World of Warcraft: Aufhören, wenn’s am schönsten ist

Artikel veröffentlicht am 8. Oktober 2009
Artikel veröffentlicht am 8. Oktober 2009

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Weltweit 12 Millionen Gebühren zahlende Teilnehmer hat dieses umjubelte Computerspiel, das 2004 von einem amerikanischen Unternehmen auf den Markt gebracht wurde - World of Warcraft. Zum Erscheinen des gleichnamigen Magazins in den Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch richten wir den Blick auf das WoW-Phänomen.

Mitten im Gefecht mit einem der Alten Götter: Tausendäugig und zähneknirschend wirft der Unhold Tentakeln aus. Um dem Wahnsinn zu entgehen, weiche ich seinem stechenden Blick aus und entferne dabei Krankheiten von meinen Mitspielern. Fünfzehn Spieler ringen seine Günstlinge nieder, während einige mehr sich mit dem großen Boss selber anlegen. Überall fliegen Heilzauber herum und es herrscht unglaubliche Zerstörung.

Draußen in der realen Welt durchbreche ich die Stille meines Wohnzimmers: 'Ibuprofen Westseite bedrängt, dps fokus auf den Zermalmer, Portale zum Gehirn werden in 5 Sekunden geöffnet, vergesst nicht zu dispellen'. Mein Hund blickt verwundert, aber meine Freundin sitzt erbost daneben: Ein erwachsener Mann hat sie in den letzten drei Stunden völlig ignoriert und nur endlos mit Maus und Shift/Alt/Ctrl geklickt. In puncto Realitätsflucht können es nur wenige Computerspiele mit World of Warcraft (WoW) aufnehmen. Aber, egal wie viel Fun es bringt, nach Nächten wie dieser habe ich beschlossen, WoW aufzugeben und dem realen Leben eine Chance zu geben.

©chanchan222/ Flickr

Weltweite Popularität

Zu „meiner“ Gilde gehörten neben Investmentbankern auch im Irak stationierte US-Soldaten und die spielnotorischen Programmierer.

WoW wird von dem amerikanischen Unternehmen Blizzard Entertainment betrieben, das zum französischen Medienriesen Vivendi gehört. Die Spieler diesseits und jenseits des Atlantiks sind etwa gleich verteilt. Die zurzeit beste „Gilde“ (Spielergruppe) agiert in Europa. Das in elf Sprachen übersetzte WoW hat die Lager gespalten: Was für die Einen das beste Spiel aller Zeiten ist, ist für die Anderen nichts als eine befremdliche und deprimierende Manie. Das Spiel zieht nicht nur Menschen unterschiedlichster Altersgruppen an, wie Teenager, Schulabgänger und Eltern, sondern überwindet auch viele ökonomische Grenzen. Zu „meiner“ Gilde gehörten neben Investmentbankern auch im Irak stationierte US-Soldaten und die spielnotorischen Programmierer. Während es den meisten Spielen schwerfällt, Spieler außerhalb der Kategorie „Männer: 15 - 30 Jahre“ zu rekrutieren, gelingt dies WoW, denn hier besteht ein tieferes Verständnis der Konsumkultur als bei sämtlichen vorhandenen Thinktanks. In einer zukünftigen Werbeaktion, so wird gemunkelt, soll die französische Sängerin Olivia Ruiz dafür sorgen, dass das Videospiel auch bei den Mädels besser ankommt.

WoW funktioniert, indem es bei den Spielern ein permanentes Minderwertigkeitsgefühl erzeugt. Es fällt ihnen schwer, das Spiel zu verlassen, weil sie permanent daran erinnert werden, was sie durch mehr Spielen alles erreichen könnten. Somit erliegen die Spieler ihrem Wunsch nach dem Besitz von Dingen, die niemand außer ihnen im Spiel hat. Sie setzen Wochen ihres Lebens für eine virtuelle Anerkennung ein, nur um damit anzugeben. Ernsthaft: Würden die Entwickler sagen, für eine neue Waffe muss man eine Woche lang jeden Tag drei Stunden im Kreis laufen - die Spieler würden es tun. Bestürzend groß ist die Anzahl an Möglichkeiten, die man innerhalb des Spiels hat. Für die normal arbeitenden Gelegenheitsspieler ist das ein Anreiz, aber die Zielgruppe sind Menschen, die Zeit genug haben, um sich Formeln wie die folgende auszudenken: Rüstung = (467.5 x Mob/npc-Level - 22167.5 ) / ( 100 / %Reduction - 1).

WoW-Abhängigkeit

Am 21. August betrat ein amerikanischer WoW-„Abhängiger“ als erster User das Rehabilitationszentrum, das im Juli in Seattle eröffnet worden war. Dem TIME-Magazine zufolge ist die ‘Internetabhängigkeit’ seit 1983 ein globales Phänomen. Ein Bericht der Deutschen Welle über ein Sommercamp in der norddeutschen Küstenstadt Boltenhagen, nannte für das Jahr 2003 die Zahl von 1 Million Menschen mit Internetabhängigkeit (Internet Addiction Disorder, IAD).

Angesichts der Schäden, die Alkohol oder harte Drogen verursachen, scheint es absurd, den Begriff der Abhängigkeit im Zusammenhang mit einem Videospiel zu verwenden. Zur Schlagzeile wurde das Ganze nur durch den Erfolg von WoW. Offen gesagt: Liegen ein wichtiger Termin oder eine Verabredung an, tritt WoW in den Hintergrund. Allen Einzelfällen zum Trotz gilt für die Mehrheit der Spieler tatsächlich „aus den Augen, aus dem Sinn.“. Anzumerken bleibt auch, dass das einzige europäische Zentrum, das 2006 in Amsterdam eröffnete The Smith & Jones Center, “ den Ausdruck „zwanghaftes Videospielen“ verwendet, nicht „Abhängigkeit.

Mit WoW wird die Freizeit besser genutzt als mit dem Fernsehen, bei dem man nur fern der Realität im Nichtstun schwelgt oder mit all diesen dümmlichen Netzwerken wie Twitter oder den Anwendungen bei Facebook.

Zwei Dinge sind zu erwähnen: Zum einen wird WoW wegen seines reinen Unterhaltungswerts gespielt. Das reale Leben ist für die große Mehrheit grundsätzlich öde, egal ob sie in einem Job stecken, den sie nicht mögen oder die Schule für nutzlos halten (Hallo Chemie, du bist gemeint!). Mit WoW wird die Freizeit besser genutzt als mit dem Fernsehen, bei dem man nur fern der Realität im Nichtstun schwelgt oder mit all diesen dümmlichen Netzwerken wie Twitter oder den Anwendungen bei Facebook. Zum anderen haftet den Videospielen einfach der Makel an, dass jedes erhöhte Maß an spielend verbrachter Zeit als Problem wahrgenommen wird. Hätte ich genauso viel Zeit damit verbracht, Geige zu üben oder zu malen, würde niemand mit der Wimper zucken, obwohl diese Beschäftigungen genauso einsam sind.

Religionsfrei

Durch WoW ist es den Spielern möglich, ihr reales Selbst für ein paar Stunden ruhen zu lassen. Es handelt sich um ein hochgradig weltliches Spiel, ohne alle politischen Untertöne. Im Spiel tauchen zwar Kirchen und Kathedralen auf, doch wird das „Licht“ verehrt, ohne dass Gott in irgendeiner Form erwähnt würde. Beginnt jemand zu beten, so bringen ihn die Mitspieler rasch zum Schweigen: „Bitte lass die Religion aus meinem Hobby.“ Finden in einem Land Wahlen statt, gibt es zwar politische Botschaften von Spielern, die zur Teilnahme drängen. Im Allgemeinen finden aber nur die weltbewegenden Ereignisse Platz im Spiel. Angesichts der Bombenattentate in London im Juli 2005, fragte ein Spieler: „War Blair soulstoned?“ und bezog sich damit auf einen WoW-Zauberspruch, der Tote sofort ins Leben zurückholt. Witzige Kommentare und Schlagfertigkeit sind Grundelemente von WoW und es gibt ein neues, von Spielern zusammengestelltes Lexikon. Das Spiel hat mir das Zusammentreffen mit unglaublich vielen Menschen ermöglicht und eine großartige Zeit beschert - etwas, was die Nicht-Spieler niemals kennen werden.

Werft auch einen Blick auf ‘Outside World of Warcraft Achievements’, eine Webseite, die der Autor kreiert hat, um über WoW hinwegzukommen und den Weg ins reelle Leben zurückzufinden.

World of Warcraft: In Europa erscheint das Magazin ab November 2009 für vier Ausgaben und wird gleichzeitig auf Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch veröffentlicht.