Willkommen in Merkollande: François 'Flanby' Hollande sticht Sarkozy aus

Artikel veröffentlicht am 7. Mai 2012
Artikel veröffentlicht am 7. Mai 2012
Frankreichs neuer Präsident heißt François Hollande. In der Stichwahl am Sonntag setzte sich der Sozialist gegen den konservativen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy durch. Hollandes Sieg wird Europa verändern, meinen Kommentatoren und haben hohe Erwartungen an das neue Staatsoberhaupt.

Süddeutsche Zeitung: Reüssieren Merkolande, geht die europäische Erfolgsstory weiter; Deutschland

Eine Verständigung mit Hollande wird die Kanzlerin davor bewahren, zum isolierten Hegemon der EU zu werden.

Der Wahlsieg von François Hollande ist eine große Chance, weil der Europakurs des deutsch-französischen Duos nun auf breiter Basis steht, meint die linksliberale Süddeutsche Zeitung: "Anders als 'Merkozy' decken 'Merklande' das konservativ-liberale und das sozialdemokratische Europa ab. Sie können als große Koalition dafür sorgen, dass deutsch-französische Vorgaben von den anderen Völkern akzeptiert werden. Eine Verständigung mit Hollande wird die Kanzlerin davor bewahren, zum isolierten Hegemon der EU zu werden. Merkel bekommt in Hollande einen Partner, mit dem sie die Herausforderung Europas angehen kann: die Sanierung der Staaten und die Entwicklung eines Sozialmodells, das in der neuen Welt Bestand hat. Reüssieren die beiden, wird die europäische Erfolgsgeschichte weitergehen. Scheitern sie, so könnten Angst, Frust und Wut der Bürger im Jahr 2017 einen Nationalpopulisten in den Élysée spülen." (07.05.2012)

Libération: Genießen wir diesen Moment; Frankreich

Lest unser vollständiges Dossier zu den französischen Präsidentschaftswahlen 2012: 1, 2 oder 3 - letzte Chance vorbei

François Hollande bietet die Chance auf eine Erneuerung Frankreichs, hofft die linksliberale Tageszeitung Libération: "Was für eine Freude. Was für eine unglaubliche Freude. Was für eine Freude darüber, dass das Zwischenspiel vorbei ist und der Fluch aufgehoben. […] François Mitterand war eben keine Anomalie der Geschichte, sondern der erste sozialistische Präsident. Jetzt gibt es einen zweiten: François Hollande. [...] Genießen wir diesen Moment, in dem sich das Volk für eine solche Wahl entschieden hat und dafür, in die Zukunft zu blicken. François Hollandes Aufgaben sind folgende: Er muss das Land wieder instandsetzen, natürlich. Er muss eine neue Gesellschaft schaffen. Er muss die Ungleichheit zwischen den Franzosen verringern, egal wer sie sind und woher sie kommen. Aber damit all das Gestalt annehmen kann, muss er vor allem auch eines tun: die Zukunft gestalten. Er muss beweisen, dass Frankreich nicht nur das Erbe einer glorreichen Vergangenheit verwaltet, sondern dass es auch eine Vision hat und die Fähigkeit, sich neu zu erfinden." (07.05.2012

Basler Zeitung: Hinter Hollandes jovialer Art steckt ein Mann, der weiß, was er will; Schweiz

So tauften die Konservativen den frischgebackenen Präsidenten während der Wahlkampagne - er habe zu wenig Biss!Mit dem neuen französischen Präsidenten ist nach Ansicht der konservativen Basler Zeitung auch ein Wandel der europäischen Krisenpolitik möglich: "Allein schon mit seiner Wahlkampagne und seiner Forderung nach einem Wachstumspakt hat er [...] in der EU einiges in Bewegung gebracht. Darauf wird er pochen, um noch weitergehen zu können. Dabei ist Frankreichs neuer Präsident nicht weniger patriotisch als sein Vorgänger. Hollande wird versuchen, Europa ein anderes Beispiel für Krisenpolitik zu geben. Seine Form des 'Sozialismus' ist eine Alternative zum dominierenden Wirtschaftsliberalismus, das verheißt harte Auseinandersetzungen. Hinter Hollandes jovialer und geselliger Art verbirgt sich ein Mann, der genau weiß, was er will und wann der Zeitpunkt dafür gekommen ist. Sonst wäre er nie Präsident geworden." (07.05.2012)

Corriere della Sera: Traum von mehr Sozialdemokratie in Europa; Italien

Mit der Wahl von François Hollande hat sich Frankreich für eine Wende entschieden, aber ganz sicher nicht gegen Europa, meint die liberal-konservative Tageszeitung Corriere della Sera: "Die Wahl ist zwar eine Abwehr, doch sie richtet sich nur gegen ein ganz bestimmtes Europa, ein Europa der Ungleichheit und der Opfer, ein Europa der Sparmaßnahmen ohne Wachstum. Die Wahl ist keine radikale Absage an ganz Europa, wie der Vormarsch des Front National von Marine Le Pen befürchten ließ. Mit der Wahl eines politischen Programms, das eine zerrissene Gesellschaft wieder zusammenführt, wurde die Angst besiegt. Als überzeugter Europäer und Meister der Diplomatie hat es Hollande geschafft, mit strategischem Fingerspitzengefühl die Linke und Teile der gemäßigten Wählerschaft zu versöhnen, ohne die er die Wahl nicht hätte gewinnen können. [...] Das Frankreich von Hollande träumt nicht mehr vom Sozialismus in einem einzigen Land, sondern von ein bisschen mehr Sozialdemokratie in ganz Europa." (07.05.2012

Gazeta Wyborcza: Sarkozy hat die Hoffnungen der Franzosen enttäuscht; Polen

Die Schwäche des bisherigen Präsidenten hat François Hollande zum Sieg verholfen und nicht das Wahlprogramm des Sozialisten, meint die liberale Tageszeitung Gazeta Wyborcza: "Das ist ein großer Erfolg für die französische Linke, die während der Fünften Republik nur einen einzigen Präsidenten gestellt hat. François Mitterand hat Frankreich 14 Jahre lang regiert, bis 1995. Danach setzte es eine Niederlage nach der anderen. Hollande hat diese Durststrecke jetzt zwar überwunden. Aber nicht, weil er die Massen für sich gewonnen hat, sondern weil Sarkozy die Hoffnung der Franzosen vollständig enttäuscht hat. [...] Für Polen kann die Wahl Hollandes allerdings eine gute Nachricht sein. Warschau war eine der wenigen Hauptstädte, die er während des Wahlkampfs besucht hat. Und Präsident Komorowski eines der wenigen Staatsoberhäupter, die sich mit ihm getroffen haben. Das dürfte ein angenehmes Klima bieten, um die Zusammenarbeit zwischen Polen und Frankreich in der EU zu stärken." (07.05.2012)

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Illustrationen: Teaserbild (cc)rsepulveda/flickr; François Hollande auf dem Place de la Bastille (cc)Publis Sénat/YouTube; "Niggas in Paris" (cc)wonderfunny/YouTube