Willkomen bei den 'Beurgeois': Wenn die Gänseleber halal wird

Artikel veröffentlicht am 19. Oktober 2010
Artikel veröffentlicht am 19. Oktober 2010
Durch das Fest des Fastenbrechens erhält der Ramadan einen besonderen Höhepunkt. Auf dem politischen Parkett Frankreichs jagt derzeit eine Anti-Islamhetze die andere. In der Wirtschaft hingegen entwickelt sich ein ungewöhnlicher neuer Markt: „Premium“-Halal. Sein Zielpublikum sind die sogenannten „Beurgeois“, junge Führungskader mit maghrebinischer Herkunft.
Sie verfügen scheinbar über alle Trümpfe, um als Modelle einer gelungenen Immigration herzuhalten. Nur das Medienecho lässt noch zu wünschen übrig.

Am Abend des 10. September haben mehrere Millionen Franzosen das Ramadanende mit dem Fastenbrechen gefeiert. Hierbei handelt es sich nicht um eine Racheveranstaltung bei Minztee für die antiislamischen Provokationen mit Schweinefleisch und Alkohol, sondern um ganz konkrete Zahlen. In Frankreich nimmt die Zahl der Muslime stetig zu. Auch wenn die aktuelle französische Politik die Rolle des Islam ignoriert, so ist hier doch ein neues Geschäftsmodell im Aufwind. In Frankreich wird der Umsatz mit Halal-Produkten noch 2010 die 5 Milliarden-Euro-Schwelle überschreiten. Die Unternehmer zeigen sich hierbei immer weniger besorgt gegenüber Anfeindungen: „Sie haben rasch begriffen, dass Halal angesichts der Krise besser als Bio ist“, erklärt Rachid Bakhalq, Gründer des ersten französischen Halal-Supermarkts, des Hal'Shop von Nanterre.

Zwänge innerhalb der Parallelgesellschaft? Wettstreit der Identitäten? Diese Debatten scheinen wie weggeblasen, wenn man diesen angenehmen Luxussupermarkt betritt, in dem sich eine große Auswahl an Halal-Produkten der Premiumklasse finden lässt. Denn im Gegensatz zu der ebenso falschen wie verbreiteten Vorstellung handelt es sich bei dem arabischen Wort „halal“ („erlaubt“), um wesentlich mehr als jenes Schlachtverfahren, das Brigitte Bardot so empört hat. „Halal ist eine Philosophie, eine spirituelle Haltung. Die Beschränkung der Bezeichnung halal auf die Ernährung oder auf Fleisch ist eine Beleidigung“, erklärt Rachid Bakhalq.

„Die Integration geschieht zuerst auf den Tellern“

Das Hal'Shop-Firmenlogo erscheint als betonter Widerspruch gegenüber den Anwürfen, die den Verkauf von Halal-Produkten mit polarisierenden Praktiken in Verbindung bringen. Seinem Schöpfer zufolge stellt die ernährungsbezogene Wahl, die der Hal'Shop propagiert, eher eine Art gastronomischer Integration dar: „Die Integration geschieht zuerst auf den Tellern. Frankreich erfährt heutzutage weder für sein politisches noch für sein wirtschaftliches Modell Anerkennung. Das Hexagon ist vielmehr für seine Gastronomie bekannt, für seine Delikatessen. Die französischen Muslime wollen speisen wie alle anderen auch, und das vor allem französisch. Der Hal'Shop verschafft ihnen Zugang zur europäischen Gastronomie.“ Vergesst Kuskus und Tajine, hier kommt man her, um Gänseleberpastete zu kaufen!

Und tatsächlich. Denn Kunden sind hier vorwiegend Mitglieder der anspruchsvollen französisch-maghrebinischen Elite. Es handelt sich um junge, dynamische Führungskräfte von 25 bis 40 Jahren, die als Einwandererkinder eine höhere soziale Stellung erreicht haben als ihre Eltern. Auch wenn die Medien diese „Vorzeigeschüler“ der Immigration eher vergessen haben, sind sie dem Handel doch wohlbekannt. Künftig wird man sie in Frankreich wohl unter dem Namen „Beurgeois“ [aus französisch bourgeois und beur (Verlan für Araber, das einen in Frankreich geborenen maghrebinischen Einwanderer bezeichnet); A.d.R.] kennenlernen.

Eine Bezeichnung, die, so Rachid Bakhalq, immer mehr Muslime für sich beanspruchen. Ihm zufolge entmystifiziert sie das (falsche) Prinzip republikanischer Gleichheit und verweist auf die Trümpfe der Integration. Im Netz finden sich sogar „Beurgeois“, die sich ganz auf dieses Thema konzentrieren und die Bezeichnung voller Stolz einfordern. Doch nicht alle Betroffenen teilen diese Haltung. Für Karim, einen 25-jährigen Ölmanager, steht der diskriminierende Charakter im Vordergrund: „Ich identifiziere mich überhaupt nicht mit dieser Gruppe. Der Erfolg gehört allen und für mich transportiert diese Bezeichnung auch: Egal, was du tust, welche Karriere du machst und was du erreichst, du bleibst ein Araber.“

Erobern Halal-Produkte Europa?

Trotzdem befürworten die meisten „Beurgeois“ die Multikulti-Identität. Karim betont: „Meine zweifache Kultur ist ein Plus, sie macht mich stärker. Rachid Bakhalq sieht das Problem eher darin, dass die Politiker „sie absichtlich ignorieren und lieber glauben, dass die Muslime die Vororte bevölkern und dort auch bleiben werden.“ Der Unternehmer ist überzeugt: Schneller als durch die Politik werde ein Wandel dieser Haltung von der Wirtschaft ausgehen, die den Marktgesetzen gehorcht.

Mc Do, Quick mais aussi Haribo ont opté pour ce nouveau marché

Übrigens halten die politischen Debatten Großunternehmen nicht davon ab, sich immer stärker zum Halal zu bekennen und für diesen neuen Markt zu entscheiden: Danone, Haribo und Fleury Michon vermarkten künftig Halal-Produkte. Nach dem großen wirtschaftlichen Erfolg plant die Schnellimbisskette Quick, deren Niederlassung in Roubaix das Ziel diskriminierender Angriffe war, eine Fortentwicklung des Modells in weiteren Restaurants.

In Europa haben Belgien, Spanien und Italien Verhandlungen mit islamischen Einrichtungen aufgenommen, um eine nationale Organisation zur Halal-Zertifizierung einzurichten. Trotz der willentlichen Nicht-Wahrnehmung durch die führende Klasse Frankreichs hat sich die Integration via Teller wohl schon als wirksam erwiesen.

Fotos: (cc)macalin/flickr ; McDonalds, (cc)crderivative/flickr ; Videos reconquista2012/YouTube