Wladimir Kaminer: 'Es ist mir vollkommen egal, als Modell-Russe zu gelten'

Artikel veröffentlicht am 9. August 2007
Artikel veröffentlicht am 9. August 2007

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40-jähriger Autor und Berliner Nachtfalter: der vor Energie sprudelnde Russe, Wladimir Kaminer, versteht es, das Fantasiegebäude Ostalgie zu erfassen und gleichzeitig zu dekonstruieren.

"Eine Kindheit in der Ex-UdSSR genügt, um den Unbedeutenden in einen Schriftsteller zu verwandeln", so Wladimir Kaminer. Mit seinem Katzenblick ist Kaminer nicht weit von den sieben Leben entfernt: sowohl beliebter Schriftsteller, Medienstar und Ikone der alternativen Berliner Szene als auch Organisator hipper Soireen und Anwärter auf den Posten des Berliner Bürgermeisters. Der Alleskönner, der sich damit verteidigt nicht so ernst genommen werden zu wollen, schreibt auf Deutsch und lebt im Herzen des Berliner Szeneviertels Prenzlauer Berg. Seinem Ruf als "Mann der Presse" entsprechend, schwingt er regelmäßig seine Schreibfeder für die Kolumnen der nationalen Presse. Ein Modell gelungener Integration? "Es ist mir vollkommen egal, als Modell-Russe zu gelten", erwidert er genervt. "Dieses Prädikat entstammt einem journalistischen Hirngespinst."

Die sowjetische Kanaille

1967 in Moskau als Sohn einer russisch-jüdischen Familie geboren, studierte er zunächst Theaterwissenschaften. "Die Tatsache einer Minderheit anzugehören, brachte auch einige Vergünstigungen in der UDSSR mit sich: dank des Quotensystems wurde ich leichter in Theaterkurse aufgenommen als Andere." Nach einer brillanten Karriere als "sozialer Parasit" entscheidet der Lebemann, einen neuen Weg einzuschlagen. Die UDSSR befand sich 1990 mitten in der Perestroika. Das sowjetische System war in der Auflösung begriffen. Das Regime wackelte. Viele von Kaminers Landsleuten nutzen die neu gewonnene Freiheit, um ihre Koffer zu packen: Pässe oder Visa brauchten sie nicht, um zu türmen.

Kaminer geht nach Deutschland: Berlin. "Nicht ich bin gegangen, sondern Russland hat mich verlassen", sagt er mit einem Augenzwinkern. Nach dem Fall der Mauer, boten die Reliquien der DDR dem Künstler ein unberührtes Terrain, das jahrzehntelang unterdrückten Künstlern plötzlich die Möglichkeit bot, ihrer Kreativität Ausdruck zu verleihen. Ständiges Improvisieren, ein Tanz mit den Ruinen: Alles musste neu aufgebaut und erfunden werden. "Das Leben ist ein Witz, aber niemand kann darüber lachen", fällt Wladimir Kaminer zu dieser Zeit noch ein.

Es vergehen knappe 10 Berliner Jahre, bis der dreißigjährige Kaminer, der mit seiner Frau Olga und seinen zwei Kindern in der Hauptstadt lebt, sich als Schriftsteller versucht. Er nimmt an öffentlichen Lesungen teil, schreibt nach und nach selbst. "Am Anfang konnte ich die deutsche Sprache natürlich nicht besonders gut, aber ich habe es schon immer gemocht, Geschichten zu erzählen."

2001 wird sein erster Roman Militärmusik, der die Wirrungen eines Kindes während der Sowjetzeit beschreibt, veröffentlicht. Militärmusik ist in gewisser Weise die Vorgeschichte zu Kaminers Erzählsammlung Russendisko>, die im Jahr zuvor erschienen war. Der Stil des Autors schlägt wie ein Blitz ein: stilistische Strenge charakterisiert die Mischung aus autobiographischen Elementen und surrealistischen Akzenten. "Ich glaube, dass mein Erfolg als Schriftsteller nicht von meiner Herkunft abhängig ist, sondern von der literarischen Qualität meiner Werke", verteidigt sich der Autor. "Ich versuche die Menschen zu verstehen. Die Leser fühlen, dass ich absolut aufrichtig bin, in dem, was ich schreibe. Nicht etwa so, wie viele französische Autoren, die Gefühle nur vortäuschen."

Ein Opportunist der Ostalgie

Wladimir Kaminer scheint das momentane Ostalgie-Revival zu überraschen. Andererseits organisiert der hippe Autor und Hobby-DJ seit nunmehr 6 Jahren die so genannte "Russendisko" zweimal im Monat im Kaffee Burger. An diesen Abenden sozialistischer Folklore trifft östlicher Pop auf russische Polka und Marschmusik. "Am Anfang wollten wir lediglich eine alternative, ein wenig nostalgische Party für Gleichgesinnte veranstalten", erinnert sich Kaminer. Aber die "Russendisko" hat sich zu einem der hippesten Berliner Treffpunkte für Nachtschwärmer gemausert und "verlor im gleichen Atemzug ihr Underground-Flair". "Es ist schon komisch feststellen zu müssen, wie wenig die Menschen über unser Leben Bescheid wussten. Wir wussten mehr über den Westen, als er über uns", betont der Autor.

Fürchtet er nicht mit seinen pittoresken und sarkastischen Erzählungen über das Verhängnis der sowjetischen Union letztendlich ein positives Bild des Kommunismus' zu zeichnen? "Man sollte Leid weder übertreiben, noch herunterspielen", lautet die sibyllinische Antwort Kaminers. Dann dieser Satz: "Die Welt sollte die Füße der Russen küssen, da sie der Welt bewiesen haben, dass ihre Ideologie zum Scheitern verurteilt ist. Sie haben wirklichen Heroismus bewiesen."

Hinter der ungezwungenen Fassade versteckt sich dann aber doch der russische Einwanderer, der sein politisches Engagement nur schwer verbergen kann. "Es ist selbstverständlich, sich in der Politik zu engagieren und sie zu bekämpfen. Andernfalls wird sie träge. Meine komplette literarische Arbeit ist das Resultat eines politischen Reifeprozesses." Der G8-Gipfel erschien dem Autor streckenweise wie ein Kindergarten ohne Aufsicht. Bezüglich seiner russischen Herkunft beteuert er, dass "das Land es nicht vermocht hat, das Wirtschaftliche vom Politischen zu trennen. Nachdem die Oligarchen alles aufgekauft hatten, wollten sie auch die politische Macht an sich reißen, den Staat kaufen. Das einzige Mittel, die staatlichen Institutionen zu retten, wäre es wieder auf den KGB zurückzugreifen. Genau das macht Putin, ohne dabei auch nur einen einzigen Blutstropfen zu vergießen."

Europa bleibt für Kaminer eine "Leidenschaft". "Ich habe es sicher verpasst, an der Zerschlagung der UDSSR aktiv mitzuwirken", so der Autor, "aber ich fahre auf EU-Kurs." Die Zukunft ist eine vage Geschichte, aber die Projekte der Europäischen Union scheinen mir doch wegweisender als beispielsweise die Diktatur in Turkmenistan. Ich möchte keine positiven Überraschungen beim Aufbau von Europa ausschließen. Der Optimismus ist eine Staatsideologie. Oder aber eine Ideologie für Dumme."