Xenofeminismus: Freie Hormone für alle!

Artikel veröffentlicht am 17. Mai 2016
Artikel veröffentlicht am 17. Mai 2016

Laboria Cuboniks - bitte was für ein Labor? Auf der gleichnamigen Webseite erklären die so genannten 'Xenofeministen', warum sie Geschlechterrollen für Schnee von gestern halten und Hormone für jedermann frei zugänglich sein sollten. 

Fragt man das Internet nach Xenofeminismus, landet man unweigerlich auf der mysteriösen, und farbenfroh, fast epileptischen Website Laboria Cuboniks. „Ist es ein Labor?“, fragt mein Hirn, das sofort nach Assoziationen sucht. Nur in gewisser Hinsicht. Laboria Cuboniks (ein Anagramm des Pseudonyms Nicolas Bourbaki) ist eine Gruppe von sechs Frauen, die die Theorie des Xenofeminismus begründet haben.

„Wir haben uns zum ersten Mal auf einer Konferenz in Berlin getroffen. Wir waren Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen, Archäologinnen und sogar eine Sicherheitsdienstleisterin. Seitdem entwickelt sich das Projekt online. Zuerst haben wir das Manifest geschrieben, jetzt arbeiten wir an einem Buch“, erklärt Helen Hester, eine der Initiatorinnen des Xenofeminismus, die ich in London treffe.

Helen widmet sich seit dem Beginn ihrer akademischen Karriere den Gender Studies. Zur Zeit ist sie an der University of West London Dozentin für Geschlechter im Kontext der Medien und (fehlende) Geschlechtergleichheit. Schon nach zwei Minuten im Gespräch mit ihr merke ich: sie brennt darauf, ihre Energie mit den Studierenden zu teilen.

Was ist Xenofeminismus?

Wenn man den Vorschlägen von Suchmaschinen Glauben schenken will, ist Xenofeminismus aus dem gleichen Holz geschnitzt wie Akzelerationismus - eine futuristische Theorie, die das Ende des Kapitalismus ankündigt und die politische Linke dazu aufruft, sich auf globaler Ebene zu vereinigen, um eine post-kapitalistische Zukunft ohne Arbeit zu erschaffen. Sollte das stimmen, ist Xenofeminismus dann die feministische Version von Akzelerationismus?

Für die Antwort auf diese Frage müssen wir kurz zurück zur Wiege des Xenofeminismus in Berlin gehen. „Während einer der offenen Diskussionen fragten wir: Was hat der Akzelerationismus dem Feminismus zu bieten? Wie würde akzelerationistischer Feminismus aussehen? Und was kann linker Akzelerationismus vom Feminismus lernen?“ Und genauso entstand Xenofeminismus, eher durch den Dialog mit Akzelerationismus als durch direkte Abstammung. Seine Mütter beschreiben den Xenofeminismus als eine Form von Feminismus, die techno-materialistisch und anti-naturalistisch ist und Geschlecht abschaffen will. Zu viel auf einmal? Ok, dekodieren wir das Ganze.

Xenofeminismus ist techno-materialistisch, weil er, ähnlich wie der Akzelerationismus, kritisch feststellt, dass moderne Technologien von sich aus nicht den Menschen nützen. Die Geschichten hinter ihren Designs, die bestehenden Infrastrukturen, in denen sie auftauchen und die Ungleichheiten im Zugang zu ihnen verhindern das. „Xenofeministen debattieren darüber, wie schon existierende Technologien umgestaltet werden können, damit sie der Gesellschaft mehr nützen und vor allem nicht als Werkzeuge für Geschlechterdiskriminierung benutzt werden können“, erklärt Helen.

Xenofeminismus ist außerdem anti-naturalistisch in dem Sinne, dass er den Determinismus der Natur im politischen Kontext in Frage stellt. Helen führt das weiter aus: „Alle, die angesichts der herrschenden biologischen Normen für „unnatürlich“ gehalten werden, alle, die im Namen der natürlichen Ordnung Ungerechtigkeiten erlebt haben, werden feststellen, dass die Glorifizierung der „Natur“ uns nichts zu bieten hat.“ Für Xenofeministen ist Biologie kein Schicksal.

Xenofeministen kämpfen nicht nur für Geschlechtergleichheit, sie wollen Geschlecht sogar ganz abschaffen. Das heißt allerdings nicht, dass sie die Geschlechter an sich beseitigen wollen - sie kämpfen eher gegen die Grenzen, die Geschlechterrollen uns setzen. „Statt die Unterschiede zwischen Geschlechtern zu eliminieren, wollen wir sie wuchern lassen. Lasst Hunderte von Geschlechtern blühen!“ fordert Helen.

Ist die Natur ungerecht?

„Lasst Hunderte von Geschlechtern blühen?“ Ich bitte Helen, etwas mehr zu diesem Stück des Manifests zu sagen, an dem sie mitgeschrieben hat. Den anti-naturalistischen Aspekt des Xenofeminismus verstehe ich noch nicht gut genug. Meine erste Nachfrage: was genau ist „gender hacking“?

„Hast du Testo Junkie von Paul B. Preciado gelesen?“ fragt Helen. Aus ihrem Enthusiasmus schließe ich, dass ich es gelesen haben sollte. „Bei Preciado ist der Protagonist willens, jemand anderes zu werden. Er experimentiert und spielt mit Testosteron, um zu sehen, was das mit Subjektivität und Identität anstellt. Das war unser Ausgangspunkt.“

Wie Xenofeministen unterstreichen, ermöglicht nur der freie Zugang zu Hormonen die wahre Freiheit, über sich selbst, über den Körper, über die Identität zu entscheiden. Der Zugang zu Hormonen wird durch eine Menge juristische (und moralische) Regeln beschützt. „Als Kollektiv sind wir an den Wegen interressiert, mit denen wir diese Regeln umgehen können“, erklärt Helen. Dieser Standpunkt profitiert davon, dass immer mehr open source Plattformen entwickelt werden und endokrinologisches Wissen [Wissen über Hormone; A.d.R.mainstream wird.

Heutzutage kann man Hormone im Deep Web, dem Teil des Internets, den Suchmaschinen nicht finden, in Internetapotheken und auf dem Schwarzmarkt kaufen. Das endokrinologische Do it yourself ist dank open source Plattformen einfacher als das Bio-Abitur. „Es wird schon genutzt“, bestätigt Helen. „Ich habe mit Selbsthilfegruppen angefangen und jetzt haben Leute Hormonlabore zu Hause. Das Projekt Open Source Gendercodes ist ein perfektes Beispiel dafür.“

Xenofeministen verlangen aber mehr. Sie finden, dass dieses „gender hacking“ aus der Grauzone der Halblegalität und des Deep Web herausgeholt werden sollte.

Hast du „Sexmission“ gesehen?

Bevor ich Helen Hester getroffen und mein xenofeministisches Wissen aufgefrischt habe, dachte ich, dass Xenofeministen eine neue Sexmission aufbauen wollen. Wie in der polnischen Kultkomödie von Juliusz Machulski. Seine beiden Protagonisten wachen in einem utopischen Untergrundkönigreich der Frauen auf, wo einheitliche Sexualität mit atemberaubendem technologischen Fortschritt Hand in Hand geht. Seine weiblichen Bewohner reproduzieren sich künstlich und mit genetischer Kontrolle: sie bringen nur Mädchen zur Welt. Fortgeschrittener Gebrauch von Technologie: Done. Limitationen der Natur überkommen: Done. Abschaffung von Geschlechtern: Done. Aber nur auf den ersten Blick.

Zuerst einmal war Kopernikus keine Frau, wie sie im Film sagen. Sie war ein Mann.

Ausschnitt aus dem Film Sexmission

Vor allem ist Sexmission aber eine Parodie auf einen totalitären Staat. Er karikiert das Modell einer idealen sozialen Organisation und verhöhnt gleichzeitig die Ambition, ein Utopia menschlichen Fortschritts zu kreieren. Er deckt die Grausamkeit auf, die entsteht, wenn menschliche Individualität unterdrückt wird.

Xenofeminismus hingegen zeigt klar, dass die erzwungene soziale Ordnung unser Unterdrücker ist, weil sie die Menschen teilt (basierend auf Geschlecht, Klasse und Herkunft) und dadurch ideale Bedingungen für Diskriminierung hervorbringt.

Dazu deckt die neue Gesellschaftsform, die der Xenofeminismus vorschlägt, sich nicht mit der Einheitsvision von Sexmission. Die Abschaffung von Männern steht an keinem Punkt im Programm, stattdessen wollen sie das Repertoire der zwei existierenden Geschlechter auf hunderte von blühenden Geschlechtern ausweiten.

Auch die Anwendung von Technologie in Sexmission passt nicht zum xenofeministischen Manifest. Diesem Schriftstück zufolge sollte der Gebrauch von Technologien sich vom jetzigen Zustand (und dem im Film) weiterentwickeln: Statt von oben erzwungen zu werden und nur wenigen Menschen zu dienen, sollen die Rollen sich umkehren und Technologie demokratisiert und für jeden zugänglich werden.

Xenofeminismus und Sexmission haben also grundsätzlich rein gar nichts miteinander zu tun. Es war ein Fehler, sich so tief in die polnische Science-fiction der 1980er einzugraben! Gut, dass ich meine eingerosteten kulturellen Anspielungen mal mit der Realität konfrontiert habe.