Woher stamme ich?

Artikel veröffentlicht am 17. April 2008
Artikel veröffentlicht am 17. April 2008
Man hat mich schon oft gefragt, woher ich komme, ob ich mich als Franzose oder als Spanier fühle. Die Antwort war fast immer dieselbe: Ich bin weder das Eine, noch das Andere, ich habe grundsätzlich nichts gegen (aber auch nichts für) die Katalanen, die Spanier, die Franzosen, noch gegen die Chinesen. Einfach, weil ich nicht alle kenne. Das ist, was man eine Mindestmoral nennen könnte.

Tatsächlich komme ich weder aus einem Land, noch aus einer Region, noch aus einer einzigen Stand; ich mag es, zu sagen, ich sei aus einer Straße, aus einem Haus, aus einem Kino, aus einem Park, aus all den Orten, die ich kennen gelernt habe und die mir etwas bedeutet haben. Ich war mal eher Franzose, Provenzale, um genauer zu sein (so wie man sagt, glücklich oder traurig zu sein), weil ich genau dort den größten Teil meiner Schulferien verbracht habe. Wenn man, wie es Saint-Exupéry behauptet, „aus seiner Kindheit stammt wie aus einem Land“, vielleicht bin ich dann zu einem großen Teil aus Barcelona, obwohl ich in anderen Städten gelebt habe, die mir wichtiger waren.

Ich bin die Summe aus vielen Dingen aus Barcelona. Aus einem riesigen und anspruchsvollen Gymnasium, idyllisch und erstickend wie es die großen Familiensein können, aber zweifelsohne prägend (im Guten wie im Schlechten). Es ist kein Zufall, dass die ehemaligen Schüler es El Cole nennen so wie Andere zu ihrer Zeit von der Partei oder von der Heimat sprachen. Eine kolossale Struktur aus Tentakeln, die einen großen Teil unseres Lebens absorbierte und deren Echo bei vielen von uns noch in den Erinnerungen widerhallt.

Später stellten wir bald fest, dass diese Stadt – da kann man sagen, was man will (und auch, wenn das den einen oder anderen Überempfindlichen jetzt vielleicht ärgert) – auf keinen Fall einen Hinweis auf Föderalismus oder Dezentralisation bietet. Es gibt einen diffusen, veränderlichen, vielfach subjektiven Raum, den wir El Centro nennen und der sich bald in den Ort aller Versammlungen, Treffen, Abendessen oder anderer Feiern verwandelt. Oft ist der Referenzbereich vage und sicherlich gibt es niemanden, der sein exaktes Ausmaß mit Gewissheit benennen kann. El Centro integriert sich auf die Weise in die Liste großer Konzepte wie Zeit und Liebe, die wir nicht definieren können, von denen wir aber sicher sind, zu wissen, was sie sind.

Es ist so wie ein Ort eine Person formt: Mit seinen „vamos a tomar un café“, die alles andere als eine Einladung zum Kaffeetrinken darstellen, seinen Frühlingen, wenn es so aussieht, als sei jeder schon in Ferien, seinen San Juanes, bei denen es besser ist, zu Hause zu bleiben, seinen Bussen, die niemals vorbeifahren ... So also bin ich die Summer der Leute, die ich kennen gelernt habe und der Orte, die mich geprägt haben. Viele der Orte dieser Stadt leben in mir und oft sind sie meine. Ich könnte nie von hier fortgehen, auch wenn ich sehr weit weg gehen würde, und es ist besser so. Wir sollten hinzufügen und nicht ersetzen. Ein Freund von mir ist aufgebrochen, um eine Weltreise zu machen. Bevor er nach China abflog, ging er sich von seinem kleinen Stückchen schmutzigen Touristenstrand verabschieden. Es ist egal, wie dieser Ort ist und wo er sich befindet, mein Freund ist ein stückweit von dort. Aber auch aus vielen anderen Orten, die er noch kennen lernen wird...

Dies ist das zweite europäische Barcelona-Porträt, das die Redaktion seinen Lesern präsentiert. Autor ist der französisch-spanische Journalist Aurélien Le Genissel.

Übersetzung von Ricarda Lynn Otte

Fotorechte: “Mor (bcnbits)”