"Would You Have Sex With an Arab?" - Zur Eröffnung des One World Berlin Human Rights Filmfestivals

Artikel veröffentlicht am 22. November 2012
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Artikel veröffentlicht am 22. November 2012
von Daniel Tkatch Die Filmvorführung des Dokumentarfilms “Would You Have Sex With an Arab?
”, eine Zusammenarbeit der französisch-jüdischen Filmemacherin Yolande Zauberman und des libanesisch-französischen Journalisten und Autors Sélim Nassib zur Eröffnung des One World Berlin Human Rights Filmfestivals kommt zu einem Zeitpunkt, als die Realität uns wieder zeigt, wie akut die Situation im Nahen Osten nach wie vor ist, auch wenn wir es gelegentlich zu verdrängen vermögen.

Would You Have Sex With an Arab Filmstill, One World Berlin Human Rights Filmfestival

Einem Berliner Zuschauer könnte der Fragentitel sicherlich fremd vorkommen. In dem einen oder anderen wird sich die kosmopolitisch-liberale Stimme sofort erheben und behaupten: Ist doch egal, ob Araber oder nicht; es geht vor allem um den Menschen! Man wird vielleicht der selbstgefälligen Auffassung „wir im aufgeklärten Westen haben diese Probleme hinter uns gelassen” verfallen und sich im Kinositz gemütlich zurücklehnen. Allerdings muss ich beim Schreiben dieser Zeilen schon die ganze Zeit an den hier viel zu unkritisch benutzten Slogan „Kein Sex mit Nazis!” und über die Ausgrenzung des Anderen (wie auch immer man ihn definieren mag) aus der Intimsphäre denken. Wir bleiben jedoch lieber bei den Nationalitätsunterscheidungen.

Auch hierzulande identifizieren sich viele mit ihrer Nationalität, ob im Sinne ethnischer Zugehörigkeit oder deren jüngerer Schwester – der Staatsangehörigkeit. Im Leben von Menschen in Konfliktregionen mit ethnisch-politischen Auseinandersetzungen spielt die nationale Identifikation eine wesentlich andere Rolle. Sie sagen z.B. „ich bin Palästinenser und die sind Israelis” und fühlen sich viel zu oft auch genau als Israelis oder als Palästinenser bedroht, ausgeliefert, diskriminiert. Das Hinterfragen dieser Unterscheidung in „wir” und „die da”, die quer auf dem Dialogweg zu liegen und eher den Weg zur Gewaltbereitschaft zu bahnen scheint, ist offensichtlich das, worauf der Film abzielt.

Die Handkamera trifft auf ganz unterschiedliche, urbane Israelis – Juden, Araber und andere –, während diese ihre Freizeit genießen. Die abendliche Stimmung ist locker, und die einfach formulierte Frage kommt sehr unerwartet. Eine weibliche Stimme hinter der Kamera fragt ein leicht betrunkenes Mädchen: „Würdest Du mit einem Araber Sex haben?” und einen arabischen Studenten: „Würdest Du mit einer israelischen Frau schlafen?”. Also, genauer formuliert, ob man es sich vorstellen könnte, Sex mit einem Menschen zu haben, der zu den „Anderen“ gehört.

Um Genauigkeit und Differenzierung geht es dem Film allerdings allem Anschein nach nicht, eher im Gegenteil. Auch ich, obwohl ich dreizehn Jahre meines Lebens in Israel verbracht habe, war oft verunsichert, ob jetzt die richtige Frage gestellt wurde, ob ich also eine jüdische oder eine arabische Person vor mir sehe. Und für einen Uneingeweihten sehen meiner Meinung nach alle Protagonisten ziemlich ähnlich aus bzw. sind nicht leicht identifizierbar – mehr oder weniger mittelmeerisch eben. Rein visuell bleibt das Problem gegenseitiger Ablehnung also ein Rätsel.

Die Reaktionen auf die Frage decken die komplette Skala ab: von langsam durchdachten und entschlossenen Neins und spontanen, emotional beladenen Jas bis zu selteneren wortlosen Empörungen und Verweigerungen. Die Selbstreflexionen und die Antworten sind so heterogen wie die Menschen, die vor der Kamera erscheinen. Zum Vorschein kommen Individuen, die vor allem in ihrer Unterschiedlichkeit gleich sind. Sie lassen sich jedenfalls gar nicht in zwei Gruppen teilen, wie sie durch Nationalitäts- und Identitätsbezeichnungen viel zu deutlich vorgegeben zu sein scheinen.

Eine solche Frage, die sich einerseits eines Begriffs bedient, der aus den gewöhnlichen Kontexten stammt und den Denkprozess in die vorurteilsreichen Muster mit sich zu ziehen droht, andererseits aber derartig stark ins Private dringt, kann man nur schwer ignorieren oder mit eingefahrenen Narrativen loswerden. Es entsteht eine interne Regung, die nur schwer vor anderen und fast unmöglich vor sich selbst zu verbergen ist. Oft entspringt dieser Regung eine wunderbare Redlichkeit, die den filmischen Hauptinhalt von “Would You Have Sex With an Arab?” darstellt.

Der brillante Einfall der Filmautoren, den Nahost-Konflikt mit dieser minimalistischen Methodik sozusagen auf die psychoanalytische Couch zu legen, entstand, als sie ihren ursprünglichen Plan verfolgten, einen Film über die Liebesbeziehung zu drehen, die Golda Meir, Israels eigene “Eiserne Lady”, mit einem jungen libanesisch-palästinensischen Aristokraten gehabt haben soll, als sie in ihren Zwanzigern war.

Der Film umkreist natürlich die naive Vorstellung “make love, not war”, meidet aber bewusst und geschickt die Behauptungsfalle, der israelisch-arabische Konflikt ließe sich im Bett lösen. Und lässt doch noch hoffen, dass, wo die Liebe hinfällt, in der Zukunft hoffentlich doch noch neues, grüneres Gras wachsen wird.

heute, Donnerstag 22.11.2012, 19:30 Uhr, Kino Arsenal

weitere Informationen und Filme: http://www.oneworld-berlin.de/