XConfessions: Pornogucken im Rudel mit Erika Lust

Artikel veröffentlicht am 11. Februar 2016
Artikel veröffentlicht am 11. Februar 2016

Porno in Kombination mit Popcorn - kann eigentlich nur unangenehm sein. Oder? Nicht unbedingt, wie die Vorführung von Erika Lusts expliziten Kurzfilmen XConfessions in Berlin beweist.

Der Kinosaal im Berliner Babylon ist proppenvoll. In einer Ecke dudelt eine Orgel, die Leute drängen sich mit Getränken und Popcorn bewaffnet in die Reihen. Vor mir stößt ein im Partnerlook bezopftes Paar mit Bier und Wein an, links von mir unterhalten sich zwei Freundinnen über Feedback-Gespräche: „Ich meine, ich wusste einfach nicht, was ich sagen soll!“ Rechts von mir hängt ein in Jogginghosen gewandeter Typ auf seinem Sitz - Berliner shabby chic. Kurz: Ziemlich normale Kinoatmosphäre an einem Mittwochabend.

Allerdings sind wir nicht hier, um den neuesten Blockbuster mit Jennifer Lawrence zu sehen: Gezeigt wird XConfessions, von der mehrfach preisgekrönten Erika Lust. „Explizite Kurzfilme“ nennt die in Schweden geborene und in Barcelona lebende Produzentin und Regisseurin das Ganze – im Prinzip ist es aber schlicht: Porno. Über 200 Menschen haben sich also zusammengefunden, um gemeinsam anderen Menschen beim Sex zuzusehen. Tatsächlich waren die Tickets so begehrt, dass der Veranstalter Berlin Film Society ein paar Tage später gleich noch eine Vorführung nachschiebt. Die Hauptprotagonistin des Abends springt auf die Bühne: energiegeladen und gut gelaunt: Erika Lust ist „excited“ und freut sich sichtlich über das große Interesse an ihren Filmen.

Leute wie du und ich

Seit 2004 produziert und dreht Lust Pornos: Die tragen das Etikett „feministisch“ (lest hier ein ausführliches Porträt der Regisseurin). Lust studierte Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Menschenrechte und Feminismus und ihre feministische Haltung überträgt sie auf ihre Filme. Frauen kommen dort immer voll auf ihre Kosten, stehen eindeutig im Mittelpunkt des Geschehens – kein schlichtes Reinraus inklusive unvermeidlichem Cumshot wie in den meisten Billig-Pornos. Lust legt Wert auf Ästhetik, auf Details und vor allem haben die Darstellerinnen und Darsteller bei der Entwicklung eines Films sowie beim Dreh ein Mitspracherecht. Vor der Kamera stehen Leute, die aussehen wie du und ich, die verschiedene Körperformen und Hautfarben haben und sich offensichtlich wohl miteinander fühlen.

Das Projekt XConfessions startete Erika Lust 2014. Sie sammelt per Crowdsourcing anonyme Geständnisse, Geschichten und Fantasien. Jeden Monat werden aus zweien davon erotische Kurzfilme. An diesem Abend, sagt Lust, zeige sie einen Schnitt, der extra für öffentliche Vorführungen gemacht sei: „Ihr sollt euch ja nicht zu unbehaglich fühlen. In diesen Filmen ist also etwas weniger Sex als online. Wenn ihr euch trotzdem unbehaglich fühlt: Es gibt ja noch die Klos.“ Mein Sitznachbar in Jogginghose sowie seine weibliche Begleitung verschwinden während der Vorführung – aufs Klo? Sie kommen nicht wieder.

Verspielt, lustig, unterhaltsam

Mit einer riesigen Menschenmenge (überwiegend jung, erstaunlich viele Männer) Pornos zu gucken ist nicht halb so seltsam, wie ich gedacht (eher: befürchtet) hatte. Klar, die zehn Kurzfilme sind sexy und explizit. Stellenweise aber auch einfach: verspielt und lustig, unterhaltsam. In My Moaning Neighbor verzweifelt ein junger Journalist an seiner ewig stöhnenden Nachbarin. Die hat praktisch rund um die Uhr Sex, was sich auch durch lautes Staubsaugen oder Hundegebell vom Laptop nicht so richtig übertönen lässt. Also schreibt der genervte Mann ihr einen Beschwerdebrief. Womit er nicht rechnet: Die selbstbewusste junge Dame steht prompt bei ihm vor der Tür.

Im Film Try My Boyfriend teilt eine Frau ihren Freund – ein wahrer Cunnilingus-Gott – nur allzu gerne mit ihren Freundinnen. Doch der arme Mann ist irgendwann völlig erledigt, was seine Freundin auf die Idee für die Webseite Try My Boyfriend bringt, „quasi das Airbnb der boyfriends! Mach mit, als Gastgeber oder Gast und share the pleasure!“ Die Handlung von If the Apocalypse comes, fuck me ist dermaßen absurd (Post-Apokalypse mit Wasserknappheit im Jahr 2180), dass Lust die Darsteller in brechtscher Manier die vierte Wand durchbrechen lässt. Die nach Wasser dürstende Darstellerin herrscht ihren Kollegen an: „Bleib gefälligst in der Rolle“, als dieser sich vor Lachen nicht mehr halten kann.

Verliebt ins Detail

Sämtliche Kurzfilme sind detailverliebt: das Ambiente, das Make-Up, die Kleidung der Darsteller. Erika Lust verwendet verschiedene Filter, unterschiedliche Filmstile. Kein Wunder, Lust liebt das Kino, wie sie in der anschließenden Fragerunde verkündet: „Als ich angefangen habe, Pornos zu gucken, war ich enttäuscht – viele der Filme waren schlecht gemacht. Wenn man sich expliziten Sex mit einer cineastischen Sichtweise ansieht, dann hat er so viel mehr Potential.“ Doch der Schwedin geht es nicht nur um das Geschehen vor der Kamera: Sie will Frauen motivieren, sich auch hinter die Kamera zu wagen, selber Pornos zu drehen. Ihre eigene Mutter sei von dem Job der Tochter allerdings nicht so begeistert. Aber: „Sie weiß, dass eine Menge Leute meine Arbeit… schätzen.“ Und der Saal voller Menschen, die sich gerade 70 Minuten lang popcornmampfend und biertrinkend Kopulationen verschiedenster Arten auf der Kino-Leinwand angeschaut haben, lacht. 

Wer die erste #XConfessions im Babylon verpasst hat - kein Grund zur Panik. Am 12. Februar findet ein Encore Screening der erotischen Kurzfilmserie von Erika Lust in Präsenz der Regisseurin statt.

__

Ich bin ein Berliner - dieser Artikel stammt von unserem cafébabel Berlin-Team.