Wirtschaftswachstum: Warschau kratzt an den Wolken

Artikel veröffentlicht am 13. Dezember 2011
Artikel veröffentlicht am 13. Dezember 2011
Warschaus Verwandlung ist 2011 nicht mehr zu übersehen. Die Stadt schießt im Raketentempo in den Himmel. Eine deutsche Studentin steigt für cafebabel.com in die Zeitmaschine.

Als ich 2005, ein Jahr nach der EU-Osterweiterung zum ersten Mal nach Polen fuhr und sich der Berlin-Warszawa-Express der Hauptstadt näherte, war da ein merkwürdiger Turm, der aus dem chaotisch zusammengewürfelten Häusermeer wie eine Rakete heraussragte. Ich fragte einen Mitreisenden, was das für ein Bauwerk sei. Der Pole sah mich überrascht und zu Recht ein bisschen vorwurfsvoll an: "Das ist der Kulturpalast", sagte er,"das bekannteste Wahrzeichen der Stadt."

Aus Zeiten eines 'verrïckten Zuckerbäckers'Inzwischen weiß ich: Viele Polen haben ein zwiespältiges Verhältnis zu dem "Traum eines verrückten Zuckerbäckers", wie sie den Kulturpalast aufgrund seiner tortenhaften Üppigkeit boshaft nennen. Stalin, der "verrückte Zuckerbäcker" wollte, indem er ihnen das damals zweitgrößte Gebäude Europas zum Geschenk machte, die polnischen Genossen dezent auf ihre Freundschaft zur Sowjetunion aufmerksam machen. Das war Anfang der 1950er Jahre.

Schaut man heute von der im 30. Stock auf 141 Metern Höhe gelegenen Aussichtsplattform hinunter auf die Stadt, ist das der Blick auf eine florierende, kapitalistische Metropole irgendwo in Europa: Im Akkordtempo wurde eine Skyline in die Höhe gezogen, die an Frankfurt am Main, wenn nicht New York oder Boston erinnert. Die blaugläsern glitzernden Wolkenkratzer machen dem Kulturpalast nicht nur an Höhe Konkurrenz: Architektonisch sind sie kaum weniger aufmerksamkeitsheischend als der Moskauer Import.

Wirtschaftsboom – nur in Warschau

Auch das extravagant gewellte Glasdach der "Goldenen Terrassen" zieht Blicke auf sich. Mit übergroßen Werbeflächen und viel falschem Marmor lockt es eine unerschütterlich konsumfreudige Menschenmenge an. Nach Warschau, wo ausländische Firmen investieren, wo es Geld und Arbeitsplätze gibt, ziehen die Menschen aus allen Winkeln des Landes. Denn im Vergleich zur rasanten Entwicklung der Hauptstadt und ihrem modern-europäischen Flair, ist im Rest des Landes, außerhalb der Großstädte, vom Wirtschaftsboom nicht viel zu spüren.

Selbst in Warschau lenken die sauber polierten Fassaden davon ab, dass die ständig steigenden Mieten und hohen Preise mit den im europäischen Vergleich niedrigen Einkommen [durchschnittlich 4500 zł/ ca. 1000 Euro brutto monatlich] nur schwer zu begleichen sind - oft reicht ein Job dazu nicht aus.

Neues Polen, neue Arena: Geschichten aus dem Warschauer Nationalstadion

Noch spät in der Nacht sieht man in den Bürotürmen die Lichter brennen. Viel schneller als der Lebensstandard hat sich der Lebensstil dem westlicher Metropolen angepasst: Kaffees, Kneipen und Restaurants sind gut besucht, ständig eröffnen neue Galerien und Clubs. An jeder Ecke der Stadt wird gebaut und erneuert – gerade jetzt, kurz vor der EM 2012 wird die Stadt mit Hilfe von milliardenschweren EU-Geldern auf Hochglanz modernisiert. Es entstehen eine zweite Metrolinie, neue Straßen, Hotels und ein neues Stadion. Und durch die aufgrund der vielen Bauarbeiten stauverstopften Straßen weht ein optimistischer, modernisierungsbejahender Wind, verstärkt noch durch Erfolgsbilanzen: PolensWirtschaftwachstum ist als einziges in der EU trotz Finanz- und Eurokrise nach wie vor positiv. 2010 wuchs das polnische Bruttoinlandsprodukt mit 3,8 Prozent schneller als in Deutschland. Auch die Prognosen für 2012 sind vielversprechend. 

Warschau im Jahr 2011 ist kaum vergleichbar mit der Stadt, die ich vor sechs Jahren das erste Mal besuchte. Vieles ist nicht wiederzuerkennen und Orte, die mir gerade deswegen gefielen, weil sie noch nicht nach europäischen Standards bereinigt waren, wie zum Beispiel der Jarmark Europa, der "Russenmarkt", der dem Stadionneubau für die EM weichen musste, sind inzwischen verschwunden. Der Kulturpalast dominiert nach wie vor das Stadtbild. Aber jedesmal, wenn ich durch das Fenster des Berlin-Warszawa-Express seine futuristisch-sozialistische Silhouette sehe, erwarte ich, dass ihn inzwischen ein neuer Wolkenkratzer an Höhe übertrumpft hat.

Fotos: (cc)Daniel Gasienica/flickr