Willkommen in Sowjetland

Artikel veröffentlicht am 16. August 2005
Artikel veröffentlicht am 16. August 2005

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In Transnistrien, einer selbsterklärten autonomen Region von Moldawien am Rande des x-ten Bürgerkriegs, scheint die Zeit vor 15 Jahren stehen geblieben zu sein.

Transnistrien ist eine der vielen selbsterklärten unabhängigen Republiken, die aus dem Zerfall der Sowjetunion geboren wurden. Mit einer Bevölkerung von 700.000 Personen befindet sich die Region mit der Hauptstadt Tiraspol in einem Erdstreifen zwischen dem Dnjestr-Fluss und der Ukraine. Eine veraltete industrielle Infrastruktur dominiert das Landesinnere und verweißt auf die Geschichte als ehemaliges sowjetische Industriegebiet. Das Streben nach Unabhängigkeit von Moldawien unterscheidet sich von dem im georgischen Ossetien und Abchasien (beides Staaten, die für die internationale Gemeinschaft nicht existieren) derart, dass Transnistrien an der kulturellen und militärischen Tradition des alten Sowjetimperiums festhält.

Die Abspaltung

In der Folge des Zerfalls des Sowjetapparats hat Moldawien 1991 durch seinen Präsidenten Snegur erklärt, sich Rumänien anschließen zu wollen, mit dem der Staat ein kulturelles und sprachliches Erbe teilt. Die politische Führung in der Hauptstadt Chisinau beeilte sich, Rumäsisch zur offiziellen Landessprache zu erklären, das lateinische Alphabeth wiedereinzuführen und aufs Neue den Leu als Zahlungmittel festzulegen. Aber die Vereinigung mit Rumänien hat nie stattgefunden. Dennoch begann die russischstämmige Gemeinschaft Transnistriens, die sich bedroht fühlte, bald darauf einen blutigen Bürgerkrieg, unterstützt von der noch aktiven 14. Division der Roten Armee unter einem ukrainischen und einem tschetschnischen General. Doch bis heute wurde der kleine Staat nicht anerkannt, noch wurde er formell zu einer Bundesregion Moldawiens.

Ein Geschichtsmonument

Man kann Transnistrien als den einzigen sowjetischen Staat betrachten, der die 90er Jahre überlebt hat: Die offizielle Sprache ist russisch, die roten Sterne und Statuen des alten Regimes blieben allesamt stehen und die politische und wirtschaftliche Macht sind in festen Händen. Die Region wird totalitär durch die Familie Smirnov regiert. Der Vater als Präsident und der Sohn als seine rechte Hand leiten die einzig – staatliche - Industriegruppe, die die Erlaubnis hat, Waren zu exportieren und Kraftstoffe zu verkaufen. Igor Smirnov, der Vater als Präsident, hat eine slawophile Regierung installiert, mehr durch ihn als durch Russland oder die Ukraine an der Macht gehalten und, so sagt man, finanziert durch den illegalen Waffenhandel.

Unter den Regionen Moldawiens, dem Staat mit dem niedrigsten Bruttoinlandsprodukt in Europa, scheint Transnistrien die einzige mit einem florierenden Handel zu sein - hauptsächlich Kriegsmaterial, das illegale und terroristische Bewegungen direkt aus den von Smirnov geführten Fabriken beziehen. Bei den Wahlen 2001 hat der Führer der kommunistischen Partei Vladimir Voronin 70% der Stimmen erhalten. Das Ergebnis durch ein Versprechen erreicht worden, eine Lösung für das Problem der Sezession durch bilaterale Abkommen mit Russland und dem Westen zu finden. Doch bis heute ist es nicht möglich gewesen, einen Frieden zu erzielen und das Verhältnis der beiden moldawischen Feinde bleibt kalt und instabil. Das zeigt auch die Tatsache, dass 2004 alle rumänischsprachigen Schulen in Transnistrien geschlossen wurden, mit Unterstützung der Roten Armee. Der vorgesehene Rückzug der Truppen nach Moskau ist niemals geschehen.

Ende der westlichen Ignoranz?

Moldawien wurde jahreland von Europa und den USA vernachlässigt. Doch kürzlich kamen moldawische und transnistrische Repräsentanten mit Vertretern der OSZE, Rumäniens, Russlands und der Ukraines zusammen, um einen Ausweg zu finden. US-Präsident Bush traf außerdem den moldawischen Präsidenten Vladimir Voronin. Zusammen haben sie auf bilateralem Weg ein IWF-Paket geschnürt, dass den leeren Kassen in Chisinau gut tun wird.

In den Wahlen am 6. März errang die Kommunistische Partei erneut mit 47% der Stimmen den Sieg. Jedoch war es nicht möglich, in der Region Transnistrien zu wählen, da die Regierung doch keine Autorität besitzt. Stattdessen wurden Wahllokale entlang der Grenze am Djnestr-Fluß eingerichtet.

Ein Land mit ungewisser Zukunft

Die proamerikanische Wendung Voronins und die dauerhafte Mitwirkung des Westens könnten zu einem erneuten nationalem Konflikt führen, das die Zukunft des Landes, das heute schon von Waffen-, Kinder- und Organhandel geprägt ist, noch ungewisser werden lässt. Transnistrien scheint als eine vergessene sowjetische Enklave, die, wenn sie keine Gefahr für die Stabilität in der Region darstellen würde, als historischer Themenpark „Sowjetland“ durchgehen würde. Leider ist die Spannung mit Chisinau stark und heute, mit der ukrainischen Wende gen Westen, wird sich die Lage nur stabilisieren, wenn sich die großen internationalen Akteure einschalten, um eine friedliche Lösung zu finden. Sonst wird ein weiterer Bürgerkrieg dieses ohnehin schon von Armut gequälte Land überziehen.

Veröffentlicht am 11. März 2005 in der Rubrik OrientEspresso.