Wo ist der wahre Popstar meiner Generation?

Artikel veröffentlicht am 24. September 2014
Artikel veröffentlicht am 24. September 2014

1969 tauchte David Bowie wie ein exotischer Vogel in der Mainstrem-Musik auf und breitete seine funkelnden Flügel über das Grau der anderen Täubchen aus. Er keierte einen intelektuellen Pop, erfand seine eigene Sprache und beugte sich keinen Geschlechterrollen. Und damit schockte er das konservative Britannien

Popmusik ist so groß wie nie. So wie in David Bowies Hochphase rasten die Fans noch immer aus, fallen Mädchen immer noch in Ohnmacht und stalken die Stalker noch immer. Es scheint, als bräuchten die Menschen jemanden, den sie verehren können. Aber ist unsere Unterwürfigkeit gegenüber den Popstars es überhaupt wert? Es ist doch so, während Bowie außergewöhnliche Geschichten von sentimentalen Totengräbern,  Angreifern aus dem All und von utopischen Träumen erzählte, während sein kreativer Geist den postmodernen Zustand reflektierte, besingt heute die Mainstream-Musik ihre Zuhörer mit Texten von Preisschildern, Faceboochats und Märchenliebe - was Justin Bieber zu verdanken ist. Mainstream-Musik fühlt sich an wie Plastik, ohne Tiefe und ohne Kanten - ein Mitglied von One Direction hat sich vor kurzem aufrichtig für sein Kiffen entschuldigt, um Gottes Willen, und Beyonce is(s)t nun vegan - wo sind da die Macken? Bringt mir bitte jemand einen abgemagerten und mit Kokain zugepumpten Ziggy Stardust!

David Bowie hier als Ziggy Stardust performt seinen Kulthit "Starman" (1972)

Vielleicht ist es unfair, einen Bowie mit einem Bieber und der ganzen Bande zu vergleichen, denn trotz unserer persönlichen Interessen gibt es in all diesem Müll heutzutage auch eine Fülle von richtig guter Musik. Unsere Generation kann die Vorteile des Internets nutzen und weltwelt Talente und Vorsprünge in elekronischer Musik zu entdecken. Bands wie Foxygen und Unknown Mortal Orchestra haben den Mainstream schon mit schönenen psychedelischen Melodien und faszinierenden, gegenwärtigen Texten durchbrochen. Mit ihrem 60er Jahre Stil sind sie eine willkommende Exkursion zu den Indie-Hits, aber man braucht nicht lange, bis man merkt, dass sie sich das bei Bands wie The Velvet Underground oder The Kinks abgeschaut haben.

Hört man Foxygens Album We Are The 21st Century Ambassadors of Peace & Magic und dann The Kinks mit Are the Village Green Preservation Society, fällt auf, dass die Jungs von Foxygen einfach nur eine Hommage-Band an die Kinks mit Instragramfilter sind. Wiedergekäute Melodien gepaart mit Kaftan und Blumen im Haar lassen mich fragen: Verkleiden wir die alten Stücke als neue, weil wir keine Musik mehr haben? Es gibt sicherlich mehr Musik als je zuvor, aber der Punkt ist doch, dass keine uns in so beeindruckt, wie einst Bowie es tat. So wie unsere Mütter und Väter es vor uns gemacht haben, will ich meine Unterhöschen auf die Bühne werfen und vor Hochgefühl kollabieren! Aber ich fühle die Euphorie nicht, weil Mainstream-Musik sich entweder synthetisch oder wiederholt anfühlt. 

PR-Boybands vs. Frauen mit Bart

Vielleicht ist es unser Problem - wir haben das schon alles mal gesehen. Wir haben Popstarts in allen Formen und Verkleidungen - von PR-Boybands hin zu Frauen mit Bart und bizarren Fleischkostümen. Wir konsumieren so viel Musik und schillernde Bilder, dass es selten geworden ist, dass jemand für die Texte oder Aussage seiner Musik einsteht. Im Gegensatz dazu hatte Bowie den Vorteil vor dem Hintergrund eines konervativen Englands zu erscheinen, wo Bands wie The Beatles, die, obwohl sie radikal waren, den heterosexuellen Pop-Traum wiederspiegelten. Ein Feature der BBC über Bowie aus den 70er Jahren zeigt den Tulmult, den er versursachte - er sei ein bizarrer, selbstkonstruierter Freak, der den intimen Umgang mit Männern und Frauen genießt... dabei nutz er Background-Musiker mit (Gott, vergib!) Yorkshire-Akkzent."

The Kinks, We are the Village Green Preservation Society, 1972. 

Der Moderator schaut in die  Zukunft, quält sich die Worte was wird die Musikwelt als nächstes ausspucken, wenn David Bowie nicht mehr verrückt genug ist, uns zu schockieren?" von den Lippen. Er hatte gutes Recht, beunruhig zu sein, doch was er nicht bemerkte, Bowie hat die Menschen aus wichtigem Grund schockiert - er öffnete ihre Köpfe für die sexuelle Befreiung, für die Herausforderung der Werbung und förderte die kreative Freiheit. Heutzutage schockieren uns Popstars noch immer, doch nur weil Justin Bieber sich einen Affen zulegt oder Miley Cyrus nicht aufhören kann zu twerken, öffnet das unseren Verstand nicht sonderlich. 

Macht uns Popmusik dumm?

Mainstream-Musik fühlt sich abgestanden an, es wirkt wie einmal durch die Plattenfirmen gesiebt und dann in den Zahnrädern der Geldmachmaschine hängengeblieben. Meine Generation wird oft fälschlicherweise als abgestumpft für alles Wichtige beschimpft und leider spiegelt die Mainstream-Musik genau das wieder. Bowie nutze die Macht der Musik für soziale Veränderungen und öffnete unseren Augen für Neues. Vermutlich könnte die heutige Musik das auch, wenn es weniger zählen würde, was sich gut verkauft. Während wir die Charthits laut mitsingen, macht die Popmusik uns dumm? 

David Bowie, Life on Mars, 1973.