Wo Intoleranz auf Intoleranz trifft

Artikel veröffentlicht am 5. Juni 2007
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Artikel veröffentlicht am 5. Juni 2007
„Wir haben abgeschworen“ – Ende Februar haben sich vierzig Ex-Muslime öffentlich zum Atheismus bekannt und den Zentralrat der Ex-Muslime gegründet. Mina Ahadi, Vorsitzende dieses Vereins, hat sich als mutige Vorkämpferin für Frauenrechte einen Namen gemacht. Doch ihre Ansichten lassen die von ihr geforderte Toleranz vermissen.

Der Islam sei grundsätzlich menschen- und frauenfeindlich und nicht reformierbar, erklärte die Frauenrechtlerin Mina Ahadi kürzlich in einem Interview. Die Exiliranerin warnte vor falscher Toleranz gegenüber Islamisten, die Mädchen und Frauen das Tragen des Kopftuchs, die Teilnahme am Schwimmunterricht oder den Besuch einer Disko verbieten wollen. Viel zu oft werde dies als Teil der kulturellen Eigenheiten der Muslime betrachtet, die man respektieren müsse. Doch letztlich führe Toleranz gegenüber der Intoleranz zur Duldung von Zwangsehen und Ehrenmorden, erklärte die 51-Jährige, die seit vielen Jahren in Köln lebt. Die streitbare Frau wehrt sich dagegen, dass islamische Verbände in ihrem Namen sprechen. Im Februar hat sie daher den Zentralrat der Ex-Muslime gegründet, der sich als Vertretung all jener versteht, die vom Islam abgefallen sind.

Die Gründung des Vereins, der sich nicht nur in seiner Namensgebung als Gegenstück zum Zentralrat der Muslime versteht, ist in der deutschen Öffentlichkeit auf einiges Interesse gestoßen. Tatsächlich ist Ahadis Forderung nach religiöser Selbstbestimmung ein wichtiges Anliegen, da im Islam der Abfall vom Glauben – zumindest einer strengen Auslegung des Korans nach – mit dem Tode bestraft wird. Die Aktualität ihres Einsatzes wurde prompt bestätigt, als sie mehrere Morddrohungen erhielt und seitdem unter Polizeischutz leben muss. Auch ihre zweite Forderung nach einer differenzierteren Betrachtung der Migranten, die Türken, Iraner oder Araber nicht auf ihre religiöse Herkunft reduziert, ist durchaus richtig. Schließlich glaubt nicht jeder, der als Muslim geboren wird, an Allah.

Doch so richtig im Prinzip ihr Anliegen ist, so fraglich sind ihre Ansichten im Einzelnen. Denn wer den Islam für Zwangsehen, Ehrenmorde und Genitalverstümmelung verantwortlich macht, verkennt die Ursachen solcher Traditionen und erschwert eine Lösung. Schließlich werden solche Traditionen zwar religiös legitimiert, sind jedoch weniger im Koran, als in Wertvorstellungen nicht-islamischen Ursprungs begründet. Das patriarchale Familienbild, das ihnen zugrunde liegt, ist keineswegs auf den Islam beschränkt. Um es aufzubrechen, wäre es sinnvoller, es von seiner religiösen Legitimation zu trennen. Auch ihre Behauptung, der Islam sei nicht reformierbar, verkennt die Wandelbarkeit und Vielfalt des Islam. Ahadis Blick ist durch ihre Erfahrung im Iran geprägt, den sie wegen ihres politischen Einsatzes hat verlassen müssen. Doch das islamistische Regime im Iran ist keineswegs repräsentativ für den Islam.

Zwar ist der Islam, wie andere Religion auch, immer wieder zur Legitimation von Politik, Gewalt und Unterdrückung verwendet worden, doch es gibt in Geschichte und Gegenwart genügend Beispiele, dass eine friedliche, tolerante Auslegung möglich ist, die die politische Ordnung akzeptiert und offen für die gesellschaftliche Entwicklung ist. Ahadi reduziert den Islam auf ein Zerrbild, das der Komplexität dieser Religion nicht gerecht wird. Ihre Forderung nach Abschaffung des Islam, die angesichts seiner unterstellten Reformunfähigkeit als einzige Lösung bleibt, geht an der gesellschaftlichen Realität völlig vorbei. Letztlich ist Ahadis Versuch, anderen ihren Glauben zu verbieten, ebenso intolerant wie der von ihr zurecht kritisierte Glaube mancher Islamisten: Das Recht nicht zu glauben, impliziert nicht, anderen seinen Nicht-Glauben aufzwingen zu können.