Wo ist der Bob Dylan unserer Generation?

Artikel veröffentlicht am 10. Januar 2017
Artikel veröffentlicht am 10. Januar 2017

[Kommentar] Facepalm und ein weltweiter Seufzer der Verzweiflung – so blicken wir auf das Jahr 2016 zurück. Statt über Reform und Revolution zu singen, hat sich unsere Generation für Internetmemes und Parodien als Bewältigungsmecha-nismen entschieden. Warum entfernen wir uns immer weiter von der traditionellen Protestmusik? 

2016 nahmen wir Abschied von Prince, David Bowie und Leonard Cohen - sie alle haben der Musikwelt ein großes Erbe hinterlassen. Wir haben auch erlebt, wie der Nobelpreis für Literatur für sein lyrisches Genie und sein Wirken an Bob Dylan verliehen wurde. Obwohl ihre Musik die Charts der späten 60er und der 70er Jahren dominiert hat, zehrt auch unsere Generation noch aus der Inspiration dieser musikalischen Ikonen.

Protestlieder und politische Musik waren das Yang des Yin der 1960er Jahre. Gegenkulturbewegungen schmückten die Welt mit einer augenscheinlich gemeinsamen Stimme. Bürgerrechte, Antikriegsstimmung und Feminismus wurden zur Rhetorik der Welt.

Das Jahr 2016 war geprägt von politischer Instabilität, allgegenwärtigen Terroranschlägen und dem Kampf um Rechte, die eigentlich in Stein gemeißelt sein sollten. Wenn uns die Geschichte lehrt, dass die Welt eine gemeinsame Stimme in der Musik finden kann, wo ist dann der Bob Dylan unserer Generation?

Als ich Teenager war, ließ sich meine Unzufriedenheit mit der Welt, mit Autoritätspersonen und dem Patriarchat im Allgemeinen am besten durch Musik ausdrücken, die nicht einmal die Musik meiner Generation war – sondern die meiner Eltern. Ich konnte mich mit Buffalo Springfields For What It's Worth identifizieren, mit dem The Clash-Cover Police and Thieves und mit Bob Dylans Subterranean Homesick Blues, hatte aber nichts mit Shakira, Pitbull oder Jason Derulo gemeinsam. Und obwohl mich Eminem und seine Darstellung des weißen Amerika zugegebenermaßen faszinierte, und ich mich von der Art, wie Lil'Kim offen über die weibliche Sexualität rappte und die Klitoris entmystifizierte, bestärkt fühlte, fand ich, dass es ihrer Musik an Universalität fehlte – an der Fähigkeit, Grenzen zu überschreiten. Obwohl 2016 (und unsere Generation generell) Formen der politischen Musik erlebt hat, scheint sie weniger wirksam als früher. 

Borders von M.I.A. wurde zwar schon Ende 2015 veröffentlicht, dreht sich aber um ein Thema, das auch im Jahr 2016 noch äußerst relevant war: die europäische Flüchtlingskrise. Vielleicht ist es naiv, Parallelen zwischen diesem Song und denenziehen zu wollen, die ich erwähnt habe - aber dieser Vergleich zeigt deutlich, wie verschwommen unsere Definition politischer Musik geworden ist. Das Stück hat einen eingängigen Beat und M.I.A. wiederholt die Frage „What's up with that?“ („Was ist eigentlich damit?“), um das Unbehagen unserer heutigen Gesellschaft in Bezug auf „Politik“, „Identitäten“ und sogar der „Wahrheit“ aufzuzeigen. Ich respektiere M.I.A. und ihr aktives Mitwirken dafür, Bewusstsein für die Flüchtlingsfrage zu schaffen; aber wenn ich Künstler und Kunst trenne, bleibt nichts als ein übermäßig simpler Text und ein eingängiger Beat.

Unsere Beziehung zu politischer Musik hat sich zweifellos geändert. Ob zum besseren oder schlechteren ist schwer zu sagen, denn anscheinend haben sich neue Medienformen durchgesetzt, um unsere Unzufriedenheit auszudrücken. Natürlich hat die Einführung von Streamingdiensten und Kanälen wie Spotify oder Youtube unsere Beziehung zum Radio abgeschwächt. Dies könnte einer der Gründe dafür sein, weshalb wir die Universalität von Protestliedern verloren haben. Mit dem Aufstieg der sozialen Netzwerke kam auch ein Schwall von Parodiesongs und Memes. Anstatt uns mit globalen sozialen Bewegungen zu befassen, neigen wir dazu, uns auf Eilmeldungen zu fokussieren und beeilen uns, den besten Weg zu finden, fragwürdige Politiker zu verspotten. Wir singen nicht über Reformen, wir lachen darüber, wie beschissen die Welt ist.

Traurig, dass ich in einem Jahr der globalen Desaster noch Bob Dylan hören muss, um ein Gefühl der Einheit zu spüren und Motivation für Revolution und Reform zu finden. Ich halte an Jimi Hendrix' berühmten Zitat fest: „When the power of love overcomes the love of power the world will know peace." („Wenn die Macht der Liebe die Liebe zur Macht überwindet, wird die Welt Frieden finden.“)

2016: Das beschissenste Jahr überhaupt. Und alles, was wir getan, war uns zu beschweren.