Wir haben La Femme erschaffen

Artikel veröffentlicht am 9. September 2016
Artikel veröffentlicht am 9. September 2016

Für ihr zweites Studioalbum Mystère zieht sich die französische Band La Femme nicht mehr aus. Sie baut sich vor euch auf, glotzt und macht euch an. Leute, ihr könnt stolz auf euch sein.

Mal ganz ehrlich, wir meckern oft. Umso mehr wenn wir unseren Platz an einem naturbelassenen Strand plötzlich wieder gegen ein Klick-Klack-Sofa in einer 25-Quadratmeter-Bude inklusive Waschmaschine eintauschen müssen. Aber wenn euch schon die Rückkehr zum Alltag den Teint eines Innenministers im September verleiht, ist es ganz besonders die Musik unserer Generation, die uns jeden Tag die Haare zu Berge stehen lässt.

Mal ganz ehrlich, man kann es nie allen Recht machen. Jedes Mal wenn eine neue Ikone die waltende Lärmbelästigung mit dem Vocoder herausfordert, streamt die halbe Weltbevölkerung schüchtern, während die andere sich an der furchtbar 'kommerziellen Prostitution' ereifert. Weiter unten, im Untergrund, wird der kleinste avantgardistische Versuch bereits mit dem Kleidungsstil seines Publikums bemessen. Und ob es nun electro-softgarage-funk oder dreampop ist, all diese Indie-Gruppen sind dazu verdammt, zwischen jenen Mauern zu existieren, die entweder Stan Smith tragen, Aperol mögen oder Burger zu astronomischen Preisen verschlingen.

Auch Frankreich ist da keine Ausnahme. Aber vielleicht schwebt die folgende Devise hier öfters als in anderen Ländern über jeder musikalischen Neuveröffentlichung: 'Früher war alles bessser.' Ihr werdet zustimmen, dass es immer schwieriger wird, einen Platz an der Sonne zu bekommen, zwischen 'kommerzieller Prostitution' der Hitmaschinerie und dem ganzen Hipsterquatsch. Und weil wir hier ein bisschen übertreiben, werdet ihr auch zustimmen, dass machmal die richtige Band einen Platz an der Sonne erhält. Gruppen, die mit ihren Alben genug Talent und künstlerische Distanz beweisen, sodass sie beide Seiten der Mauer begeistern, welche sich wiederum wie versteinert anstarren. Ihr habt den Titel gelesen, die Rede ist von La Femme.

Diesmal müssen wir euch La Femme nicht mehr vorstellen, diese Gruppe Pariser Jungs - ursprünglich aus Biarritz - die bereits 2013 die Aufmerksamkeit in Frankreich auf sich zogen. Doch weil Musik immer ertsmal mit Aufmerksamkeit zu tun hat, erlaubt uns folgenden Einwurf: Wenn La Femme jetzt mit einem neuen Album kommt, tatsächlich immer krasser wird und mehr und mehr Begeisterung erfährt, dann kommt das davon, dass es sich um eine Gruppe handelt, die verdammt gut mir ihrer Generation klarkommt.

Das war schon beim ersten Album - Psycho Tropical Berlin - so. Und auch bei ihrem neuen Album - Mystère - , das Anfang der Woche erschien, ist es nicht anders. Clémence und ihre Jungs - Sacha und Marlon, die Songschreiber - haben noch einmal eine Serie Songs produziert, die die 18-35-Jährigen mit knallrotem Lippenstift brandmarken wird. 2013 habt ihr euch gefragt, was ihr bei "It's time to wake up" so getrieben habt, bei "Nous étions deux" habt ihr bestimmt an den oder die Ex gedacht. Mit Mystère werdet ihr euch nun fragen, wo all eure Kumpels hin sind ("Où va le monde ?"), dem Sommertraum nachhängen ("Tatiana"), dem Spleen der Rückkehr zum Alltag nachgeben ("Septembre") oder euch ganz einfach mal um diesen elenden Pilz kümmern ("Mycose").

Die Stimme von Clémence Quélennec wird die YayYay und Flowerpower-Fans besänftigen. Die psychedelic-Anhänger kommen mit den schrägen Klängen von Sacha Got und Marlon Magnées Instrumenten auf ihre Kosten. Mit guten Musikern bringen La Femme ein Maximum an möglichen Elementen zusammen und schlagen dadurch Brücken verschiedenster Stile, Epochen und Menschen. Aber es ist vor allem die Beobachtungsgabe der Band, die La Femme zum Phänomen einer ganzen Generation macht. Platt gesagt: Wenn ihr La Femme hört, dann seht ihr sehr, sehr viel von eurem eigenen Leben. Normalerweise schreibt man das ja immer der Literatur zu, aber nun haben wir es endlich auch auf Platte. Das ist gut so.

Das ist gut, weil ihr endlich aufhören werdet zu meckern. Denn wenn La Femme so gut über euch spricht, dann weil sie euch anglotzt. Immer. Und ihr werdet aufhören euch Videoclips auf D17 (franz. Musiksender, AdR) anzuschauen. Und ihr werdet euch auf euren Klick-Klacks aufrichten und in den Spiegel schauen und stolz sein. Weil ihr eine großartige Gruppe erschaffen habt. Weil ihr La Femme geschaffen habt. 

La Femme - « Septembre »

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Anhören : 'Mystère' - La Femme (Barclay/2016)