Wojna: "Als russischer Aktivist bin ich mir nicht sicher, ob ich lange leben werde"

Artikel veröffentlicht am 3. Januar 2012
Artikel veröffentlicht am 3. Januar 2012
Der größte Teil der russischen Opposition befindet sich nachwievor außerhalb der Parlamente. Dazu gehört auch die Moskowiter 'Street-Art-Gang'Wojna. Das in den Medien weltweit als 'Shock-Performance-Gruppe', 'Skandalkunst-Truppe' oder 'Guerilla-Künstler' und 'Russlands Robin Hoods' bezeichnete Kollektiv treibt seit 2005 sein Unwesen. Im zweiten Teil des cafebabel.
com-Interviews beschreiben die Jungs und Mädels von Wojna, wie gefährlich es sein kann heute Aktivist in Russland zu sein.

cafebabel.com: Was denkt ihr über das Medienecho auf eure Aktionen?

Koza (Natalia Sokol, Koordinatorin der Gruppe): In den Medien kursieren ein ganze Reihe Mythen über Wojna. Praktisch jede Veröffentlichung besteht zu 30% aus Klatsch und Gerüchten. Und dass, obwohl wir immer erreichbar waren und auch Gespräche mit Journalisten geführt hätten. Es ist einfach so, dass es in Russland keinen aufrichtigen, unabhängigen Journalismus gibt. Der wurde ausgelöscht. Andererseits profitieren wir manchmal von der Desinformation in den Medien. Wenn der Staat versucht, einen strafrechtlich zu verfolgen, ist es nützlich, eine Wolke von Lügen um sich zu haben.

Leo (Leonid Nikolajew, Vorsitzender der Gruppe): Das größte Klischee lautet, wir wären eben einfach reiche Partykids, verdorbene 'jeunesse dorée', deren mächtige Eltern ihnen allen Ärger vom Hals halten. In Wirklichkeit führen wir ein echtes Untergrunddasein und leben das ehrliche Leben der russischen Armen.

cafebabel.com: Was haltet ihr von der aktuellen russischen Politik?

Wor (Oleg Worotnikow, Ideologe der Gruppe, dessen Spitzname auf Russisch „Dieb“ bedeutet, A.d.R.): Aktuell findet in Russland keine Politik statt. Die gesamte so genannte parlamentarische Opposition ist zahm und gelenkt. Die Kommunisten sind schon längst zu Prostituierten geworden, die sich dem System andienen. Die außerparlamentarische Straßenopposition wurde von eben diesen entfernt, weggespült, niedergewalzt, die Aktivisten hinter Gitter gebracht oder physisch vernichtet von der Bereitschaftspolizei und der berüchtigten Polizeiabteilung ‘Center E’. Dies ist die Anti-Extremismus-Abteilung, die die Rolle einer Geheimpolizei zur Unterdrückung politischer Abweichler übernommen hat. Die Liste der Aktivisten und Journalisten, die in Russland getötet, zu Krüppeln gemacht oder eingesperrt wurden, wird immer länger.

Dann gibt es da noch die so genannten Liberalen, eine bürgerliche Bande, die sich selbst zu einem Oppositionsteil ernannt hat. Sie tun nichts anderes, als rumzuhängen und Festivals für ihr eigenes Renommé zu organisieren, alles behördlich zugelassen durch die Verwaltung des Präsidenten. Sie vergnügen sich auf Landsitzen, halten dort ihre Konferenzen ab und nennen das Ganze eine Protestveranstaltung. Sie sind nichts als Modegören, die ihre iPhones umklammern, während sie per Twitter über die Revolution debattieren. Außer für sich selbst interessieren die sich für gar nichts, doch dem Regime kommen sie gut zupass. Jetzt erhebt sich eine Untergrundprotestbewegung von Aktivisten, die sich nicht länger etwas von friedlichem Protest versprechen. Sie sind extrem verschwiegen und haben ernste Absichten. Sie bilden Untergrundeinheiten und Gruppen, die sich dem System mit Gewalt entgegenstemmen wollen. Der friedliche Protest hat sich selbst aufgezehrt.

Penisbrücke und andere 'nackte' Protestaktionen des Kollektivs

Leo: In den Jahren von Putins Herrschaft [2000 - 2008; A.d.R.] hat das Regime friedliche Proteste durch gewalttätiges Durchgreifen bei harmlosen Kundgebungen und durch Prügelattacken und lange Haftstrafen für friedliche Aktivisten in Verruf gebracht. Andererseits haben sich auch die Anhänger des friedlichen Protests lange Zeit selbst diskreditiert. Sie haben dabei versagt, einen Weg zu finden, um ihren Protest wirksam zu machen. Im heutigen Russland gibt es nur einen Weg für eine wahre Opposition: KRIEG, auf Russisch WOJNA.

cafebabel.com: Seht ihr im heutigen Russland auch positive Tendenzen?

Wor: Ja. Die derzeit im Untergrund keimenden Dinge sind unbekannte Aktivisten und nur mit diesen arbeiten wir zusammen. All unsere Gedanken und Taten gehören Russland. Trotzdem bin ich mir gar nicht so sicher, ob Russland eine Zukunft hat. Nur in einem Best-Case-Szenario könnte es als Land fortbestehen, das ohne Menschenopfer auskommt. Das ist die optimistischste Prognose.

cafebabel.com: Welche Künstler bewundert ihr?

Leo: Es bringt nichts, über Künstler zu reden. Unser Kunstgeschmack spielt keine Rolle. Die Kunst hat uns beeinflusst, als wir Studenten waren, sie hat uns mitgeformt, aber sie ist nicht mehr der Mittelpunkt unseres Lebens.

Koza: Kunst kümmert uns nicht mehr. Wir sind Politiker, Kämpfer.

cafebabel.com: Wo seht Ihr euch selbst in zehn Jahren?

Wor: Ich bin nicht sicher, dass ich so lange leben werde. Der Weg eines russischen Aktivisten ist die Tragödie. Sobald man sich an Aktionen beteiligt hat, gehört man nicht länger der Welt an. Man gehört dann zum Aktionismus.

Leo: Ich bin mir sicher, dass sich das Regime an uns verschluckt. Wir sind ungenießbar. Wir sind vergiftete Früchte.

Koza: Im Oktober wurden die kriminalpolizeilichen Ermittlungen gegen Wojna eingestellt. Plötzlich beschließt die Staatsanwaltschaft, sie wieder aufzunehmen. Gegen Wor liegt ein internationaler Haftbefehl vor. Mich sucht die Polizei landesweit. Am 18. Oktober 2011 haben Center-E-Mitarbeiter Kasper und mich von der Straße entführt. Seit November 2010 hat das System darauf hingearbeitet, uns unseren Sohn wegzunehmen. Wir müssen erleben, dass immer mehr Anklagen gegen Wojna-Mitglieder erhoben werden. Unsere Aktivisten in St. Petersburg werden regelmäßig verhaftet und ihre Wohnungen von Polizisten gestürmt, die bei Schein-Hausdurchsuchungen den persönlichen Besitz zerstören. Erst vor ein paar Tagen sind zwei Polizisten in Zivil (höchstwahrscheinlich Center-E-Agenten) in Leos Wohnung in Moskau eingebrochen. Gegen Leo lag zu dem Zeitpunkt nichts vor. Die meisten unserer Mitglieder haben schon ihre Wohnungen aufgegeben und sich in eine Untergrundexistenz geflüchtet.

Wor: Zehn Jahre bedeuten uns nichts. Wir sind Teil der Geschichte.

Lest auch den ersten Teil des Exklusiv-Interviews: Wojnas Weg: "Im heutigen Russland sind aggressive Spießer an der Macht"

Illustrationen: ©Voina/Yandex; (cc)Youtube