Wohnen mit dem Elefant

Artikel veröffentlicht am 27. April 2016
Artikel veröffentlicht am 27. April 2016

Eine Wohngemeinschaft mit geflüchteten Menschen - wie funktioniert das?

Eine E-Mail von einem alten Freund im Postfach. Er hat eine Wohnung für sich und seinen Sohn gesucht und eine 5-Zimmer-Wohnung gefunden. Zwei Zimmer sind noch frei und er möchte sie an Geflüchtete vergeben. Ahmed und sein Bruder Mohammad aus Syrien wohnen seit fast einem Jahr mit Ben, seinem Sohn und Johannes zusammen.

Warum entscheidet sich jemand dafür, dieses Wohnexperiment zu wagen? Zwischen allen Aufgaben, die jede und jeder in dieser Gesellschaft übernehmen kann und muss, habe er sich doch die Rosinen rausgepickt, sagt Ben. „Lageso könnte ich nicht machen.“ Natürlich gäbe es unterschiedliche Auffassungen von Putzen, Kochen, Zusammenleben. Die daraus entstehenden Konflikte könnte man aber auch gut auf die kulturellen Unterschiede schieben.

Viel gewichtiger ist der emotionale Elefant, den Ahmed und Mohammad mit sich herumtragen. Der omnipräsent ist, schwer wiegt und den man doch nicht sehen kann. Ahmed erzählt. Seine Freunde sind im Gefängnis oder wurden erschossen, weil sie nicht in die Armee wollten. Von 50 verhafteten Studenten habe er als Einziger das Gefängnis lebend verlassen, dank der Beziehungen seines Vaters. Niemals hätte er gedacht, dass er Syrien verlassen müsse. Er hätte viel Geld machen können, sich etwas aufbauen können. Seinen Job in der syrischen nationalen Bank, seine Wohnung, sein Studium – all das „verloren“. Ebenso die Träume und Hoffnungen für die eigene Zukunft. Eine Frau finden, eine Familie gründen? „Ich kann nicht daran denken, wie meine Zukunft aussehen könnte“. Alle Gedanken sind bei der Familie. Die Eltern und vier weitere Geschwister sind noch in Al Hassaka. Eine Situation, die ihn ohnmächtig macht - er als der älteste Sohn trägt die Verantwortung für die Familie auf seinen Schultern. Nun überlegt Ahmed, wie er den dritten Bruder nach Deutschland holen kann.

Ben hat sich vorher Gedanken gemacht: Er wollte zwei Geschwister einziehen lassen, denn die hätten sich gegenseitig, könnten sich helfen, die gemeinsame Sprache sprechen. Einen Familienersatz könne die WG nicht bieten, aber das Zusammenleben beinhaltet eben doch mehr. Was ist ebay Kleinanzeigen? Wie kommt man billig an Möbel und Einrichtungsgegenstände? Wo gibt es Initiativen, mit denen sich man vernetzen könnte? Wäre die pensionierte Deutschlehrerin aus dem 2. Stock bereit, den beiden Brüdern Unterricht zu geben?

25 Tage hat es gedauert von Aleppo über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Österreich bis nach München und dann nach Berlin, rekapituliert Ahmed. Geschlafen hat er im Wald, auf der Straße, auf Bänken; sich ausschließlich von Snickers und Wasser ernährt. Die kriminellen Strukturen, die mit der Flucht hunderttausender Menschen viel Geld verdienen - „am Ende hatte ich keine Angst mehr vor denen, keine Gefühle mehr“. Der schlimmste Moment: als türkische Regierungsboote das Boot voller Flüchtlinge kaputt schießen.

Diese Erinnerungen, Ängste und Traumata sitzen mit am Abendbrottisch - ein Versuch, sich regelmäßig zu sehen und auszutauschen. Etwas Normalität zu leben. Es gibt Nudeln mit Tomatensoße und einige Überreste von den Kochkünsten Ahmeds des vorherigen Abends. Das Essen - vermittelt es Heimatgefühle? Ahmed schüttelt lachend den Kopf; für ihn gibt es keine Heimat mehr. „My heart is homeless“.

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Ich bin ein Berliner. Dieser Artikel stammt von unserer Lokalredaktion cafébabel Berlin