WM in Brasilien: Generation Playstation, go Home!

Artikel veröffentlicht am 20. Juni 2014
Artikel veröffentlicht am 20. Juni 2014

Die Spieler, die im Moment in Brasilien auf dem Platz ins Schwitzen kommen, gehören der „Generation Playstation“ an. Im Taktik versessenen Fußballgeschäft gleichen sich die Spieler immer weiter ihren virtuellen Zwillingen auf der Playstation-Konsole an. Videospiele werden immer realitätsnaher. Oder wird der Fußball zum Videospiel?

Will man heute seine Ver­eh­rung für einen Fuß­bal­ler wie Lio­nel Messi aus­drü­cken, sagt man am bes­ten: „wie auf der Play­sta­ti­on". Ver­ständ­li­cher­wei­se spie­len Pro­fi-Ki­cker sich ab­seits des Plat­zes des­halb am liebs­ten sel­ber auf ihrer Kon­so­le. Man­che Spie­ler glau­ben sogar, dass aus­gie­bi­ges dad­deln die Er­folgs­chan­cen auf dem Platz er­höht. 

Mit dem ers­ten Blick auf den Bild­schirm ist heute nicht mehr zu un­ter­schei­den, ob es sich um eine Si­mu­la­ti­on oder die Über­tra­gung der WM aus Bra­si­li­en han­delt. Das Mi­nen­spiel und die Be­we­gun­gen der welt­be­kann­ten Stars wur­den in­zwi­schen so rea­lis­tisch vom FI­FA-Vi­deo­spiel des Her­stel­lers EA ein­ge­fan­gen, dass man die Ori­gi­na­le manch­mal für „un­rea­lis­tisch“ hält. Ist die heu­ti­ge Spiel­er­ge­ne­ra­ti­on nun ihr ei­ge­ner Ava­tar?

Alb­traum­ma­schi­ne Nike

Der Sport­ar­ti­kel­her­stel­ler Nike hat neu­lich einen ver­blüf­fen­den Wer­be­spot zur WM ver­öf­fent­licht. Zur Ret­tung des Fuß­balls tre­ten darin Cris­tia­no Ro­nal­do, Ney­mar, Inies­ta und Co. gegen die Klone von Per­fect Inc. an, die „nichts ris­kie­ren“ (im Ge­gen­satz zu den Ni­ke-Fuß­bal­lern, die „alles ris­kie­ren“). Der Deal: Wenn die Ori­gi­na­le gegen die Klone ver­lie­ren, dann ver­si­chern die Ori­gi­na­le nie wie­der Fuß­ball zu spie­len. In einem dra­ma­ti­schen Match kön­nen sich letzt­end­lich die Ori­gi­na­le gegen die Klone durch­set­zen. Der über­mäch­ti­ge Strip­pen­zie­her der Klone in Steve Bus­ce­mi Optik ist ent­setzt. Das Ganze wäre eine schö­ne Ge­schich­te mit Happy End, wenn nicht Nike selbst mit ihrer Mar­ke­ting­ma­schi­ne­rie aktiv dazu bei­tra­gen würde, dass Fuß­bal­ler zu vir­tu­el­len Wesen wer­den. Der ame­ri­ka­ni­sche Her­stel­ler tauf­te den Por­tu­gie­sen Cris­tia­no Ro­nal­do zu „CR7“ um – das klingt nach R2D2 von Star Wars. In der Pra­xis baut Nike die Klone selbst, statt sie zu be­sie­gen.

Nike greift an­geb­lich auch als un­sicht­ba­re Hand in die Auf­stel­lun­gen, der von ihnen ge­spon­ser­ten Mann­schaf­ten ein. Die Ge­rüch­te darum, dass sie ihre Wer­be-Iko­nen gegen den Wil­len der Trai­ner auf den Platz schi­cken, hal­ten sich hart­nä­ckig. Wer war noch­mal der Strip­pen­zie­her?

Nike Wer­be­vi­deo: The Last Game

In Pla­tons Höhle

Zu­rück nach Bra­si­li­en: Im Er­öff­nungs­spiel zwi­schen dem Gast­ge­ber und Kroa­ti­en in Sao Paulo konn­ten wir un­se­ren bier­ge­trüb­ten Augen nicht trau­en. Sind das die ech­ten Spie­ler, die sich da nach einem Foul in Su­per-Slow-Mo­ti­on beim Schieds­rich­ter be­schwe­rend auf dem Boden wäl­zen? Man muss­te einen stren­gen zwei­ten Blick auf das Ge­sche­hen wer­fen, um zu ver­ste­hen, dass es sich dabei wahr­schein­lich um die von uns er­war­te­ten Her­ren aus Fleisch und Blut han­deln muss­te. Die Spie­ler wur­den uns aus allen er­denk­li­chen Ka­mer­a­per­spek­ti­ven ge­zeigt: So groß haben sich die Ge­sicht­spo­ren der Spie­ler noch nicht ein­mal ihren Le­bens­part­nern vor­her dar­ge­stellt. Die Fuß­ball­über­tra­gung ist so hy­per­rea­lis­tisch, dass reale Spie­le vir­tu­ell wir­ken. 

Be­fin­den wir uns viel­leicht alle ge­fes­selt in Pla­tons Fuß­ball-Höh­le? So star­ren wir alle auf die Schat­ten der vir­tu­el­len Fuß­ball­plät­ze, die wir für das wahre Spiel hal­ten. Die Idee des Fuß­balls wird wohl nur noch auf Aschen­plät­zen, an Strän­den und Fuß­ball­kä­fi­gen ab­seits der gro­ßen Sta­di­en be­wahrt. Doch halt.

Spa­ni­en, danke fürs Schei­tern!

Der Welt­meis­ter Spa­ni­en hat uns mit ihrem Schei­tern bei der WM von un­se­ren Fes­seln be­freit. Die Mann­schaft, die zu­letzt zwei­mal in Folge Eu­ro­pa- und ein­mal Welt­meis­ter wurde, hatte den Fuß­ball me­cha­ni­siert und wurde zum In­be­griff des Ball­staf­fet­ten-Per­fek­tio­nis­mus. Wer sich ein Spiel der spa­ni­schen Na­tio­nal­mann­schaft in den letz­ten Jah­ren ansah, konn­te den Ein­druck einer Klon-Mann­schaft be­kom­men. Kühl lie­ßen sie den Ball durch die ei­ge­nen Rei­hen lau­fen, bis sich eine Lücke auf­tat. Das Spiel wurde mehr zur Wis­sen­schaft und die Mann­schaft um­weh­te ein kli­ni­scher Hauch. Für ihren letz­ten Welt­meis­ter­ti­tel be­nö­tig­ten sie ge­ra­de ein­mal acht Tref­fer in sie­ben Spie­len. Mehr Ef­fi­zi­enz geht nicht.

In­ner­halb von nur zwei Spie­len hat sich das Blatt ge­wen­det. Spa­ni­ens Team wurde von den Nie­der­lan­den und Chile ent­zau­bert und muss un­er­war­tet früh in den Ur­laub fah­ren. Der Fall Spa­ni­ens ließe sich wohl gar nicht schö­ner si­mu­lie­ren: Der Un­ter­gang eines Gi­gan­ten und der un­er­war­te­te Sie­ges­tau­mel der Un­der­dogs. Nie­mand möch­te dau­er­haft den Strom­li­ni­en-Fuß­ball sehen, der uns in der Ni­ke-Wer­bung vor­ge­spielt wird. Un­vor­her­seh­ba­re Mo­men­te und die Sie­ges­trun­ken­heit der Her­aus­for­de­rer: die­ses Recht des Schwä­che­ren kennt die vir­tu­el­le Fuß­ball­ma­schi­ne­rie nicht. Zeit die Play­sta­ti­on auf den Dach­bo­den zu stel­len.