Wodka-Wars zwischen Polen und Russland

Artikel veröffentlicht am 17. Juli 2012
Artikel veröffentlicht am 17. Juli 2012
Dass die Polen ihre russischen und deutschen Nachbarn nicht besonders mögen, ist längst kein Scoop. Und man möchte glauben, dass die Gründe für diese Spannungen eigentlich in der Vergangenheit liegen. Docvh der ein oder andere Zankapfel ist bis heute präsent: darunter – der Streit über den wahren Erfinder des Wodka.

"Russische Brüder, willkommen in Warschau! Scheißen wir auf Politik. Heute Abend wird Wodka getrunken!" Dieser Slogan war am 12. Juni, kurz vor dem Euro-Spiel Polen-Russland auf einem Banner an der Poniatowski-Brücke in der polnischen Hauptstadt zu lesen. Schade, dass die Politik sich wieder einmal in die Stadien schleichen konnte und es auch in diesem Jahr zu Auseinandersetzungen zwischen den rivalisierenden Fanclubs kommen musste. 

"Mit kommunistischen Symbolen durch die Stadt zu laufen, obwohl es das polnische Gesetz verbietet, ist eben eine Provokation für den Gastgeber“, kommentiert der 21-jährige Mateus, der Fan von KP Legia Warschau ist. "Aber das überrascht mich nicht wirklich von Seiten der Russen.“ Eine bessere Initiative der Völkerverständigung sei dann schon eher 'Drink with a Russian', wie die gleichnamige Facebook-Seite zur Euro 2012 aufforderte. Doch ob Wodka nun das beste Mittel gegen anhaltende Spannungen ist, bleibt eine heikle Frage. Denn das Patent für das berühmte 'Wässerchen' sorgt nach wie vor für heißen Diskussionsstoff auf beiden Seiten. Schonmal von Wodka-Wars gehört?

Neue Gewohnheiten in Polen

Die Polen sind stolz auf ihre lokalen Wodka-Marken, das ist unverkennbar. „Unser Wodka ist auf jeden Fall besserer Qualität als der russische“, vertraut mir Karol Szynkowski, Betreiber der Wodka-Bar in der ehemaligen Koneser-Distillerie im Warschauer Praga-Viertel am rechten Weichselufer an. „Das ist glasklar, unser moderates Klima bringt die besseren Resultate. In Russland ist es einfach zu kalt für gute Qualität.“ Szynkowski und alle anderen Personen, die ich in Warschau treffe, schwören einzig auf polnischen Wodka. Und sie sind mächtig stolz auf die hiesige Produktion.

Karol selbst schwört einzig auf polnischen Wodka - den echten!

Aber auch wenn der polnische Durst nach wie vor mit dem „kleinen Wasser“ gestillt wird – selbst das Warschauer Parlament besitzt eine hauseigene Wodka-Bar – hat die westliche Kultur den Traditionen der Vorfahren einen harten Schlag versetzt. Nur selten trifft man einen Hipster in der Warschauer Innenstadt, der sich einen Wodka nach dem anderen hinter die Binde kippt. Der typische Großstädter hat eher die Beine übereinander geschlagen und nippt gediegen an einem Glas Rosé.

Die polnische Kartografie der Wodka-Trinker illustriert diese Tendenz. In den großen urbanen Zentren haben Wein und Bier das klare Wässerchen Stück für Stück verdrängt und die Trinkgewohnheiten nachhaltig verändert. In den ländlichen Gegenden und Vororten hingegen hält sich der Wodka stabil. Andrzej, einem 21-jährigen Studenten zufolge, sei es „im Warschauer Stadtzentrum um vier Uhr nachts einfacher einen Hotdog als einen eiskalten Wodka aufzutreiben. In den Vororten, zum Beispiel im Stadtteil Praga, ist es genau das Gegenteil.“

Weniger Komasaufen

Büßt der Wodka in Polen also an Beliebtheit ein? Es wäre zu früh, diese Aussage zu treffen. „Aber eins ist sicher“, so Karol, „die Jugend trinkt weniger Klaren und meidet die alten Marken aus der kommunistischen Zeit.“ Auch wenn diese durchaus preiswerter sind.

Trotzdem ist und bleibt der Wodka Stammgast, wenn es in Polen etwas Wichtiges zu feiern gibt. Um sich davon zu überzeugen, muss man nur in eines dieser Bar-Restaurants gehen, die 24 Stunden täglich geöffnet sind, und die Nachtschwärmer beobachten, die sich manchmal bis in die frühen Morgenstunden traditionelle Gerichte servieren lassen – gekrönt von einer gehörige Portion Wodka, selbstredend.

Hier kann man Tag und Nacht Wodka-Shots trinken.

Trotzdem sinke der Wodka-Konsum zunehmend, bestätigt eine lächelnde Elzbieta Kossakowska, die das Warschauer S.O.d.O.N. leitet, eine öffentliche Klinik für Suchtpatienten. „Seit einigen Jahren sind die meisten Einlieferungen, die auf Alkoholmissbrauch zurückgehen, eher auf Wein und Bier zurückzuführen.“ Laut den Statistiken der Klinik seien im letzten Jahr auch 3000 Patienten weniger eingeliefert worden. Aber ob dieser Abwärtstrend auch eine Verringerung der Risiken aufgrund von Alkoholismus bedeutet?

Russland – Väterchen Wodka

Regisseur des Films 'Vodka factory'Scheinbar schon, bestätigt der Russlandexperte Jerry Sladkowski. In seinem Dokumentarfilm Vodka Factory beschreibt der polnische Regisseur den tristen Alltag russischer Frauen, die von ihren Alkoholiker-Männern geschlagen oder verlassen werden. Er bewundere und verachte das russische Volk gleichzeitig, sagt er. Doch in puncto Wodka spricht er Klartext: „Wodka ist so ziemlich überall in Russland zu Hause.“ Zumindest mehr als in Polen: „Trinken gehört zur russischen Lebensart, es ist Teil seiner Natur… Die Russen sind nicht mehr im Einklang mit dem Rest der Welt. Und die Nostalgie, die sie zum exzessiven Trinken treibt, ist die Veräußerlichung dieser Kondition. Dieser Wille, sich der Vergangenheit zuzuwenden, drückt das bittere Bewusstsein über die Realität aus: die eines Volkes, das es nicht mehr vermag, auf den Bühnen der Welt mitzuspielen.“

„Wenn du in Russland zu dritt ins Restaurant gehst, werden ziemlich automatisch drei Flaschen Wodka serviert.“ Selbst Sladkowski, der ja eigentlich Pole ist, versichert: „Wir müssen uns nichts vormachen. Der russische Wodka ist der beste!“ Plötzlich beschleicht mich das ungute Gefühl, dass meine Suche zu einem abrupten Ende gekommen ist. Die Kritiker werden es bedauern und die Verfechter Schadenfreude empfinden: Russland scheint die wahrhaftige Heimat des Wodka zu sein.

Doch um herauszufinden, was nun wirklich Sache ist, wollte ich selber eine wirkliche Wodka-Erfahrung machen. Deshalb und aufgrund eines schrecklichen Kopfwehs, hatte ich nicht die Möglichkeit, den Historiker und Wodka-Experten Andrzej Trześniewski am nächsten Morgen persönlich zu treffen.

Nasdrowje!

Die Frage ist jedoch immer noch offen – deshalb schicke ich sie nochmal per E-Mail: Professor, wer hat denn nun tatsächlich den Wodka erfunden? Die Antwort des Experten: „Die Technik der Destillation von Getreide wurde im 12. Jahrhundert perfektioniert. Diese Methode kommt mit hoher Sicherheit weder aus Russland noch aus Polen, aus dem guten Grund, dass diese beiden Länder zu diesem Zeitpunkt noch nicht entwickelt genug waren, um diese Technik zu beherrschen.“ Es gibt also keine Gewinner und Verlierer.

Der einzige Unterschied zwischen beiden Nationen: Während die Wodka-Herstellung in Polen exklusiv über die aristokratischen Gutsherren lief, wurde das Wodka-Monopol in Russland in die Hände des Staates gegeben, der in dessen Weiterentwicklung investiert und die Perfektionierung und Erzeugung des Wodka einem gewissen Dmitri Ivanovich Mendeleev übertrug. Ebendieser hat es dem Zarenimperium ermöglicht, aus Wodka eines der berühmtesten russischen Exportgüter zu machen.

Die meist verkauften Wodkas in der Welt sind jedoch weder polnisch noch russisch, obwohl aus beiden Ländern die wohl besten Wässerchen kommen. Aber ich verstehe nun besser, warum man hier und da immer wieder Lust hat ein Glas (zu viel) zu heben. Nasdrowje! 

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe MULTIKULTI on the ground 2011/ 2012. Vielen Dank an das cafebabel.comLocalteam in Warschau.

Illustrationen: Teaserbild (cc)nick_rock/flickr; Alle Fotos im Text: ©Eric Lluent; Video "Wodka wars" (cc)VbSdotTv/YouTube, (cc)muskular27/YouTube, "Vodka factory" (cc)Hotdocfest/YouTube