Worldmusic in Wien: Yeziden we can!

Artikel veröffentlicht am 16. Mai 2012
Artikel veröffentlicht am 16. Mai 2012
Von einer Yeziden-Feier im Zentrum Wien auf die Weltbühne der Musik: Die in Wien lebenden Musiker aus Syrien und anderen Ländern des Nahen Ostens haben es weiterhin schwer mit der Integration.

Ein junger irakischer Kurde der Yeziden-Gemeinde in Wien tanzt Hand in Hand mit den Anderen zu traditionellen Schalmei -und Trommelrhythmen. Die Gläubigen feiern Ostern, das auch den Beginn eines neuen Jahres für sie einläutet. Sie essen türkische Süßigkeiten und trinken starken Rotwein. Wer solch einer ausgelassenen Feier beiwohnt, der kann sich kaum vorstellen, dass noch vor kurzem Gewalt, religiöse Verfolgung, Hunger und Ungewissheit zu ihrem Alltag gehörten. Erst die Flucht nach Wien änderte das.

Que también es la llegada del Año Nuevo

Wien: Worldmusic der Zukunft

“Wir organisieren Konzerte und Feiern, um mit jungen Menschen zusammen zu kommen und gute Stimmung zu verbreiten“, sagt der 19-jährige Dimosi Al Najar. Er ist aus Bagdad in die österreichische Hauptstadt gekommen. Zurzeit unterstützt er den Verein Mala Ezidia, der zum Teil von der kurdischen Regierung finanziert wird. Eine seiner Hauptaufgaben besteht darin, die österreichische Ausländerbehörde darüber zu informieren, inwiefern es sich bei einem Asylbewerber um einen Yeziden handelt. Die Yeziden sind eine religiöse Minderheit, die in ihren Heimatländern - Irak, Syrien, Türkei - oftmals diskriminiert und verfolgt wird. In den meisten Fällen werden Asylanträge in diesen Fällen daher häufiger bewilligt. Bekannte Klänge in den Räumen des Vereins zu hören, ist für die Neuankömmlinge wie eine Therapie. Es hilft, die Sehnsucht nach geliebten Menschen und der Heimat zu überwinden“, erklärt Dimosi.

“Hier geht es zu wie auf einer Familienfeier”, sagt Asmat Omari, der heute anlässlich der Feier spielt. Der Musiker kam vor 20 Jahren aus Syrien nach Österreich. Zu den meisten Feierlichkeiten der arabischen, syrischen und kurdischen Gemeinde in Österreich und im benachbarten Ungarn wird er eingeladen. Für Yeziden und Muslime entspricht das gemeinsam Feiern nicht unbedingt der Tradition ihrer Heimat. Eher im Gegenteil. Aber der Aufenthalt im Exil und die Liebe zum Künstler weichenalten Gesinnungen auf und läuten einen Wandel im Verhältnis beider Religionen ein. So hören eine Reihe von Frauen Asmat in der Halle zu. Einige von ihnen tanzen. „Natürlich vermisse ich meine Heimat“, sagt Asmat nach dem Konzert. “Aber ich versuche nicht allzu viel an sie zu denken. In Syrien sterben alle großen Künstler oder sind gezwungen in Armut zu leben. Wien ist ein Ort, an dem du über die Zukunft zumindest nachdenken kannst.“ Meist spielt Asmat traditionell orientalische Musik. Gerne experimentiert er auch mit europäischer Volksmusik.

Der Klang der Abschiebung

Aber nicht alle österreichischen Einwanderer können ihre Freiheit in Wien neu gestalten. Jeden Tag werden im Durchschnitt sieben Asylbewerber in ihr Heimatland abgeschoben. Nur ein kleiner Teil der persönlichen Geschichten gerät durch Zufall an die Öffentlichkeit. Die meisten Einwanderer in Österreich kommen aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien, den arabischen Ländern und Afrika. Als die österreichische Regierung 2006 plante, die Einwanderungskontrollen zu verstärken, ließen österreichische und ausländische Volksmusiker Taten sprechen.

Zusammen gründeten sie die IG World Music Austria. Der Verein setzt sich neben der Förderung des Bewusstseins für Multikulturalismus und Toleranz gegenüber anderen Kulturen auch für eine progressive Einwanderungs- und Integrationspolitik ein. Auch wenn es für Musiker mit einem Migrationshintergrund nach der Gründung des Vereins einfacher wurde, Sponsoren für die Organisation von Events zu gewinnen, erscheinen sie als Vertreter der Worldmusic und Folklore in Wien doch eher zurückhaltend – besonders im Vergleich zur Förderung der klassischen Musik.

Nicole Janns, die sich auf orientalische Rhythmen spezialisiert hat und die oft mit Asmat zusammenarbeitet, ist eng mit der IG World Musik Association verbunden. Wir treffen die Präsidentin der europäischen NGO EU Roots im Heureka, einem Underground-Klub, den Nicole und ihre Mitstreiter vor zehn Jahren gegründet haben. Im Internet ist keine Spur von Konzertankündigungen zu finden. Das Schild über dem Eingang ist bescheiden und eher schwer zu erkennen. „Wer sich dafür interessiert, der weiß, wann wir offen haben und kommt einfach“, erklärt Nicole. Es ist ein romantischer Wiener Geheimtipp für Folklore-Fans, Rocker und Hippies, der zum Teil von der Stadt finanziert wird.

Jeden Freitag kommen sie zusammen. Nicole kocht ihre scharfe „asiatische Frühlingssuppe“. Sie ist Sängerin, Schlagzeugerin und Dudelsackspielerin in einer Mädchenband namens W.H.I.T.C.H., die vielseitige musikalische Traditionen in ihre Musik integrieren – sei es nun orientalisch, europäisch, amerikanisch, russisch oder afrikanisch. „Wer sich im der Welt- und Folkloremilieu bewegt, muss offen sein“, sagt sie. „Es gehört dazu, von anderen zu lernen und Menschen aus der ganzen Welt zu treffen. Du musst dich wandeln und anpassen. Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass ein Musiker oder Folk-Fan rassistisch oder rechtsextrem ist“, sagt sie.

Allerdings ist Nicole auch der Meinung, dass der Trend verschiedene musikalische Traditionen und Klänge auf die Bühne Wiens zu bringen, nicht unbedingt heißt, dass das gleiche auch in der Gesellschaft passiert. „Ich wünschte, dass Einwanderung unsere Wiener Weltmusikszene mehr beeinflussen würde. Seitdem ich mit orientalischen Musikern spiele, weiß ich, dass die meisten in ihren Gemeinden bleiben und nicht rausgehen, um neue Netzwerke aufzubauen. Vielleicht sollten wir sie dazu ermutigen, dies noch mehr zu tun.“

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe 2012 MULTIKULTI on the ground.

Fotos: Teaserbild (cc)Beni Ishake Luthor /flickr; Im Text ©Dzina Donauskaite