Wulff geht, Gauck kommt: Der unbequeme Bundespräsident

Artikel veröffentlicht am 20. Februar 2012
Artikel veröffentlicht am 20. Februar 2012
Der Bürgerrechtler Joachim Gauck soll Nachfolger des am Freitag zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff werden. Darauf einigten sich am Sonntagabend die Regierungsparteien mit den oppositionellen Sozialdemokraten und Grünen. Die Bundeskanzlerin hat mit Gauck als moralischer Instanz eine kluge Entscheidung getroffen, meinen Kommentatoren, auch wenn er ein unbequemer Präsident wird.

Tages-Anzeiger: Antithese zu Wulff; Schweiz

Der designierte Bundespräsident Joachim Gauck sei das genaue Gegenteil seines unmoralischen Vorgängers Christian Wulff, lobt der liberale Tages-Anzeiger: "Er ist nach dem grandiosen Scheitern von Wulff der natürliche Kandidat. Er ist eine moralische Instanz; unbestechlich, prinzipientreu, unabhängig. Nie hat er sich vom DDR-Regime unterkriegen lassen - auch nach der Wende behielt er seinen freien Kopf. Statt politische Karriere zu machen (Gauck ist bis heute parteilos geblieben), übernahm er die Leitung der Stasi-Unterlagenbehörde. Joachim Gauck wirkt so wie die Antithese zu Wulff, dem Politprofi und Karrieristen, dem Schnäppchenjäger, der sich von reichen Freunden einladen ließ, sich günstig ein Haus und schicke Autos besorgte - aber sonst kaum etwas zu bieten hatte. Mit Gauck gibt es eine reale Chance, dass das durch die Ereignisse der letzten Wochen so abgehalfterte Amt des Bundespräsidenten in Deutschland neuen Glanz bekommt, neue Tiefe und Bedeutung." (20.02.2012)

NRC Handelsblad: Diesmal hat Merkel ihr Wort gehalten; Niederlande

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am Sonntag ihren Widerstand gegen die Kandidatur von Joachim Gauck aufgegeben. Nach dem Debakel ihres letzten Wunschkandidaten Christian Wulff ist das eine kluge Entscheidung, meint die liberale Tageszeitung NRC Handelsblad: "Merkel musste sich von dem politischen Ballast befreien, zu dem Wulff für sie und die Christdemokraten geworden war. [...] Deutschland ist jetzt erlöst von einem Mann, der keine moralische Autorität mehr hatte. Die Bundesrepublik musste einen Präsidenten suchen, der diese Autorität ausstrahlt. [...] Merkel hatte Wulff 2010 mit aller Macht durchgesetzt, obwohl die oppositionellen Sozialdemokraten und Grünen mit dem ostdeutschen parteilosen Pfarrer Joachim Gauck damals eine sehr gute Alternative vorgeschlagen hatten. Aus parteipolitischen Gründen ging Merkel darauf nicht ein. [...] Jetzt zeigte sich die Bundeskanzlerin bereit, mit SPD und Grünen einen 'gemeinsamen Kandidaten' zu finden. In Deutschland wird alles, auch die Präsidentschaft, gerne politisiert. Aber diesmal hat Merkel ihr Wort gehalten." (20.02.2012)

Montagsdemo in Berlin, 14. Juni 2010

Kurier: Kühler Pragmatismus ist Merkels erprobtes Markenzeichen; Österreich

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Joachim Gauck lange abgelehnt als Bundespräsidenten, doch die am Sonntagabend gezeigte Großherzigkeit und der Pragmatismus ihrer Entscheidung stehen Angela Merkel gut, meint die liberale Tageszeitung Kurier: "Ihr Gefühl für die Stimmung im Volk ist oft besser als das für ihre eigene Basis, wo alte Topfunktionäre aus deren katholischen Kerngebieten im Süden keinen zweiten Ostdeutschen und Protestanten an der Spitze des Staates wollten. Auch wenn dessen Botschaft von Optimismus, Freiheitsliebe und einem selbstbewussten Patriotismus ohne Pathos zur Union noch besser passt als zur SPD. Die Opposition darf nun etwas Genugtuung zeigen über ihren späten Sieg. Merkel aber scheint durch den nicht wirklich beschädigt: Großherzigkeit steht auch ihr gut und wird in der Politik belohnt. Kühler Pragmatismus ist ohnehin ihr erprobtes Markenzeichen. Und für politische Emotionen ist künftig Gauck zuständig." (20.02.2012)

Süddeutsche Zeitung: Wunder, wenn Gauck die Popularität halten könnte; Deutschland

Der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck wird ein unbequemer Bundespräsident, meint die linksliberale Süddeutsche Zeitung: "Joachim Gauck ist ein geschickter und verbindlicher Mann, seine Stärke ist das predigerhafte Pathos, das aber thematisch sehr schmalspurig ist. Er ist kein einfacher Kandidat, er ist einer, der emotional denkt, emotional redet und bisweilen auch emotional handelt. Er wird ein schwer kalkulierbarer Präsident sein, er wird für Irritationen sorgen. Er ist einer, der vor einiger Zeit Zuneigung zu den ausländerfeindlichen Thesen des Thilo Sarrazin gezeigt hat, er hat dem verkniffenen Buchautor mit freundlichen Worten 'Mut' attestiert; [...] Bei anderen Bundespräsidenten war es so: Sie sind gewählt worden und haben dann Popularität gewonnen. Bei Gauck ist es umgekehrt: Er hat als Kandidat gegen Wulff gewaltige Popularität gewonnen - und ist nun dieser gewaltigen Popularität wegen nominiert worden. Es wäre fast ein Wunder, wenn er diese Popularität halten könnte." (20.02.2012)

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Illustrationen: (cc)thorbengeyer/flickr