Willkommen im Snackland!

Artikel veröffentlicht am 26. September 2012
Artikel veröffentlicht am 26. September 2012

Geröstete Erdnüsse, Orangenbonbons, Gurken mit Chili, Ananas mit Salz, puri bhaji, Masala Chips, Paprika Chips, Oriental Fantasy Chips, Schokoladenersatz, Samosas, Cashewnüsse, Kichererbsencurry mit Koriander, bhel puri, geröstete Maiskolben, Masala Tapioka, Frittiertes, Pakoras mit Chilidip, aloo chaat, ungeschälte Erbsen, Cola, Fanta, Mangodrinks, Seven Up und Limca...

Was nach einem königlichen Nachtmahl klingt, ist nur eine kleine Auswahl der Tüten, Schälchen und Getränke, die jeder Snackbudenbesitzer in Indien in seiner Auslage präsentiert. Damit für jeden Geschmack etwas dabei ist, gibt es Chips und Nussmischungen in 1001 Gewürzvariation, die für Ausländer vor allem eines sind: scharf. Denn ohne masala, die weltberühmte indische Gewürzmischung, geht es dabei nicht. Wer will schon schlabberige Kartoffeln ohne Geschmack essen? Inder auf jeden Fall nicht.

food_shrine.jpg Da in Indien ja bekanntlich alles länger dauert und man mindestens fünfmal am Tag auf den Bus, den zuständigen Beamten oder eine Verabredung warten muss, sind Snacks – hier chaat gennant – nach Chai Trinken der beste Zeitvertreib. Während die Chips und Nussmischungen in ihren schillernd bunten Plastiktütchen eher dem 20. Jahrhundert angehören, sehen Snacks wie bhel puri so aus, als ob sie schon seit Tausenden von Jahren von turbanbewehrten Straßenverkäufern in ihren großen Blechpfannen geröstet und in kleinen Papierschälchen verkauft würden. Bhel puri beispielsweise ist eine Mischung aus Puffreis, Kartoffeln, Zwiebeln, Tomaten und Tamarindensoße, großzügig mit Koriander und masala garniert. Der Name und die Zutaten dieses chaats variieren dabei je nach Region, billig ist der Straßensnack aber überall.

Wer bei der Erwähnung des Wortes Snack allerdings an eine klebrig-triste Frittenbude denkt, der würde in Indien wohl vor Staunen den Mund aufreißen. Denn die chaat wallahs verfügen, wie ganz allgemein alle Inder, über einen ausgeprägten Sinn für Ästhetik. Dementsprechend dekorieren sie ihre Verkaufstische, vom einfachen Straßenkarren bis zur Snackbude, mit Limetten, Tomaten und Plastiklametta wie einen kleinen Schrein. Ganz so überraschend wie das zuerst scheinen mag, ist das aber doch nicht, denn auch das Essen zählt in Indien zu den vielen Dingen, die auf diffuse Weise „heilig“ sind.

Seltsam wird das Ganze nur, wenn man bedenkt, dass ein Drittel der offiziell Armen der Welt laut Angaben der World Bank in Indien leben. 32,7% der Bevölkerung befinden sich dabei unter der Armutsgrenze. Da diese aber äußerst niedrig festgelegt ist, wird sie in Indien auch manchmal starvation line gennant – wer darunter lebt, hungert sich zu Tode. Wie aber geht extreme Armut mit einer opulenten Snackkultur zusammen? Die kulinarische Besessenheit lässt sich vielleicht gerade durch den allgegenwärtigen Hunger erklären, dessen Überwindung das erste Zeichen eines sozialen Aufstiegs ist. Wer sich bhel puri und Fanta leisten kann, wenn er auf den Bus wartet, der hat wohl auch einen mehr oder minder ertragsreichen Job und schläft nicht mehr auf der Straße.

uttapam.jpgHunger ist aber nicht das einzige Ernährungsproblem Indiens: So paradox dies auch klingen mag, wächst auf Grund des rapiden Wirtschaftswachstums und der sozialen Umwälzungen die Zahl der überernährten Inder stetig und das vor allem in den Städten. Wer zur neuen Mittelklasse gehöre, könne man – so erklärt mir ein indischer Freund – am Besten an der Speckrolle über der Hose oder dem Saribund erkennen. Je dicker die ist, desto mehr Reis, Dhal und chaat wird verzehrt und desto reicher ist ihr stolzer Träger.

Die meisten Inder, denen man an der Snackbude begegnet, können von Überernährungsproblemen aber wohl nur träumen. Während der chaat wallah fettige Samosas in Papier einwickelt und Chipstüten von der Auslage herüber angelt, serviert der alte Mann am Nebenstand den dazugehörigen chai. Der Kauf und Verzehr der scharfen Köstlichkeiten dauert genauso lange wie der kurze Halt, den ein Lokalbus alle zwanzig Minuten einlegt, und wer seine letzte Rupie schon vorher für Orangenbonbons ausgegeben hat, dem bietet der Sitznachbar seine Chips an. Denn Snacks sind in Indien vor allem ein soziales Vergnügen und werden daher grundsätzlich immer geteilt – bis zur letzten Erdnuss.