir sollten direkter sein, besser reagieren”. Frankreich brauche eine “schnelle Öffnung”.

Und schon sind die 15 Minuten Gespräch, die uns die Konzertveranstalterin versprochen hatte, vorbei. Nachdem er sich verabschiedet hat, geht Tiersen in das Speisezimmer zurück und kümmert sich um die Mitglieder eines Fernsehkanals. Ein Künstler, der sich kontinuierlich neu definiert. Ein Alchimist, der unermüdlich den musikalischen Stein der Weisen sucht.